Interview von

Silvia Schneider: "Unterschätzt
zu werden ist nicht schlecht"

Interview - Silvia Schneider: "Unterschätzt
zu werden ist nicht schlecht" © Bild: Matt Observe

Im kommenden Jahr startet Silvia Schneider im ORF mit ihrer eigenen Kochshow durch. Hier spricht sie über die Sinnlichkeit des Essens - und über ihre Selbstüberhöhung als kurvige Blondine: "Im Fernsehen herrscht eine gewisse Perversion der Optik, der ich mich bewusst aussetze".

Frau Schneider, was bedeutet Kochen für Sie?
Ich finde, Kochen ist eine Mischung aus Leidenschaft und Entspannung. Für jemanden zu kochen, ist vielversprechend -und auch sehr sexy. Worin besteht denn die Sexyness des Kochens? Im Einsatz der Gewürze, der lässt durchaus ein wenig auf den Charakter schließen. Wer beim Würzen eher bedächtig ist, ist auch so ein wenig zurückhaltender, wer viel Chili einstreut, ist auch sonst eher ein feuriger Typ.

Das heißt, Kochen ist der Seelenstrip der Köchin?
Ja, das finde ich schon. Auch wie du zubereitest, wie du anrichtest und servierst, wie du den Tisch deckst ist Teil einer Verführung? Oh ja! Zunächst gibst du ganz viel von dir selbst in ein Gericht, dann kommt der gemeinsame Genuss.

Köchin - das ist also eigentlich eine sehr machtvolle Person?
Eigentlich ja. Anbraten, einbraten, einkochen -heute ist das aber eine Macht, die auch die Männer besitzen: Nichts ist eindrucksvoller als ein Mann, der einen bekocht. Welche Rückschlüsse lässt denn nun Ihre Art zu kochen auf Sie zu? Liebe, Geborgenheit, Warmherzigkeit, darum geht es mir beim Kochen.

Was ist ein warmherziges Gericht?
Zum Beispiel Gulasch -das wärmt die Seele, das isst man, und wenn es einem schlecht geht, dann geht es einem danach besser. Oder faschierte Laibchen, gefüllte Paprika, Kartoffelpüree. Meine Gerichte schmecken immer irgendwie nach Zuhause.

Aber wenn Kochen Verführung ist - wozu verführt Gulasch?
Es ist die Ouvertüre zu einem sehr gemütlichen, entspannten Abend ohne Konventionen und Regeln -dazu dann am besten ein schönes Bier, das garantiert wunderbare Gespräche.

»Wenn ich schon im Bett esse, dann läuft das schon diszipliniert ab«

Essen Sie mitunter auch im Bett?
Ja, das ist schon eine Denkvariante. Wenn man Sie so ansieht, kann man sich die dadurch entstehenden Bröseln und Ketchupflecken aber nur sehr schwer vorstellen. Krümel im Bett, das geht gar nicht. Ketchupflecken -no, no, sowas gibt es bei mir nicht. Wenn ich schon im Bett esse, dann läuft das schon diszipliniert ab.

Das Prinzip der disziplinierten Gemütlichkeit?
Ich finde, dass Essen etwas Sinnliches ist, und diese Sinnlichkeit sollte sich, zumindest bei mir, auch über die Essende ausdrücken. Bei mir gibt es ja immer diese Gratwanderung zwischen elegantem Styling und herzhaftem Essen, ursprünglich passt das irgendwie nicht zusammen. Aber mir gefällt diese Disziplin oder Kontrolle, die du beim Essen haben musst, wenn du etwa roten Lippenstift trägst. Da kannst du keinen Burger reinschlingen, das wäre ästhetisch fatal.

© Matt Observe

Worum geht es in einer Kochsendung eigentlich -um praktische Tipps oder um Inszenierung?
Das größte Problem ist, dass wir noch kein Geruchs-und Geschmacksfernsehen haben. Alles, was ich an Genuss transportieren kann, passiert über die Bildsprache, die so schön und hochwertig wie möglich sein muss. Da geht es dann natürlich auch um die Outfits der Köchin.

Die erste Assoziation, die man(n) mit Ihnen hat, ist: "Blondine". Ist das für Sie eine chauvinistische Zuschreibung?
Nein, denn ich genieße es, die Leute zu überraschen. Unterschätzt zu werden, ist nicht schlecht. Schon Marilyn hat es verstanden, sich unterschätzen zu lassen, um dann gezielt sehr scharfen Verstand zu beweisen -und sehr spitzen Humor.

»Leider denken wir alle in Schubladen, das ist halt so«

Man unterschätzt Sie also?
Vielleicht werde ich manchmal falsch kategorisiert. Dann sind die Leute überrascht, wenn sie mich kennenlernen. Leider denken wir alle in Schubladen, das ist halt so.

