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Fake Date: Die Internet-Sexfalle

Die umstrittenen Geschäfte einer Wiener Firma mit Kontaktseiten im Internet

INVESTIGATIV - Fake Date: Die Internet-Sexfalle © Bild: Dimitri Vervitsiotis / Getty Images

Eine Firma aus Wien betreibt umstrittene Geschäfte mit Sexkontakt-Seiten im Internet. Jetzt hat die Arbeiterkammer Vorarlberg Anzeige erstattet. Es geht um Millionen - und um eine mögliche Polit-Connection

Es könnte eine der größten Internet-Sexfallen im deutschsprachigen Raum sein. Betrieben wird sie ausgerechnet von Wien aus. "Vergiss enttäuschende Bekanntschaften - hier findest du Männer und Frauen, die Spaß haben wollen! Melde dich schnell auf unserer Seite an und finde den passenden Partner", liest man auf fremdgehen69. com. Zu sehen ist eine Fotogalerie mit eher knapp bekleideten Damen. "Mitglieder in deiner Umgebung", wie es heißt. Viele Nutzer klicken weiter und füllen eine Onlineregistrierung aus. Und irgendwann landet eine Zahlungsaufforderung eines Inkassobüros im Briefkasten. Dumm nur, dass die Traumfrau vom Foto "aus der Umgebung" nie aufgetaucht ist.

Szenenwechsel in die Wiener Johnstraße: Im ersten und zweiten Stock des eher schmucklosen Gebäudes ist ein Kindergarten untergebracht. Geht man die Stufen hinauf, findet sich links im dritten Obergeschoß eine graue Tür. Auf Kopfhöhe ist ein Firmenlogo aufgeklebt: "HQ Entertainment Network". Hier sitzt also jene Firma, die hinter fremdgehen69.com und zahlreichen weiteren, ähnlich gelagerten Internet-Datingplattformen steht. Das Geschäft findet weit über Österreich hinaus statt - zumindest auch in Deutschland.

Verdacht des schweren Betrugs

In Österreich beschäftigt sich die Arbeiterkammer (AK) Vorarlberg seit Längerem mit der HQ. Nun machen die Konsumentenschützer Ernst. Diese Woche wurde bei der Wirtschafts-und Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien eine Strafanzeige gegen die HQ Entertainment Network GmbH & Co. KG eingebracht. Die Vorwürfe sind massiv. Es geht laut Anzeige um den Verdacht des schweren Betrugs: Die HQ erwecke gegenüber Konsumenten den Eindruck, dass reale Treffen mit Frauen, Paaren oder Männern möglich wären, heißt es in der Anzeige, die aus der Feder des Wiener Rechtsanwalts Meinhard Novak stammt. Dadurch würden Konsumenten verleitet, sich auf der Website zu registrieren beziehungsweise anzumelden und die angebotenen Dienstleistungen zu nutzen. "Zu den angebotenen realen Treffen kommt es jedoch nicht, da über die Plattformen der HQ Entertainment Network GmbH & Co KG keine realen Personen mit den Konsumenten kommunizieren", heißt es in der Anzeige: Auf den Plattformen seien "gar keine realen Frauen zu finden, sondern nur Fake-Profile bzw. CUser".

Nur Scheinprofile?

Das sind schwere Vorwürfe. Tatsächlich steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der HQ, dass es auch von HQ erstellte und betriebene Profile -die erwähnten "CUser" - gibt. Aber es soll laut AGB auch Kommunikation mit realen Usern und "eventuell reale Treffen" geben können. Vor allem, wenn auf der Startseite Kontakte "aus deiner Umgebung" angepriesen werden, könnte man das wohl erwarten. Laut Anzeige bleiben aber die Fotos der Frauen gleich, wenn man die Homepage von einem anderen Ort aus aufruft. Mindestens die Hälfte der geprüften Fotos seien auch auf zahlreichen anderen Internetseiten vorhanden gewesen.

In der Strafanzeige sind fünf Beispielfälle angeführt, bei denen Männer Geld zahlen sollten, obwohl es -ihren Angaben zufolge - nie zu einem Treffen mit einer realen Person gekommen war. Die von den Männern geforderten Summen reichten dabei von rund 25 bis knapp 900 Euro.

