IT-Profi Nick Jones im FORMAT-Interview:
Branchen-Trends vom "Mobilfunk"-Flüsterer

Gedanken des Vizepräsidenten von Gartner Research Internet-Chancen und schwere Zeiten für Mobilfunker

Die Spezialgebiete des Briten Nick Jones, 52, sind Mobilfunk und Drahtlostechnologien, auch in ihren sozialen Auswirkungen. Jones ist seit elf Jahren bei Gartner und war zwei Jahrzehnte in der IT-Industrie tätig. Der Rat des Top-Redners wird auch bei heimischen Telcos gern gehört.

Format: Mister Jones, Sie betonen oft, dass Netzbetreiber "Firmen-freundlicher" werden müssen. Was heißt das?

Jones: Sie müssen bessere Provider werden. Unternehmer erwarten sich keine speziellen Firmenprogramme, aber einen garantierten Datentransport. Welche Firma will Geld für hochpreisige Mehrwertdienste zahlen? Schlechte Nachrichten, ich weiß. Aber letzten Endes sind sie nichts anderes als "Bit pipes". Gute Nachrichten gibt es für die Gerätehersteller, weil die Nachfrage steigt. Die Nokia-E-Serie oder Windows-Geräte mit Push-Mail gehen in die Richtung. Diese Hersteller haben verstanden, dass Firmen andere Bedürfnisse haben.

Format: Ist BlackBerry ein Pferd, auf das Sie noch setzen würden?

Jones: Noch ist BlackBerry ein großer Fisch in einem kleinen Teich. Und sie könnten es auch schaffen, ihre fünf Millionen Nutzer auf zehn oder 15 zu pushen. Wenn Nokia, Motorola und Microsoft richtig loslegen, werden sie mittelfristig in Schwierigkeiten kommen. Dann reden wir von einem Markt, der um Zehnerpotenzen größer ist. Aus Firmenkundensicht kommt noch ein weiterer Aspekt dazu. BlackBerry ist toll für Mails, aber nicht für andere Firmen-Software. Für die Software-Entwickler ist die Microsoft-oder Symbian-Plattform viel besser.

Format: Bleiben wir bei den Geräteherstellern. Wie viele von den zehn Herstellern werden in fünf Jahren noch am Markt sein?

Jones: Die Konsolidierung geht weiter. Heute werden schon 65 Prozent des Markts von den Top 3 - Nokia, Motorola und Samsung - bestritten. In dem Geschäft kannst du nur als Großer bestehen. Selbst Nokia kalkuliert den Einbau jeder 50-Cent-Komponente. Gerade an der Spitze geht es aggressiv zu, vor allem durch Samsung, die sich Motorola schnappen könnte. Alle hinter den Top 6 haben keine Chance.

Format: Welche Handys wollen eigentlich die Kunden? Die Vielfalt wird größer, die Funktionen diversifizierter ...

Jones: Das Geschäft ist im Prinzip ein Fashion-Business. Das Gros der Kunden entscheidet nicht nach Features, sondern nach Optik. Das bestverkaufte Teil 2005 war eine Design-Meisterleistung - das Motorola-RAZR. Meine Tochter verwendet seit zwei Jahren ein kleines Nokia, mit dem man kaum wählen, geschweige denn SMS versenden kann. Auf die Frage nach dem Warum meinte sie, dass sie eben immer noch Leute fragen, was das für ein Teil sei. Diesen Consumer-Nerv zu treffen ist noch immer das Wichtigste, denn der Markt für Smartphones ist noch verhältnismäßig klein.

Format: Kommen wir zurück zu den Mobilfunkern. Was sind deren größte Herausforderungen? Überleben hier auch nur die Kaliber vom Schlage einer Vodafone, und mit welchen Diensten verdienen sie künftig das Geld?

Jones: Da gibt es leider viel zu sagen. Die wichtigste Herausforderung für die Mobilfunker ist die Änderung ihres Geschäftsmodells. Sie müssen es möglichst schnell schaffen, von ihren Hauptumsatzträgern Sprache und SMS wegzukommen. Der Sprachverkehr wird von Skype bedroht und SMS durch Instant Messaging ersetzt werden.

Format: Die Umsätze mit Datendiensten ziehen doch langsam an ...

Jones: Die besten Netzbetreiber kommen derzeit auf zehn Prozent Datenumsatz - exklusive SMS. Die meisten liegen eher bei fünf Prozent. Wenn Vodafone kürzlich stolz verkündete, zehn von seinen 180 Millionen Kunden von UMTS überzeugt zu haben, muss ich sagen, da sind sie echt gescheitert.

Format: Klingt hart. Dass sich die UMTS-Chose erheblich verzögert hat, ist ja bekannt. Lässt sich das korrigieren?

Jones: Die meisten Netzbetreiber denken noch immer falsch. Sie lassen sich tolle Dienste einfallen, die man tunlichst nur auf dem Gerät nutzen kann. Etwa die Videotelefonie. Dann sind sie enttäuscht, wenn die Leute es nicht nutzen, und müssen die Preise senken. Sie haben noch ein prinzipielles Problem, das sich nicht so einfach überwinden lässt. Sie können nie so schnell so innovativ sein, dass sie das Internet nicht links und rechts überholen würde. Google wird immer besser sein, als es ein Netzbetreiber-Portal je sein kann. Die Geschäftsmodelle unterscheiden sich wie Tag und Nacht.

Format: Was macht Google anders?

Jones: Google setzt einen neuen Dienst in den Markt, ohne am Anfang genau zu wissen, ob und wie er angenommen wird. Sie tun zwei Dinge: Sie beobachten genau, was die Benutzer damit machen und wie ihre Partner es nutzen. Um dann, wenn es ein Geschäft ist, entweder Werbung dazu zu verkaufen oder sich einen Teil der Partnerumsätze zu holen. Deshalb haben wir G-Mail und Google Earth. Es hat schon einen Grund, warum die beliebtesten und neuesten Dienste, die Innovationen, wie Blogs, Wiki und Co, noch immer aus dem Internet kommen. Über das Internet kann viel leichter eine längerfristige Kundenbeziehung aufgebaut werden, und die funktioniert von überall auf der Welt. Bei den Netzbetreibern kommt zuerst immer die Frage, wo ist mein Kunde gerade und wie kann ich ihm dort einen Dienst anbieten. Der muss dann aber immer noch einen Tick mehr können, damit er auch bezahlt wird. Der Mobilfunk wird noch länger ein "Snack Business" bleiben.

Format: Aber gerade die ortsgebundenen Dienste wären ja ein Asset der Mobilfunker?

Jones: Theoretisch ja. Und da gibt es auch witzige Dinge, wie etwa Restaurantkritiken in Form virtueller Post-its, die mir andere Stadtbesucher hinterlassen und die ich mir auf das Handydisplay kommen lasse, wenn ich in dem Viertel nach einem guten Lokal suche.

Format: Wenn wir derzeit das Web in der Version 2.0 erleben, wie weit sind wir vom Mobile Business 2.0 noch entfernt?

Jones: Zwischen 2009 und 2011 wird es sich entwickeln. Die Dinge brauchen hier länger. Überlegen Sie, wie oft Sie sich für Ihr Handy ein Software-Upgrade holen. Die meisten Kunden nur dann, wenn sie ein neues kaufen. Im Web hole ich mir laufend die neuen Programme.

Das vollständige Interview können Sie im aktuellen FORMAT (Nr. 19) nachlesen!