Im Gespräch von

Thomas Brezina: "Dummheit
bringt mich aus der Fassung"

Der Kinderbuchautor über eigene Kontrolle und die erwachsene Knickerbocker Bande

© Video: News.at

Nach 20 Jahren Pause ermittelt die "Knickerbocker Bande" wieder. Die kindlichen Helden von einst, Lilo, Poppi, Axel und Dominik sind inzwischen - wie auch ihre Leser - erwachsen geworden. Mit "Alte Geister ruhen unsanft" wagte sich der erfolgreiche Kinderbuchautor Thomas Brezina erstmals auf das Terrain der Erwachsenenliteratur. Im Interview spricht er über das Buch sowie sein Pendlerleben zwischen Wien und London und erzählt, was ihn aus der Fassung bringt.

In Kürze erscheint das neue Knickerbocker Bande-Buch, in dem die vier Kinderdetektive erwachsen geworden sind. Sind Sie nervös?
Oh ja! Es ist das erste Buch für Erwachsene, eine Fortsetzung, die bisher noch keiner gewagt hat, nämlich eine Kinderserie erwachsen werden zu lassen. Es ist etwas sehr Neues und es ist einfach sehr speziell. Für mich ist es ein besonderer Schritt und deshalb bin ich auch nervös.

Wie schwer ist es nach über 550 Büchern für Kinder plötzlich für Erwachsene zu schreiben?
Das war schon eine Herausforderung, ja. Es war aber auch eine Befreiung. Weil ich mich, was den Fall angeht, nicht so beschränken musste, weil die Charaktere erwachsene Personen sind, die anders denken als Kinder. Das war angenehm. Ich bin natürlich auch in einem gewissen Sprachduktus drin, wo ich gesagt habe, der muss sich auch verändern und da musste ich schon wirklich dran arbeiten.

Wie entstand die Idee, die Knickerbocker Bande 20 Jahre älter werden zu lassen?
Seit sieben Jahren spukt mir die Idee im Kopf herum und im März stand ich vor der Entscheidung, was ich als nächstes mache und plötzlich habe ich mir gedacht: „Jetzt will ich das schreiben!“ Ich habe begonnen und nach zwei Kapiteln hat mich der große Zweifel überfallen. Ich habe mich gefragt, ob ich das wirklich tun soll. Dann habe ich dieses Facebook-Video aufgenommen und es kam dieser unfassbare Response drauf. Da habe ich mir gedacht: „Ok, wenn sich das wirklich viele wünschen und vorstellen können, dann mach ich es.“

»"Dominik heißt sogar Dominik und ist heute sogar Schauspieler." «

Poppi, Lilo, Axel und Dominik: Gab es reale Menschen als Vorbilder für die vier Knickerbocker?
Ja. Es gab vier reale Kinder, wobei sie nicht Eins-zu-Eins so sind. Es gab Grundzüge von Kindern und dann habe ich sie natürlich ausgeschmückt. Aber der echte Dominik heißt sogar Dominik und ist heute sogar Schauspieler.

Und er weiß auch, dass er das ist?
Ja.

Thomas Brezina
© Tom Storyteller GmbH Thomas Brezina mit seinem neuen Buch "Alte Geister ruhen unsanft"

Sie schreiben bis zu zehn Stunden täglich: Das hört sich gar nicht so nach Kreativarbeit an, eher nach hartem Bürojob…
Kreativarbeit ist harte Arbeit. Zehn Stunden schreiben heißt ja nicht, dass ich zehn Stunden vor dem Computer sitze. Das heißt, dass ich mir ein Tagesziel setze, eine gewisse Anzahl an Worten, die ich schreiben möchte und das versuche ich zu erreichen. Manches Mal geht es schneller, manches Mal weniger.

Gibt es ein Buch, auf das Sie besonders stolz sind?
Nein. Das jetzt natürlich, weil das eine große Herausforderung für mich ist, etwas ganz Neues. Also darüber freue ich mich jetzt schon sehr. Wie ich es zum ersten Mal in Händen gehalten habe, habe ich es kaum glauben können.

Gibt es ein Buch, das Ihnen im Nachhinein peinlich ist?
Nein, peinlich ist mir überhaupt kein Buch. Es ist so, dass viele Bücher jetzt nach 20 Jahren neu herausgegeben werden, neu illustriert werden und dann überarbeite ich sie. Dann schaue ich mir an, ob ich das heute genauso schreiben würde oder nicht. Diese Freiheit nehme ich mir.

Thomas Brezina
© Tom Storyteller GmbH Bis zu zehn Stunden täglich schreibt Thomas Brezina

Sie wurden als Autor immer wieder hart kritisiert. Hat sich das mittlerweile gelegt? Hat Sie das früher getroffen?
Von wem wurde ich denn kritisiert? Von keinem meiner Leser, sondern von Kritikern. Wo sich bei vielen herausgestellt hat, dass sie nicht einmal ein Buch von mir gelesen hatten. In der Anfangszeit war ich ein bisschen erschrocken darüber, aber ich hatte einen Verleger und Lektoren, die mir gesagt haben: „Beruhig dich, reg dich ab, kümmere dich nicht darum. Schreib weiter so, wie du schreibst und wie du schreiben willst, du schreibst für dein Publikum.“ Und das war immer mein Ziel: Meine Leser zu begeistern. Das schönste Kompliment, was mich erreicht, ist jenes von den Lesern von früher, die sich heute für eine schöne Kindheit bedanken. Es gibt keine höhere Auszeichnung.

Sie leben einen Teil des Jahres in London…
London hat mich inspiriert. Ursprünglich war es so, dass ich einfach den Abstand gebraucht habe vom Alltag. Und dann ist London eine zweite Heimat für mich geworden. Ich liebe das Leben dort, es inspiriert mich ungeheuer.