Einer der Betroffenen ist Franz Mayer (Name von der Redaktion geändert) aus Bregenz. Mayer ist über 70. "Ich bin Pensionist und suche eine Lebenspartnerin", sagt er im Gespräch mit News. Das sei am ehesten über Internetforen möglich. Er sei in einem E-Mail auf den Link zur Seite reifefrauen.com gestoßen. Das habe passend geklungen. Er registrierte sich. "Damit war ich Gefangener des Systems", sagt Mayer. Es seien zweimal 24,99 Euro von seinem Konto abgebucht worden. Da er aber keine Leistung erhalten habe, habe er die Abbuchung storniert. Als er dann eine noch höhere Zahlungsaufforderung erhielt, habe er sich an die AK gewandt. Frauen habe er nicht vermittelt bekommen, erzählt Mayer. Es sei ihm zwar von angeblichen Interessentinnen geschrieben worden, aber wenn er ein Treffen angeregt habe, sei dies nie möglich gewesen - nicht einmal via Skype-Videotelefonie. "Die haben zwar geschrieben, das hätten aber auch Männer sein können", meint Mayer.

AK vermutet "Hintermann"

Die Zahlungsabwicklung bei Herrn Mayer wurde - wie in anderen Fällen -nicht von der HQ selbst betrieben, sondern von einer in der Schweiz registrierten Firma namens Webbilling AG. "Allein die (kleine) Arbeiterkammer Vorarlberg erhält jede Woche zumindest zehn Anfragen beziehungsweise Beschwerden hinsichtlich Problemen mit Datingportalen", erklärt Paul Rusching, Konsumentenschützer bei der AK Vorarlberg.

»Unserer Ansicht nach handelt es sich hier um eine Millionen-Abzocke, welche in dieser Form und Branche fast einzigartig ist.«

"Der absolute Spitzenreiter im negativen Sinne ist die Firma Webbilling, die quasi als Inkassobüro für solche unseriösen Plattformen fungiert. Hauptsächlich ist das die Firma HQ Entertainment, gegen die wir nunmehr Strafanzeige wegen des Verdachts des schweren Betrugs erstatten." Rusching meint: "Unserer Ansicht nach handelt es sich hier um eine Millionen-Abzocke, welche in dieser Form und Branche fast einzigartig ist. Die Bilanzgewinne des Unternehmens in Millionenhöhe lassen den Schluss zu, dass die Dunkelziffer an Betroffenen gewaltig sein muss."

Laut Jahresabschluss wies die Firma mit 41 Angestellten Ende 2015 einen "den Gesellschaftern zuzurechnenden Gewinn" von rund 11,7 Millionen Euro aus. Gesellschafter sind HQ-Chef Stefan C. aus Deutschland und seine HQ Management GmbH. In der Anzeige heißt es: "Insgesamt lässt sich feststellen, dass es sich um einen Massenbetrug handelt, aus welchem in den letzten Jahren Forderungen in Höhe von über EUR 5.000.000,00 entstanden sind." Weshalb sollte Stefan C. gerade von Österreich aus ein derart fragwürdiges Geschäftsmodell betreiben? AK-Konsumentenschützer Rusching hat einen weitergehenden Verdacht: "Wir sind seit Jahren mit Abzocke dieser Art konfrontiert. Durch intensive Recherche konnten wir feststellen, dass die Drahtzieher nicht - wie man vermuten könnte -irgendwo im Ausland sitzen, sondern dass es sich dabei um den Nenzinger Geschäftsmann J. J. G. handelt."

Kein unbeschriebenes Blatt

Johann Josef G. ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Er und seine Frau dürften im bevorstehenden Buwog- Prozess einen spannenden Auftritt haben. Die Staatsanwaltschaft hat in der Anklageschrift ihre Vernehmung als Zeugen beantragt. G. und seine Frau waren in die Abwicklung eines Teils des Zahlungsstroms der Buwog-Millionenprovision involviert. Frau G. stellte eine Briefkastenfirma, hinter der ihr Beratungsunternehmen stand, samt Bankkonto zur Verfügung. Herr G. hob Hunderttausende Euro bar ab, damit diese bei der Bank gleich wieder auf andere Konten einbezahlt werden konnten. So erhielt der damalige Grasser-Freund Walter Meischberger zusätzliche Diskretion. Wer tatsächlich hinter dem Geldfluss stand, wurde schwerer nachvollziehbar. Offenbar konnten die G.s aber glaubhaft machen, dass sie selbst nicht wussten, woher Meischberger das Geld hatte.

In der Anzeige der AK wird nun der "dringende Verdacht" geäußert, dass G. als "Hintermann" an dem "betrügerischen Verhalten" der HQ beteiligt sei. News hat nachgefragt. G. bestreitet die Vorwürfe heftig. Er kenne die Anzeige nicht. Er sei nicht "Hintermann" der HQ.

