Nahost-Konflikt von

Israel: Vergeltung
für entführten Soldaten

Schon über 100 Palästinenser getötet. Erneut Bombenalarm in Tel Aviv.

Israelische Panzer © Bild: APA/EPA/Jim Hollander

Nach dem Scheitern einer Waffenruhe haben die israelischen Streitkräfte ihre Angriffe im Gazastreifen intensiviert. Die Militäreinsätze konzentrierten sich in der Nacht auf Samstag auf die südliche Stadt Rafah. Dort suchten Soldaten weiter nach einem ihrer Kameraden, der nach israelischen Angaben von einem Kommando der radikal-islamischen Hamas entführt wurde. Die Hamas bestreitet das.

Trotz der neuen Auseinandersetzungen kündigte die Palästinensische Autonomiebehörde an, am Samstag eine Delegation zu Verhandlungen über eine Beruhigung der Lage in die ägyptische Hauptstadt Kairo zu entsenden.

23-jähriger Soldat entführt

Der 23-jährige Leutnant Hadar Goldin fiel nach Angaben des israelischen Militärs einem Hamas-Kommando in die Hände, als seine Einheit an der Zerstörung eines Tunnels in den Gazastreifen arbeitete. Der Armee zufolge ereignete sich die Entführung Freitagfrüh eineinhalb Stunden nach Beginn einer dreitägigen humanitären Waffenruhe, die die Vereinten Nationen und die USA zuvor zwischen Israel und radikalen Palästinensern vermittelt hatten. Als Reaktion darauf erklärte Israel die Feuerpause für gescheitert.

Der bewaffnete Arm der Hamas, die Al-Kassam-Brigaden, bestritt in der Nacht auf Samstag, den Soldaten entführt zu haben. "Wir wissen nichts über einen vermissten Soldaten, seinen Verbleib oder die Umstände seines Verschwindens", hieß es in einer Mitteilung, die an Journalisten versandt wurde. Nach einer Meldung der palästinensischen Nachrichtenagentur Ma'an hatten die Al-Kassam-Brigaden zuvor noch bestätigt, Goldin gefangen genommen zu haben.

Entführter Soldat Hadar Goldin
© APA/EPA/HO Der 23-jährige Leutnant Hadar Goldin

Soldat bereits tot?

Die jüngsten Angaben widersprachen auch Medienberichten, in denen es unter Berufung auf eine Mitteilung der Al-Kassam-Brigaden hieß, die Gruppe vermute, der seit einem Überfall vermisste Soldat und seine mutmaßlichen Entführer seien bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. "Wir haben den Kontakt zu den an dem Überfall beteiligten Kämpfern verloren, und wir vermuten, dass sie alle bei dem Bombardement getötet wurden", zitierte etwa die israelische Zeitung "Haaretz" aus der Mitteilung. Dabei sei wohl auch der Soldat ums Leben gekommen.

Osama Hamdan, ein Hamas-Sprecher in Katar, sagte dem US-Sender CNN, der Überfall habe sich vor Beginn der Waffenruhe ereignet. Ihm lagen nach eigenen Angaben bisher keine Informationen über den verschwundenen Soldaten vor. Er wies darauf hin, dass Goldin möglicherweise von "irgendeiner anderen Organisation" gefangen genommen worden sei. Zuletzt war 2006 der Soldat Gilad Shalit von einem Kommando unter Leitung der Hamas durch einen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt worden. Er kam erst mehr als fünf Jahre später frei - im Tausch gegen mehr als 1.000 palästinensische Häftlinge.

Über 100 Palästinenser getötet

Der neue Vorfall droht den aktuellen Konflikt weiter anzuheizen. Bis Mitternacht starben nach Angaben des Sprechers des palästinensischen Gesundheitsministeriums, Ashraf al-Kidra, mindestens 104 Palästinenser. Allein in der Nacht auf Samstag seien bei mehreren israelischen Luftangriffen in Rafah 29 Menschen gestorben, darunter 15 Mitglieder einer Familie. Zwei israelische Soldaten starben bei Gefechten mit Hamas-Kämpfern.