»"Wien ist eine Stadt, deren Qualität ich immer höher einschätze." «

Wie ist das Gefühl, dann wieder ins „kleine Wien“ zurückzukehren?
Geborgen. Wien ist eine Stadt, deren Qualität ich immer höher einschätze. Weil es eine Stadt ist, die eine wirklich hohen Grad an Qualität, an Geborgenheit bietet. London als Kontrast tut aber sehr gut. Ich mag diesen Wechsel.

Würden Sie auch gerne noch einmal ganz woanders leben?
Oh ja! Absolut. Wobei ich immer geglaubt habe, ich brauche die Großstadt nicht so und dann habe ich eine Zeit lang in Brighton gelebt, das ist ja auch keine kleine Stadt aber trotzdem bin ich draufgekommen, dass das zwar sehr nett ist und am Meer zu leben schön ist, ich aber so eine Großstadt schon sehr mag.

Welche Stadt stünde denn noch auf Ihrer Liste?
Ich glaube, andere Großstädte wären es gar nicht. Was ich mir noch vorstellen könnte, wäre eher ein ganz anderes Extrem zu suchen: Irgendwo zu leben, am Meer, viel ruhiger, viel beruhigter in einer kleinen Umgebung. Wo es warm ist. Aber ich merke heute vor allem: Du bist da zuhause, wo du auch dein soziales Umfeld hast. Und das immer wieder neu aufzubauen, ist eine mühevolle Arbeit.

Sie haben 16 Jahre lang im Hotel gewohnt, haben Sie sich da nie einsam oder eingeengt gefühlt?
Nein, das Leben im Hotel ist für einen Schriftsteller deshalb so gut, weil man keinen Alltag hat.

Thomas Brezina
© Tom Storyteller GmbH

Warum hat es nach 16 Jahren dann doch gereicht?
Weil London wirklich zu einer zweiten Heimat geworden ist und ein Freund gesagt hat: „Willst du immer nur auf der Durchreise bleiben oder willst du auch einmal sesshaft werden?“

Bleibt zwischen London und Wien auch noch Zeit für andere Reisen? Wo reisen Sie gerne hin, um abzuschalten?
Ich reise ziemlich viel herum. Ich war heuer in Argentinien, in Buenos Aires und war ganz begeistert. Ich fahre auch wahnsinnig gerne nach Venedig. Ich fahre überhaupt gerne an schöne Orte. Das ist bunt gemischt. Ich bin jedes Jahr mindestens zehn Tage lang in Indien, weil ich Ayurveda mache. Ich bin in Österreich viel unterwegs, sehr gerne in Tirol und sehr gerne in den Bergen.

Sie wirken immer sehr diszipliniert, sehr kontrolliert. Was bringt Thomas Brezina dennoch aus der Fassung?
Dummheit bringt mich aus der Fassung. Da habe ich Mühe, mich zu beherrschen. Ungerechtigkeit bringt mich aus der Fassung. Was mich aus der Fassung bringt, ist die Lieblosigkeit, mit der viele Menschen miteinander umgehen. Ich kann es nicht glauben. Ich war vor kurzem in einem irrsinnig schönen Spa-Hotel und dort gehen die Leute mit einem mieselsüchtigen Gesicht herum, als wären sie eingesperrt. Ich kann es nicht verstehen. Und wie sich Ehepaare oft behandeln…ich bin fassungslos.

»"...im Kopf hab ich ihn. Ob ich ihn schreib? Wir werden sehen!"«

Waren sie schon immer so gefasst?
Ich bin nicht immer so gefasst. Aber was soll ich für Ausbrüche kriegen in der Öffentlichkeit? Ich stehe in der Öffentlichkeit und was ich an Problemen und Sorgen und Stimmungen habe, das ist meine Sache und das ist etwas, was ich im Privaten regle und löse. Wenn ich interessante Lösungswege finde, dann erzähle ich diese, weil es vielleicht jemandem nützlich sein kann. Ich will außerdem etwas Positives in die Welt setzen. Diese ganzen Social Media-Aktivitäten sind aus dem heraus entstanden, dass ich gesagt habe, ich halte es nicht mehr aus, jeden Tag aufzuwachen und zu hören, dass der Herr Trump schon wieder eine Unfassbarkeit getwittert hat. Dem muss man doch etwas Positives entgegensetzen.

Sind noch weitere Knickerbocker-Bücher geplant?
Das Buch endet ja damit, dass sie schon mit einem Fuß in einem neuen Fall stehen und im Kopf hab ich ihn. Ob ich ihn schreib? Wir werden sehen!

Thomas Brezina getestet: Erkennt der Autor anhand kurzer Passagen seine eigenen Bücher?

© Video: News.at

Info:
Knickerbocker4immer - Alte Geister ruhen unsanft
Ecowin Verlag, 9. November 2017
416 Seiten
www.thomasbrezina.com/
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Zum Inhalt: Aus dem Streit wurde Schweigen. Aus Tagen wurden Monate. Aus Monaten wurden Jahre. Aus der verschworenen Bande wurden Fremde und Erwachsene, die ihren Weg gingen. Allein. Bis zu jenem Brief.
Die Einladung zu einem Treffen der vier Knickerbocker kam überraschend für jeden Einzelnen von ihnen. Aber die Dringlichkeit des Schreibens ließ ihnen keine Wahl. Es musste ein Wiedersehen geben - nach 20 Jahren.
Auf Canon Island, der Insel des Schreckens, wartete man geduldig auf ihr Eintreffen und beobachtete jeden ihrer Schritte. Wie schon damals, vor dem Streit. Alles war geplant und vorbereitet. Das Projekt ging in seine entscheidende Phase.

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