Eine Klingel, viele Firmen

Zurück in die Johnstraße in Wien: Neben der grauen Tür im dritten Stock befindet sich eine Klingel. Darauf steht nicht nur der Firmenname der HQ, sondern auch jener der Webbilling AG, die für die HQ Zahlungen abwickelt, und der einer Webbilling.com GmbH. Im Firmenbuch findet man eine ähnlich lautende Webbilling.com GmbH und Co KG. Und siehe da: G. ist nicht nur deren Geschäftsleiter. G. Intercon GmbH ist auch unbeschränkt haftende Gesellschafterin. Die Firmenadresse der Intercon wiederum ist - einmal ums Eck -in der Fenzlgasse. Und zwar genau an derselben Haus- und Türnummer, an der laut Firmenbuch eigentlich auch die HQ sitzen sollte. Die Adresse in der Johnstraße scheint bei der HQ offiziell nur als ehemalige Adresse auf.

Was ist da los? News hat angeläutet. In der Johnstraße ging daraufhin eine andere Türe im selben Geschoß auf. Offenbar ist das Büro sehr geräumig. Eine junge Dame öffnete. Auf die Bitte, mit jemandem über die HQ sprechen zu können, meinte sie, sie sei nur die Putzfrau. Die HQ sei eigentlich in der Fenzlgasse, wo sie auch putze. In der Johnstraße wären nur die Akten von einem alten Kunden. Auffällig ist freilich, dass die HQ in der Johnstraße sowohl innen im Eingangsbereich als auch am Briefkasten deutlich ausgeschildert ist. Und wirft man einen Blick von der Tür aus in das Büro, sticht -etwas entfernt vom Eingang -ein kleines Schild mit dem Namen des HQ-Chefs ins Auge. Geht man hingegen ums Eck in die Fenzlgasse, läutet man vergebens an einer Klingel, die nicht einmal einen Firmennamen trägt. Beachtenswert scheint zudem, dass eine -angebliche - Putzfrau Besucher betreut und abwimmelt, während im Hintergrund andere Personen hörbar sind.

News fragte bei der HQ auch per E-Mail nach. Eine Antwort war bis Redaktionsschluss ausständig. Es gilt in vollem Umfang die Unschuldsvermutung. In Zusammenhang mit einem der von der AK angezeigten Fälle hatte die HQ in der Vergangenheit dargelegt, dass aus ihrer Sicht alles rechtens sei. Das "Angebot der Singles" würde sich "immer an den jeweiligen Standort des Benutzers" richten.

G.wiederum erklärt auf Nachfrage: "Webbilling.com GmbH oder Webbilling.com GmbH &Co. KG betreiben weder mit der HQ gemeinsam noch für sich alleine ein Geschäftsmodell, bei dem es um Kontaktplattformen im Internet geht. Mit einer Webbilling AG habe ich nichts zu tun. Auch wenn an derselben Adresse verschiedene Unternehmen untergebracht sind - was meines Erachtens in Wien nicht unüblich ist -, habe ich mit den anderen Firmen, insbesondere mit der von Ihnen genannten HQ, nichts zu tun." Offenbar teilt man sich zufällig die Klingel, die "Putzfrau" und -mit der Webbilling AG -den ersten Teil des Firmennamens.

Die Polit-Connection

Für die AK Vorarlberg ist es nicht das erste Mal, dass sie sich für G. Geschäfte interessiert. Im Mai wurde eine Anzeige wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs eingebracht, in der es um "WAP-Billing" durch G. Firma Intercon Media GmbH & Co. KG geht. WAP-Billing ist die Bezahlung von Internetservices über die Handyrechnung -ein System, das für Abo-Fallen anfällig ist. G. bestreitet auch diese Vorwürfe. Er habe dazu eine umfangreiche Stellungnahme abgegeben und überlege sich eine Verleumdungsanzeige gegen die AK Vorarlberg, der er eine "Hetzkampagne" vorwirft.

»Uns geht es nur darum, derartige Betrügereien zu bekämpfen«

Was die Angelegenheit umso brisanter macht, ist die Tatsache, dass G. ein Naheverhältnis zu den Neos hat und just diese den Konsumentenschutz der AK stark infrage stellen. "Für uns war es immer erstaunlich, dass die Neos offen für die Abschaffung des Konsumentenschutzes eintreten", meint AK-Vorarlberg-Direktor Rainer Keckeis. "Wir gehen zwar nicht davon aus, dass dies mit dem aktuellen Fall eines großangelegten Internetbetrugssystems eines Neos-Unterstützers aus Vorarlberg zu tun hat, die Optik aber ist und bleibt eine schiefe." Keckeis betont: "Uns geht es nur darum, derartige Betrügereien zu bekämpfen."