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Leiden der Flüchtlinge

Gezeichnet und ausgemergelt - Zehntausende Yeziden vor IS-Kämpfern auf der Flucht

Das Leiden der Flüchtlinge im Irak © Bild: REUTERS/Rodi Said

Zehntausende Yeziden haben sich vor Jihadisten in die kurdischen Autonomiegebiete im Norden des Iraks gerettet. Hier sind sie zwar in Sicherheit. Doch hinter ihnen liegt eine schlimme Flucht.

Sie haben ihr ganzes Hab und Gut hinter sich gelassen. Ihre Körper sind ausgemergelt, ihre Gesichter gezeichnet vom Schrecken. Rund 200.000 Menschen haben in den vergangenen zwei Wochen die kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak erreicht. Hier suchen sie Schutz vor den religiösen Fanatikern, die ihre Heimatorte in der Sinjar-Region in einer Schreckensherrschaft kontrollieren. Doch auch in den bisher sicheren kurdischen Gebieten verfolgt sie der Schrecken.

Ein Yeziden-Mädchen ist den ISIS-Kämpfern entkommen.
© REUTERS/Youssef Boudlal Das Bild dieses geflüchteten Yeziden-Mädchens ging um die Welt.

UNHCR-Sprecher: "Viele sind traumatisiert"

"Viele von ihnen sind traumatisiert", sagt der Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Ned Colt. "Sie mussten ihre Häuser aufgeben, in denen sie über Generationen gelebt haben. Und sie haben keinen Ahnung, wann sie jemals zurückkehren können."

Hinter den Menschen liegt eine Flucht, die albtraumhafter kaum sein könnte. Als Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS, früher ISIS) Anfang August anrücken, verlassen die Menschen ihre Heimatorte rund um das Sinjar-Gebirge Hals über Kopf. Die meisten von ihnen sind Yeziden, Angehörige einer religiösen Minderheit, die von den Extremisten als "Teufelsanbeter" verfolgt werden.

Ein Yeziden-Mädchen ist den ISIS-Kämpfern entkommen.
© REUTERS/Youssef Boudlal So wie diesem Mädchen und seiner Familie ergeht es hunderttausend Flüchtlingen.

Wer Glück hat, erwischt ein Fahrzeug. Die meisten aber müssen lange Strecken zu Fuß gehen. Zehntausende führt der Weg erst in das karge Sinjar-Gebirge, dann nach Syrien, schließlich in die irakischen Kurden-Gebiete. "Manche mussten 25 Stunden zu Fuß gehen", erzählt Hero Anwar von der irakischen Hilfsorganisation Reach am Telefon. Die Temperaturen steigen in diesem Sommer täglich über 40 Grad. Viele haben über Tage nichts zu essen und zu trinken.

Etliche Flüchtlinge überstehen diese Tortur nicht. Unter den Opfern, die unterwegs ihr Leben verlieren, sind vor allem Junge und Ältere. "Mütter und Väter haben ihre Kinder sterben sehen", sagt Hero Anwar. "Es ist schrecklich, das zu erleben." Die Angehörigen mussten die Toten oft zurücklassen, ohne sie beerdigen zu können. In den Kurdengebieten erhalten die Menschen jetzt zwar Wasser, Nahrung und andere Hilfe - psychologische Betreuung gibt es jedoch nicht.

600.000 Flüchtlinge seit IS-Vormarsch

Für die kurdische Autonomieregierung und Hilfsorganisationen stellt die Massenflucht eine massive Herausforderung dar. Rund 600.000 Iraker haben seit Beginn des IS-Vormarsches im Nordirak Anfang Juni in den kurdischen Autonomiegebieten Zuflucht gefunden. Schon vorher waren etwa 200.000 Syrer vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Kurdistan-Irak geflohen. Auf rund fünf Millionen Einwohner in den kurdischen Gebieten kommen also insgesamt etwa 800.000 Vertriebene.

Doch die Zahl der Flüchtlinge ist für die Hilfsorganisationen nicht das größte Problem. Ihnen macht vor allem zu schaffen, dass die Menschen über die ganze Region verstreut sind. Sie hätten Zuflucht in Schulen, Moscheen, Kirchen und leeren oder halbfertigen Gebäuden gefunden, erzählt Ned Colt vom UNHCR. Viele Flüchtlinge wechselten häufig ihren Aufenthaltsort. Es sind eigens Teams unterwegs, die sie aufspüren sollen, damit sie Hilfe bekommen.

Zu wenig Flüchtlingslager

Wären die Menschen in Flüchtlingslagern untergebracht, könnte die Logistik einfacher organisiert werden, sagt Martin Keßler, Leiter der evangelischen Diakonie Katastrophenhilfe. Sie arbeitet mit dem irakischen Partner Reach zusammen und versorgt die Menschen mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen, Zucker und Tee. Das UNHCR arbeitet derzeit daran, neben seinen bestehenden fünf Flüchtlingslagern weitere einzurichten.

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