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"Zoom"-Betreiber Florian Schweitzer über Fehler, Drogengerüchte & die Mächtigen

Interview - "Zoom"-Betreiber Florian Schweitzer über Fehler, Drogengerüchte & die Mächtigen © Bild: Zoom

Man wolle den Mächtigen auf die Finger schauen, erklärt "Zoom"-Betreiber Florian Schweitzer. Die Plattform sorgte mit einer Serie über Sebastian Kurz und Martin Ho für Aufsehen.

News: Unter "dem Deckmantel der Anonymität" werde "hier so lange mit Dreck geworfen, bis etwas hängen bleibt" - was sagen Sie zu den "Dirty Campaigning"-Vorwürfen seitens der ÖVP, konkret von ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer?
Florian Schweitzer: Da ist ein falscher Eindruck entstanden. Wir sind - von Anfang an - ein junges Medien-Startup gewesen, vielleicht sogar ein freches. Die ÖVP hat schon länger immer wieder den Verdacht geäußert, dass hier ein gewisser ehemaliger SPÖ-Berater tätig sei, und hatte damit auch die SPÖ im Verdacht. Das hat sehr gut zu dem gepasst, was sie glauben wollten.

Wir hatten uns überlegt zu klagen, nachdem Herr Nehammer auch von Lügen gesprochen hatte. Dadurch, dass das jetzt aber vonseiten der ÖVP komplett aufgehört hat und die ÖVP vielleicht eingesehen hat, dass sie die Sache falsch eingeschätzt haben, müssen wir vielleicht gar nicht mehr klagen. Vermutlich haben wir auch dazu beigetragen, dass diese Fehleinschätzung erkannt wird, nachdem wir die Anonymität größtenteils aufgehoben haben.

Im Nachhinein betrachtet, würden Sie sagen, es war ein Fehler, die Website anonym zu lancieren?
Wir haben am Anfang überlegt, ob ich nicht der einzige sein soll, der öffentlich mit der Information rausgeht. Sie müssen wissen, wir arbeiten beim "Zoom"-Institut alle ehrenamtlich und einige Mitarbeiter haben diese Tätigkeit nicht mit ihrem Arbeitgeber abgesprochen. Eine Offenlegung wäre für diese Personen nicht so einfach gewesen. Bei mir wäre es leicht gewesen. Das hätten wir von Anfang an besser machen sollen. Also ja, im Nachhinein betrachtet war das ein Fehler. Bei manchen Journalistinnen und Journalisten entstand so nämlich der Eindruck – völlig nachvollziehbar –, dass es sich um eine verschworene Plattform handelt.

Das "Recherche Institut" ist in der Schweiz registriert. Warum?
Die ausschlaggebende Argumente waren Zeit - in Österreich braucht es nämlich drei Wochen, bis ein Verein gegründet wird - und die im Nachhinein betrachtet falsche Strategie, dass wir die Option auf Anonymität haben wollten. Das hat nichts damit zu tun, dass wir über Kurz berichten und wie er das ausgedrückt hat, ihm Dinge unterstellen wollen, sondern wir haben auch im Milieu der Drogenhändler recherchiert und sind der Systematik nachgegangen, die dahintersteckt.

Zu den Drogenandeutungen im Zusammenhang mit Sebastian Kurz haben Sie betont, dass Sie nicht über einen konkreten Drogenkonsum berichtet haben, sondern über Aussagen von ÖVP-Vertretern gegenüber Journalisten im Zusammenhang mit Drogengerüchten. Es bleiben Gerüchte ...
Das, was wir im ersten Artikel berichtet haben, sind tatsächlich Gerüchte. Dadurch, dass sie aber von der ÖVP kommen und diese sich mit unseren Recherchen decken, haben wir sie veröffentlicht. Auch die Tatsache, dass Sebastian Kurz nicht geklagt hat, zeigt, glaube ich, dass das nicht komplette Fantasie ist.

Das heißt, ÖVP-Vertreter wenden sich an Sie?
Dieses konkrete Gerücht kam über eine Journalistin.

Und losgelöst von diesen Gerüchten: Sie haben geschrieben, dass ÖVP-Mitglieder Ihnen Mails und Informationen zukommen lassen.
Das ist der Vorteil daran, dass wir eine längere Veröffentlichung geplant haben. So haben wir nach den ersten Veröffentlichungen neue Details von Menschen bekommen, die sich an uns gewendet haben. Teilweise sind das Menschen, die dort gearbeitet haben oder es immer noch tun. Die sagen, wir sollten doch diese oder jene Information prüfen.

Überrascht es Sie, dass solche Informationen aus ÖVP-Kreisen kommen?
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Es gab zwar jemanden, der von der Omertà gesprochen hat – demnach hat es in der ÖVP geheißen "Hände falten, Gosch'n halten". Doch dieses Schweigegelübde gibt es in solchen Organisationen nicht – wir sind ja nicht in Nordkorea, sondern in einem liberalen Rechtsstaat. Und da ist es egal, ob das nun Parteien oder große Unternehmen sind. Wenn viele Menschen dort beschäftigt sind, haben manche das Bedürfnis, Missstände aufzuzeigen und diese zu kommunizieren. Je größer eine Organisation ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen melden. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung. Es braucht Leute, die sich trauen Whistleblower zu sein und Dinge an Journalistinnen und Journalisten zu melden, damit die der Sache nachgehen können und das überprüfen. Das gehört zum Erhalt einer liberalen Demokratie dazu.

