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In der Cloud mit Doris Bures

Wie auf einem deutschen Handy plötzlich Nummern heimischer Politiker auftauchten

Datenschutz - In der Cloud mit Doris Bures © Bild: © Herwig Prammer / Reuters

Auf einem iPhone in Deutschland tauchen plötzlich fremde Kontaktdaten auf. Es sind Handynummern von österreichischen Spitzenpolitikern, Sicherheitsexperten und einer in U-Haft sitzenden Privatagentin.

Eigentlich ist die "Cloud" - auf Deutsch: Wolke -eine äußerst praktische Erfindung. Früher musste man elektronische Daten, die auf verschiedenen Geräten genutzt werden sollten, mühsam hin und her kopieren. Jetzt kann sie, wer möchte, extern auf einem Internetserver speichern, der irgendwo auf der Welt steht. Und schon ist es zum Beispiel möglich, vom Computer oder Tablet aus auf die Handyfotos zuzugreifen. Das ist sehr praktisch. Aber wie sicher ist es? Bleibt das, was in der Cloud herumschwirrt, auch wirklich drin? Nicht immer.

Einer der Hauptanbieter ist der iPhone-Hersteller Apple mit der iCloud. Wie das deutsche Magazin "Stern" berichtet, gibt es mehrere Beschwerden von Apple-Kunden bei der zuständigen irischen Datenschutzbehörde, die einen gemeinsamen Hintergrund haben: Fremde Telefonnummern und E-Mail-Adressen tauchten plötzlich auf Geräten auf, auf denen sie nichts verloren haben. Besonders bedenklich ist der Fall eines deutschen Verwaltungsbeamten aus dem Landkreis Dahme-Spreewald südlich von Berlin. Der hatte vor ein paar Monaten auf einmal die Geheimnummer der österreichischen Nationalratspräsidentin Doris Bures in seinem Handy.

B wie Bures

Die Nummer war plötzlich aufgetaucht, als der Beamte ein SMS schreiben wollte. Gab er in das Feld für den Empfängernamen "B" als Anfangsbuchstaben ein, erschien gleich als erster Eintrag "BM Bures Doris", samt Nummer mit österreichischer Vorwahl. "BM" steht für "Bundesministerin", also die Position, die Bures bis September 2014 innehatte.

Als der deutsche Beamte die Nummer wählte, hatte er tatsächlich Bures am Apparat. Als er sein iPhone durchsuchte, fand er eine dreistellige Anzahl derartiger unbekannter Telefoneinträge. Dazu kamen auch noch zahlreiche fremde Mailadressen. Ein Großteil der Geisterkontakte stammt dabei aus Österreich.

News hat die Daten in Kooperation mit dem "Stern" analysiert. Viele davon weisen einen klaren Bezug zur SPÖ auf: Neben Bures findet sich darin auch Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil -mit einer Telefonnummer, die er schon verwendet hat, als er noch Landespolizeidirektor im Burgenland war. Ebenfalls eingetragen ist der neue SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler. Dazu kommen Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, mehrere seiner politischen Wegbegleiter wie der nunmehrige Kommunikationsberater Josef Kalina, einige seiner aktuellen Geschäftspartner und Ex-Innenminister Karl Schlögl. Der einzige nennenswerte ÖVP-Kontakt in den vorliegenden Daten ist jener des früheren Parteimanagers Michael Fischer, der im Mittelpunkt einer Parteifinanzierungsaffäre steht. News berichtete dazu ausführlich, Fischer bestreitet sämtliche Vorwürfe.

Unklar ist, ob hier ein vollständiges Handy-Adressbuch auf einem fremden Telefon gelandet ist oder nur ein Teil. Eines steht fest: Wer auch immer die Kontakte ursprünglich angelegt hat, ist im roten Drittel der Republik bis ganz nach oben hin bestens vernetzt.

S wie Security

Was die Angelegenheit wirklich bedenklich macht, ist jedoch ein zweiter Personenkreis, der sich in den Daten findet. Vertreten ist nämlich auch das Who's who der österreichischen Sicherheitsbranche. Zu nennen wäre da zum Beispiel der frühere Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Gert Polli. Dazu kommen hochrangige Polizeibeamte und Mitarbeiter des Innenministeriums sowie zahlreiche private Sicherheitsberater. Mehrere Kontakte stammen offenbar von hochrangigen Mitarbeitern der Security-Firma G4S, die auch mit der Republik gut im Geschäft ist, zum Beispiel beim umstrittenen Schubhaftzentrum in Vordernberg.

Die Frage ist nun, wer die Person ist, der die Daten abhandengekommen sind: Aufgrund von Rechercheergebnissen liegt der Verdacht nahe, dass diese selbst aus der Sicherheitsbranche kommt. Ist da jemand, der eigentlich besonders gut aufpassen sollte, schludrig mit seinen Daten umgegangen? Oder gibt es andere Gründe?

A wie Apple

Der deutsche iPhone-Besitzer, bei dem die Telefonnummern aufgetaucht sind, hat den Servicedienst "Applecare" gebucht. Offenbar hat ein dortiger Mitarbeiter einen Fehler gemacht. Das lässt sich laut "Stern" aus E-Mails zwischen dem Handybesitzer und Apple sowie zwischen der bayerischen Datenschutzaufsicht und Apple rekonstruieren. Beim Service werden die iCloud-Daten auf ein eigenes iPhone übertragen. Nach der Reparatur werden sie wieder zurückgespielt, das Servicehandy wird gänzlich geleert. Das dürfte hier wohl vergessen worden sein, weshalb sich die Telefonnummern eines österreichischen Kunden, der zuvor an der Reihe war, mit jenen des deutschen Beamten mischten. Laut "Stern" reichte das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht die Hinweise weiterer betroffener Apple-Kunden an die Datenschutzbehörde in Irland weiter, wo Apple seinen Europa-Sitz hat. Diese Behörde habe den Eingang "mehrerer inhaltlich verwandter individueller Beschwerden" bestätigt. Apple hat eine "Stern"-Anfrage nicht kommentiert, aber Fragen der irischen Datenschützer beantwortet.

Dabei könnten auch bald Fragen aus einer anderen Ecke an Apple herangetragen werden: In Österreich interessiert sich nämlich bereits das Bundesamt für Verfassungsschutz für die Angelegenheit. Dort wird man wohl ausgerechnet bei einer versehentlich aus Österreich übertragenen Nummer etwas zusammenzucken, die eine deutsche Vorwahl aufweist: In den Daten findet sich auch die umtriebige Berliner Privatagentin Christina W., die in Österreich nicht nur in Zusammenhang mit mehreren Großunternehmen und dem ukrainischen Exil-Oligarchen Dmytro Firtasch tätig war, sondern auch in Berührung mit dem Verfassungsschutz stand. Die Ex-Stasi-Mitarbeiterin wurde im April in Deutschland in Untersuchungshaft genommen und laut "Kurier" kürzlich wegen des Vorwurfs der Bestechung angeklagt. Sie bestreitet sämtliche Vorwürfe.

Das hat mit Bures, Doskozil und Co. natürlich nichts zu tun. Dass sie in einer Cloud mit Christina W. nach Deutschland reisten, wird die Politiker aber nicht gerade freuen.

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