Island-Krimis von

Totentanz um den Vulkan

Zur Frankfurter Buchmesse öffnet das Land der Pleiten und Geysire seine Abgründe

Island-Krimis - Totentanz um den Vulkan © Bild: Fischer Verlag

Verstörend, unheilvoll, wild wie Lava speiende Vulkane: Die Schrecken des Eises und der Finsternis erreichten nicht nur über profane Wirtschaftsmeldungen von Island aus den Rest der Welt. Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober) trägt auch beängstigend Gutes zum beliebten Genre des Nordland-Krimis bei.

Ein Bub verschwindet, sein Geist verfolgt die trauernden Eltern: bis Yrsa Sigurðardóttirs Kommissarin Dagny Licht in die Geisterwelt bringt. Ein Kinderschänder wird mittels archaischer Methoden geschlachtet, ein Banker stürzt sich über Klippen zu Tode: bis der von Arnaldur Indriðason ersonnene Kommissar Sigurðor Óli die Täter stellt. Ævar Örn Jósepsson wartet mit einem ominösen Sektenführer und der skelettierten Leiche eines Mannes auf. Wilde Geschichten aus dem rauen Land der Geysire und Trolle.

200 Neuerscheinungen wurden für diesen Buchherbst aus dem Isländischen ins Deutsche übersetzt. Das von 320.000 Einwohnern dünn besiedelte Eiland leidet seit drei Jahren unter der Wirtschaftskrise. Auf den Buchmarkt aber wirkte sich das nicht aus. 40 Verlage brachten 1.500 Neuerscheinungen – im Durchschnitt kauft der Isländer acht Bücher pro Jahr. Der nationale Schriftstellerverband zählt 400 Mitglieder. Und: Neben Fisch ist Literatur wichtigstes Exportgut. 3,5 Millionen Exemplare seiner Romane verkaufte Islands erfolgreichster Kriminalist, Arnaldur In- driðason, im deutschsprachigen Raum.

Indriðason und die schrägen Polizisten
Dem heute Fünfzigjährigen gelang mit dem sympathischen, leicht psychotischen Ermittler Erlendur Sveinsson der Durchbruch. Neun Fälle lang ließ er ihn ermitteln. Themen wie Gewalt in Ehe und Familie seien ihm wichtig, sagt Indriðason im NEWS-Gespräch. Mit Cop Sveinsson haderte er diesfalls ernstlich. „Er ist in puncto Familie ein ziemlicher Versager, aber er ist ein guter Polizist.

Ich habe nie begriffen, warum er nicht beides zugleich sein kann.“ Also zog er den populären Erlendur aus dem Verkehr und führte im eben bei Lübbe erschienenen zehnten Roman „Abgründe“ (20, 60 Euro) einen neuen Ermittler ein. Doch mit Sigurður Ólis Innenleben sei es nicht besser bestellt, klagt Indriðason in witziger Verzweiflung: Seine Beziehung scheiterte, weil er nicht Vater werden wollte. Immerhin aber deckt der Chaot in einer gewaltigen Tour de Force die Zusammenhänge zwischen einem Kinderporno-Ring und verbrecherischen Bankern auf.

„Durch die Wirtschaftskrise ist ein neuer Verbrechertypus entstanden“, erklärt Indriðason. „,Abgründe‘ spielt noch vorm Zusammenbruch Islands. Damals wurde viel über Geldgier geredet, und sie war vielleicht die Ursache dafür, dass es zum Crash kommen musste. Vielleicht werden die neuen Verbrecher in der Kriminalliteratur die Banker und die Wirtschaftsbosse sein, die vor nichts zurückschrecken und an nichts anderes denken als den eigenen Profit.“ Und, programmatisch: „Meine Bücher sind sozialrealistisch. Ich versuche immer, gesellschaftliche Probleme einzuflechten.“

Nämliches will auch Ævar Örn Jósepsson, 48. „Ich versuche, in meinen Geschichten realistisch zu bleiben. Deshalb sind meine Krimis vielleicht nicht so spektakulär wie die von anderen.“ In seinem dritten Roman „Wer ohne Sünde ist“ (btb, 10,30 Euro) lässt er Kommissar Árni und Team gegen die dämonischen Machenschaften eines Sektenführer ermitteln. Eine verwesende Leiche in einer Wohnung in Reykjavík entfesselt schreckensvolle Debatten. Jósepsson: „In unserer Gesellschaft interessiert sich niemand mehr für den anderen. Ich will zum Nachdenken anregen.

Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger.“ Was sagt er zum Attentat des rechtsradikalen Norwegers Anders Breivik, der 77 Menschen tötete? Kann so etwas auch in Island passieren? Jósepsson: „Wir leben in der westlichen Welt in einer sicheren Zeit. Mich beunruhigt aber der wachsende Nationalismus. In Island gibt es zwar keinen Neonazismus, aber man besinnt sich doch plötzlich auf eigenartige Weise seines Isländertums. Als Schriftsteller muss man darauf reagieren. Und das werde ich.“

Kollegin Yrsa Sigurðardóttir, 48, ergänzt: „Blut auf weißem Schnee ist ein gängiges Klischee der nordischen Kriminalliteratur. Aber unsere Themen sind soziale Anliegen.“ In „Geisterfjord“ (S. Fischer, 9,30 Euro) erzählt sie vom Verschwinden eines kleines Buben. Benni, der diabeteskranke Sohn des Psychiaters Freyr, verschwindet spurlos. Die Eltern wähnen sich vom Geist des Kindes verfolgt. Hier waltet ein weiblicher Mitleidsblick, der beeindruckt. „Ein Krimi sollte der Spiegel der Gesellschaft sein. In Island sind tatsächlich vor einiger Zeit zwei Buben verschwunden. Beim Schreiben dachte ich auch oft an den Fall Fritzl in Österreich. Da wurde mir bewusst: Was immer wir auch schreiben, so grausam kann es gar nicht sein, dass es an die Realität heranreicht.“ Verarbeitet sie deshalb auch mystische Motive wie Geistererscheinungen? „Der moderne Mensch hat vor so vielen Dingen Angst, die gar nicht schrecklich sind, wie die Erhöhung von Steuern. Ich wollte eine Urangst aufgreifen, da, wo keine Rationalität mehr greifbar ist.“

Sigurðardóttirs Romane sind in 43 Sprachen übersetzt, Kritiker nennen sie die „Donna Leon des Nordens“. Aber der Name sagt ihr nichts. „Ich lese keine Krimis mehr, seit ich selber welche schreibe, aber wenn der Name für Erfolg steht, freut mich das.“

Big Boss Mankell
Bleibt noch zu klären, weshalb nordische Kriminalliteraten seit mehr als zehn Jahren ihre Plätze in den Bestsellerlisten behaupten. Jósepsson bringt das in seiner Funktion als Präsident des Skandinavischen Kriminalschriftstellervereins auf den Punkt: „Es gibt dafür einen Haupttäter, unseren schwedischen Kollegen Henning Mankell. Der ist zwar ein relativer Neuankömmling, aber mit ihm kam dann eine ganze Bande. Dazu gehört auch unser Arnaldur Indriðason. Man kann Mankell ruhig den großen Boss nennen.“ Das ist isländischer Realismus.

Mehr zur Literatur aus Island finden Sie auf: www.sagenhaftes-island.is

KRIMI-HERBST: Die besten Morde zwischen Wien und Norwegen:

JO NESBØ, DIE LARVE
Harry Holes Ziehsohn Oleg wird des Mordes an einem Drogensüchtigen
beschuldigt. Als Hole nach dem wahren Täter fahndet, wird er selbst verfolgt. (Ullstein, € 22,70)

MASSIMO CARLOTTO, BANDITENLIEBE.
Detektiv Marco Buratti fahndet nach einer entführten Bauchtänzerin. Die Spuren führen über Frankreich zur kosovarischen Mafia. (Klett-Cotta, € 18,50)

ANNE UND EVEN HOLT: KAMMERFLIMMERN.
In einer Osloer Herzklinik sterben zwei Patienten während der Operation. Chefärztin Sara Zuckermann bangt um ihr Leben und beginnt zu ermitteln. (Piper, € 20,60)

ERNST HINTERBERGER: BLUTREIGEN.
In Wien passieren seltsame Morde. Ein Ungar, ein Rumäne und eine junge Frau wurden enthauptet. Ein schwieriger Fall für Kommissar Trautmann. (Echomedia, € 9,90)

EVA ROSSMANN: UNTERM MESSER.
In einer steirischen Klinik für Schönheitsoperationen wird eine Nonne in der Sauna gargekocht. Ein neuer Fall für Privatdetektivin Mira Valensky.
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