Gaza-Konflikt
© APA/EPA/Stringer

Die Lage der Zivilbevölkerung im dicht besiedelten Gazastreifen ist laut UN-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) katastrophal. Die Zahl der seit dem 8. Juli getöteten Menschen im Gazastreifen ist nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bis Samstagfrüh auf 1.610 gestiegen. Auf israelischer Seite wurden im Gaza-Krieg mindestens 63 Soldaten und drei Zivilisten getötet. Militante aus dem Gazastreifen feuerten am Freitag mindestens acht Geschoße auf Israel ab. Drei wurden von der Raketenabwehr abgefangen, die anderen landeten auf freiem Feld.

Neue Raketenangriffe auf Israel

Militante Palästinenser haben am frühen Samstagmorgen erneut Raketen auf Israel abgeschossen. In der Metropole Tel Aviv heulten um 05.00 (MESZ) die Warnsirenen. Nach Angaben des israelischen Militärs schoss die Raketenabwehr zwei Raketen über Tel Aviv und eine über der südlichen Stadt Beersheva ab. Am Tag zuvor hatten die Militanten rund 40 Geschosse aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert.

Unterdessen verurteilte der saudische König Abdullah das Schweigen der internationalen Gemeinschaft zu den "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" im Gaza-Konflikt. Das Blut der Palästinenser werde in kollektiven Massakern vergossen, die niemanden ausnähmen, sagte Abdallah am Freitag in einer Fernsehansprache. Für das Schweigen der internationalen Gemeinschaft gebe es keine Rechtfertigung. Sie sei sich nicht im Klaren darüber, dass es eine neuen Generation hervorbringe, die den Frieden ablehne und stattdessen an Gewalt und den Zusammenprall der Kulturen glaube.

Israels Armee greift Universität an

Die israelische Armee hat einen Luftangriff auf die Islamische Universität in Gaza geflogen. Das bestätigte eine israelische Militärsprecherin am Samstag. Ziel sei ein mutmaßliches Waffenlabor in einem Universitätsgebäude gewesen, schrieb die Armee auf Twitter. Die Hochschuleinrichtung gilt als der Hamas nahestehend.

Sie war auch im Gazakonflikt zur Jahreswende 2008/09 mit einer ähnlichen Begründung bombardiert worden. Insgesamt hat das Militär seit Freitagmittag mehr als 200 Ziele im Gazastreifen angegriffen.

Israel nimmt nicht an Verhandlungen in Kairo teil

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat den Waffenstillstandsplan seiner Regierung am Samstag als "echte Chance" bezeichnet, um eine Konfliktlösung zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas zu finden. Zu den Verhandlungen in Kairo wurden am Samstag Vertreter mehrerer palästinensischer Organisationen erwartet. Aus Jerusalem wird laut israelischen Regierungskreisen niemand entsendet.

Israel weitete stattdessen seine Angriffe auf den Gazastreifen seit Freitag massiv aus. Ganze Truppenformationen durchkämmten im südlichen Gazastreifen Häuser und verdächtige Orte auf der Suche nach dem vermissten israelischen Soldaten, unterstützt von massivem Artilleriefeuer, berichtete die israelische Tageszeitung "Haaretz" am Samstag online. Eine Militärsprecherin bestätigte, dass Israel in den vergangenen 24 Stunden 200 Ziele im palästinensischen Gebiet am Mittelmeer angegriffen hat.

Kommentare

Es sind eig. ganz allein die Politiker zuständig für dieses ganze Drama

Israel übt Rache an Zivilisten! Das ist eine Schande, das hätte man nicht erwartet. Die Spirale der Gewalt wird sich daher weiterdrehen, und niemand darf/soll was sagen - eben weil es Israel ist. Die Zeit des Zusehens wird aber ein Ende haben. Eine Tragödie.

Das ist nur mehr Kindermord und weil es Israel ist sieht die ganze Welt zu und schweigt. Hat Israel nichts aus der Geschichte gelernt? Wohl nein... Einfach nur traurig....

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