Aber bedienen Sie denn nicht genau diese Schubladen?
Ich finde, man kann weiblich sein und trotzdem stark. Meine Weiblichkeit, meine Kurven, mein Aussehen, all das kann ich genießen und trotzdem erfolgreich und unabhängig sein. Es ist traurig, dass die Optik gerade bei uns Moderatoren das erste Tool ist -aber wenn du jemanden im Fernsehen siehst, geht es zu 70 Prozent um optische Wahrnehmung, zu 20 Prozent um die Stimme und nicht einmal zu zehn Prozent um den Inhalt. Das ist eine gewisse Perversion der Optik. Aber der setze ich mich bewusst aus, weil ich gerne mit Aussehen, Mode und Frisuren spiele -es ist diese Freude am Herrichten.

Aber warum zeigen Sie zu einem gewissen Grad eine Kunstfigur, nicht die Frau, die Sie eigentlich sind?
Aber ich bin so! Man wird mich auf der Straße nicht ungeschminkt oder unfrisiert treffen.

Sollen Frauen denn schmückend sein?
Vor allem für sich selber, denn Beiwerk sind sie keines, und auch keine schöne Trophäe in den Armen irgendeines Mannes. In erster Linie sollen sie sich für sich selbst schön machen. Wer eine Frau ist, weiß, dass sich Frauen eigentlich für andere Frauen schön machen, nicht für Männer.

Wirklich?
Wir Frauen können die kleinen Dinge und Signale unserer Kleidung und unseres Make-ups besser lesen und interpretieren als ein Mann.

»Ein gewisser Perfektionismus, das ist mein ganz alltäglicher Anspruch«

Was sollen denn andere Frauen aus Ihnen lesen?
Herzlichkeit -aber bis zu einem gewissen Grad auch Perfektionismus. Ein gewisser Perfektionismus, das ist mein ganz alltäglicher Anspruch. Klingt nach einer ziemlichen Prozedur. Nein, es ist ein Ritual für dich selbst, für diese kurze Zeit am Tag, die du für dich selber hast.

Und wie lange dauert dieses Ritual?
In 15 Minuten bin ich mittlerweile fertig. Da bin ich very quick.

Wirklich?
Natürlich kann es auch einmal etwas länger dauern. Aber ich finde, wenn du in der Früh eine gewisse Aufopferung aufbringst, um dich zu stylen und herzurichten, also Gedanken an die Outfits des Tages zu verschwenden, dann ist das wie eine Rüstung, die einen im Alltag stärker macht.

Eine Rüstung, die wovor schützt?
Na ja, der Exhibitionismus, den man als Moderatorin betreibt, macht auch verletzlich. Wenn du vor 1.000 Leuten auf einer Bühne stehst, bist du ganz offen - da ist man fast schon masochistisch unterwegs, denn so verletzlich wie auf einer Bühne ist man sonst nie. Das Einzige, was dich da schützt, ist deine Kleidung. Sie sind ja so vieles: Journalistin, Moderatorin, Designerin, Dirndlbotschafterin.

Wie ist das, jeden Tag ein neues Rollenkostüm überzustreifen?
Rollenkostüm -das ist genau das richtige Wort! Da hinten im Eck steht mein riesiger Rollkoffer, da ist meine Kleidung für den ganzen Tag drinnen. Das beginnt mit dem Kleid für dieses Shooting in der Küche und endet mit einer Auswahl langer Abendkleider für eine Gala, die ich heute moderiere.

Kippt man da nicht fast zwangsläufig in eine gewisse Schizophrenie?
Nein, gar nicht -das bin ja alles ich. Ich rede zwar manchmal mit mir selbst, aber schizophren bin ich deswegen noch nicht.

Aber Dirndlbotschafterin -wie wird man das? Hat das -und das ist die einzige Gabalier-Frage - irgendwie mit diesem Typen mit dem kleinkarierten Schneuztüchl zu tun?
Nein, da kann ich Sie beruhigen (lacht).

»Dirndln sind ein Produkt, das bei uns Frauen alles an die richtige Stelle rückt«

Danke!
Ich habe als Botschafterin der Wiener Wiesn die Chefin von Sportalm kennengelernt, und der hat mein Stil und meine Art, mit Menschen umzugehen, gefallen. Und so kam es, dass ich heuer bereits die zweite Kollektion für sie entworfen habe. Dirndln sind ein Produkt, das bei uns Frauen alles an die richtige Stelle rückt.

Das heißt, das war jetzt nicht die Berufsuniform für Ihre Ex-Beziehung.
In dieser Beziehung gab es nie eine Berufsuniform. Aber Marilyn, die Sie modisch inspirierte, hätte doch wohl eher selten Dirndl getragen.

