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Die Isländer als Favoriten-Schreck

Helgi Kolvidsson hat dem Gruppengegner Österreich genau auf die Beine geschaut

Helgi Kolvidsson © Bild: APA/Herbert Pfarrhofer

Den 4:0-Sieg über Liechtenstein hat Helgi Kolvidsson in seinem Haus am Bodensee mitverfolgt. Am Tag danach packt er seine Siebensachen und fährt mit dem Auto die knapp 500 Kilometer quer durch die Schweiz nach Annecy in Hochsavoyen, in das EM-Quartier der Isländischen Nationalmannschaft.

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Der ehemalige Nationalspieler, der im August 2015 nach nur sechs Runden in Ried als Trainer den Hut nehmen musste, ist im isländischen Betreuerteam für die Beobachtung der Gegner zuständig: "Portugal und Österreich werden sich in unserer Gruppe wahrscheinlich Platz eins untereinander ausmachen. Aber wir Isländer haben bei dieser Europameisterschaft nichts zu verlieren. Wir sind jederzeit für eine Überraschung gut."

Schon in der Qualifikation haben die Kicker von der Insel im Nordatlantik den haushohen Favoriten Niederlande zwei Mal besiegt und damit das vorzeitige Aus der stolzen "Oranjes" besiegelt. Mit dieser Einstellung gehen sie auch in ihr Auftaktspiel gegen Portugal am 14. Juli in Saint Etienne. Kolvidsson: "Gerade im ersten Spiel eines Turniers ist vieles möglich. Wir werden vor Cristiano Ronaldo und Co. sicher nicht in Ehrfurcht erstarren."

»Erfolg ist im Fußball durchaus planbar.«

Die Begeisterung über die erstmalige Qualifikation für ein großes Turnier ist in Island ungebrochen. Rund 30.000 der 330.000 Inselbewohner werden die Mannschaft in Frankreich in den Stadien lautstark unterstützen. Der Grundstein für den Aufschwung des isländischen Fußballs wurde noch vor der großen Finanzkrise mit dem Bau von riesigen Fußballhallen gelegt, sagt Kolvidsson. Allein in jenem Wohnviertel von Rejkjavik, in dem er selbst aufgewachsen ist, jagen heute an die 200 Talente fast täglich dem Ball nach, unter Anleitung von qualifizierten Trainern.

Helgi Kolvidsson
© APA/Expa/Roland Hackl

Tatsächlich gibt es in Island derzeit 600 Trainer mit Uefa-Lizenz, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr als in jedem anderen Land Europas. Kolvidsson: "Erfolg ist im Fußball durchaus planbar. Mit harter Arbeit, einer klaren Linie und ständigen Verbesserungen in der Trainingsmethodik können auch kleinere Länder wie wir den Anschluss an die europäische Spitze finden."

»Der Aufschwung, den der österreichische Fußball in den letzten Jahren hingelegt hat, ist sicher kein Zufall.«

Der "österreichische Weg" in der Nachwuchsarbeit wie in der Trainerausbildung habe auch für die Isländer Vorbildfunktion gehabt. 1996 hatte Helgi Kolvidsson als Spieler bei Austria Lustenau angeheuert und schaffte mit den Vorarlbergern den Aufstieg in Österreichs höchste Spielklasse. Auch seine Trainerlizenz hat er beim ÖFB erworben, die Ausbildung dort lobt Kolvidsson in den höchsten Tönen: "Das hat alles Hand und Fuß. Der Aufschwung, den der österreichische Fußball in den letzten Jahren hingelegt hat, ist sicher kein Zufall."

Wenn Island und Österreich am 22. Juni im letzten Gruppenspiel im Stade de France vor 80.000 Fans aufeinandertreffen, wird Helgi Kolvidsson auf der Betreuerbank mitfiebern: "Ich hoffe sehr, dass beide Teams ins Achtelfinale aufsteigen. Es wird ein enges Spiel, bei dem am Ende die Tagesform den Ausschlag geben wird."

Helgi Kolvidsson
© APA/Herbert Neubauer

Bio Helgi Kolvidsson

Geboren am 13. September 1971 in Rejkjavik, kam 1996 über den deutschen Regionalligisten Pfullendorf zu Austria Lustenau und schaffte dort auf Anhieb den Aufstieg in die höchste österreichische Spielklasse; 1998 wechselte der Defensivallrounder zum damaligen Zweitligisten Mainz, bei dem u. a. Jürgen Klopp spielte, mit dem ihn bis heute eine Freundschaft verbindet; 2001 kehrte Kolvidsson nach Österreich zurück und spielte bis 2004 für den neugegründeten FC Kärnten. Seine Trainerkarriere begann Kolvidsson beim SC Pfullendorf, bevor er 2011 Austria Lustenau übernahm. Nach einer Zwischenstation in Wiener Neustadt wechselte er zu Beginn der Saison 2015/16 nach Ried. Lebt mit seiner Frau und den drei Töchtern in der Nähe von Pfullendorf/Baden-Württemberg.

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