© Zoom "Zoom"-Begründer Florian Schweitzer

Und warum braucht es dann das "Zoom"-Institut? Haben Sie das Vertrauen in die heimischen Medien verloren?
Österreich ist ein relatives kleines Land. In einem solchen Land einen sehr pluralen Medienmarkt zustande zu bringen, ist an sich schon eine Herausforderung. Es ist nicht so, dass ich überhaupt kein Vertrauen in die österreichischen Medien habe. In einzelne Medien habe ich sehr hohes Vertrauen, insbesondere in einzelne Journalistinnen und Journalisten. Kurt Kuch von News beispielsweise habe ich sehr geschätzt – er war wohl einer der Größten.

Ich glaube aber, dass es in Österreich einfach noch mehr Optionen geben sollte. Insbesondere in Sachen Investigativ-Journalismus. Da braucht es teilweise mehrere Wochen, um eine Geschichte zu recherchieren – und gerade das ist etwas, bei dem eingespart wird. Weil es auch sehr teuer ist.

Wie viele Menschen arbeiten für Zoom?
Ungefähr zehn. Vier haben bisher Artikel geschrieben. Es gibt aber natürlich auch andere Formen der Unterstützung. Wir arbeiten alle ehrenamtlich.

»Es soll überhaupt nicht einseitig sein«

Zwölf Artikel haben Sie angekündigt – bleibt es dabei?
Die Serie über Sebastian Kurz und Martin Ho umfasst zwölf Artikel. Es soll aber auch nicht die letzte Serie sein.

Und erscheinen diese Artikel alle noch vor der Wahl im September?
Das ist so geplant. Es kann aber auch sein, dass wir dann doch Dinge zusammenziehen.

Der Schwerpunkt liegt auf dem Ex-Kanzler Sebastian Kurz und dem Unternehmer Martin Ho ...
Genau. Das ist die Serie, der wir uns zum Start gewidmet haben bzw. noch immer widmen.

Gibt es bei den anderen Parteien denn nichts aufzudecken?
Klar gibt es das (lacht). In der Rubrik "Spinwatch" haben wir beispielsweise auch einen Parteistrategen der SPÖ genauer beleuchtet. Wir haben ein Interview mit Florian Klenk veröffentlicht, der Fragen zu der Kommunikation zwischen der Justiz und investigativen Journalisten und Journalistinnen beantwortet. Es gibt auf jeden Fall einige Bereiche, die wir uns genauer anschauen wollen. Wir haben aber den Anspruch, dass wir uns den Serien ausführlicher widmen, und das braucht Zeit.

Es soll aber überhaupt nicht einseitig sein. Die Gewichtung ist jetzt nun mal so, weil hier die Hauptrecherche liegt. Das soll aber über einen längeren Zeitraum nicht so bleiben

Das heißt, nach der Wahl geht es weiter?
Das ist so geplant. Nachdem wir in der Testphase alle Ziele für den Anfang weit übertroffen haben und mich das überwältigt hat, werden wir auf jeden Fall auch nach der Wahl noch weitermachen. Wir widmen uns am liebsten den Mächtigen und versuchen dort genauer hinzuschauen. Wenn nach der Wahl Frau Rendi-Wagner Bundeskanzlerin werden würde, dann würden wir natürlich dort genauer hinschauen. Beispielsweise in Sachen Beteiligungen der SPÖ. Es ist ja auch bezeichnend, wie die drei großen Parteien - SPÖ, ÖVP und FPÖ - mit dem Thema Transparenz umgehen. Alle haben eine gewisse Schwierigkeit, mehr Transparenz zuzulassen.

»Mich hat die Naivität von Herrn Strache überrascht«

Sie haben die Mächtigen angesprochen. Hat Sie das Ibiza-Video eigentlich überrascht?
Ja, definitiv. Ich war überrascht. Es gab ja bereits davor Gerüchte, dass solch ein Video existiert. Ich habe aber dann über Twitter davon erfahren.

Und was genau hat sie überrascht?
Es hat mich überrascht, dass es ein Video gibt. Es hat mich nicht so sehr überrascht, dass Herr Strache in genau solch einem Umfeld über solche Dinge spricht. Das passt eigentlich zu ihm. Es hat mich aber auch überrascht, was Herr Strache über die Kronen-Zeitung sagt und seine Pläne dazu. Oder was er über die Strabag sagt. Da hat mich dann schon die Naivität des Herrn Strache überrascht. Es ist entlarvend, welche Strategien Herr Strache anwendet. Auf der anderen Seite ist es fast wieder erleichternd, wie dumm und naiv er dabei vorgegangen ist.

Dass so einer Vizekanzler geworden und damit in eine solch mächtige Position vorgerückt ist, das hat hauptsächlich Sebastian Kurz zu verantworten.

Überrascht es Sie dann, wenn Herr Kurz eine neuerliche Koalition mit der FPÖ nicht ausschließt?
Es ist ein großer Fehler, dass er das nicht tut. Ein strategischer Fehler. Taktisch gesehen überrascht es mich nicht, da er sich am liebsten die Wählerschaft von Strache und Kickl einverleiben will.

Warum ist es ein strategischer Fehler?
Langfristig würde ihn das zu sehr an diese bestimmte Wählerschaft binden. Kurz denkt noch immer in Dimensionen von 2015 – Stichwort Migrationskrise, die es so nicht mehr gibt. Da macht er sich einfach viele Optionen zu.

Wissen Sie denn schon, wen Sie am 29. September wählen werden?
Nein, weiß ich noch nicht. Aber es wird wahrscheinlich eher eine der kleineren Parteien werden.

Zur Person

IT-Unternehmer Florian Schweitzer war früher Mitarbeiter beim Liberalen Forum in Wien und Funktionär der Liberalen Studenten. Danach arbeitete er für den fraktionslosen EU-Parlamentarier Martin Ehrenhauser. Von 2013 bis 2015 arbeitete Schweitzer als Pressesprecher für Greenpeace.

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