© Matt Observe

Hätte man ihr eines gegeben, sie hätte es getragen, davon bin ich überzeugt. Sie zitieren sie in Ihren Looks immer wieder - welches Frauenbild wollen Sie durch Ihren Fifties-Glam transportieren?
Marilyn war eine Frau, die sich in einer sehr schwierigen Zeit in einer Männerdomäne behauptet hat. Ob sie das jetzt durch ihren Charme gemacht hat oder ihre Intelligenz oder ihr Aussehen, das sei dahingestellt. Aber sie hat Außergewöhnliches erreicht. Und sich von ihr Input zu holen, finde ich nicht schlecht.

Marilyn Monroe litt massiv darunter, als reine Sexbombe wahrgenommen zu werden.
Das war nicht ihr eigentliches Problem, ihr Problem war, dass sie ein zutiefst verletzlicher, kranker Mensch war. Wenn wir sie mit der Psychologie der heutigen Zeit betrachten würden, dann wären da ganz viele Neurosen, die einfach nie richtig therapiert wurden. Nur weil ich mir die Haare wie damals eindrehe, heißt das nicht, dass ich auch das damalige Frauenbild gut finde. Ich finde aber, dass es an der Zeit ist, die Weiblichkeit hochleben zu lassen und dabei gleichzeitig auch Stärke zu zeigen.

Aber diese Weiblichkeit, die Sie hochleben lassen, ist die trotz all des Glams doch eher konservativ?
Es ist die Weiblichkeit, die mir am besten passt. Ich bin ein relativ kurviges Mädchen, so ist in mir irgendwann der Entschluss gereift, dass mir die Mode der Fünfzigerjahre am besten passt.

»Als ich noch in die Schule ging, gab es nie Markenmode, weil es meinen Eltern zu Recht nicht wichtig war«

Und Jeans tragen Sie nie?
Ach, Jeans! Frauen hassen und lieben Jeans gleichzeitig, ich habe ein seltsames Verhältnis zu ihnen: Als ich noch in die Schule ging, gab es nie Markenmode, weil es meinen Eltern zu Recht nicht wichtig war. Aber ich bin nun einmal ein Kind der Neunziger, und da bestimmte die Levis 501 alles - doch ich hatte nie eine! Dann habe ich mir im Türkeiurlaub eine Fake-501 gekauft, sie am ersten Schultag angezogen - totales Gelächter! Dieses Erlebnis ist mir stets in Erinnerung geblieben. Wenn Frauen Jeans anprobieren, ist das immer ein Kraftakt, sofort passen die ja nie. Da habe ich beschlossen, zu resignieren und sie ganz einfach nicht mehr zu tragen.

Sie vertreiben übers Internet auch Ihre ganz persönliche Mode. Da findet man die sogenannte Touch-Me-Bluse, den Undress-Me-Skirt, die True-Love-Trousers: Bitte beschreiben Sie Situationen, in denen diese "Funktionsmode" Anwendung findet.
Oho, das ist meine Valentine's-Collection, und ich wollte, dass jedes Kleidungsstück eine nette, kleine Botschaft an die Trägerin transportiert, diese Namen sind eine Koketterie, ein Augenzwinkern...

Nun ja, "Undress me" heißt "Zieh mich aus".
Einen roten Pettycoat-Rock nur "Rock" zu nennen, ist doch ein bisserl langweilig. Das ist Kleidung, die die Phantasie beflügeln soll -aber eher jene der Trägerin, denn nur die kennt den Produktnamen.

© Matt Observe

Sind Sie eigentlich ein Feindbild der Hardcore-Feministinnen?
Ich habe viele Freundinnen, die Hardcore-Feministinnen sind - und das genieße ich. Und Feindbild? Nein, jede Frau hat das Denkvermögen, eine andere Frau zuerst kennenzulernen und erst dann über sie zu urteilen. Im Gespräch kommt dann rasch raus, dass ich alles andere bin als ein Heimchen am Herd.

Was keiner unterstellt. Was Sie aber sinngemäß sagen, ist: Es ist wichtig für eine Frau, schön zu sein.
Ja - weil ich persönlich das mag und für mich den Anspruch habe, elegant durch den Alltag zu schreiten.

»Ich würde es schon schön finden, eines Tages Kinder zu haben«

Die Rolle der Mutter, ist das etwas, wonach Sie sich sehnen?
Oh ja, ich würde es schon schön finden, eines Tages Kinder zu haben. Es gibt kaum etwas Sinnvolleres, als eine Familie zu gründen. Allerdings ist es keine Voraussetzung für das Frausein.

Und abends, beim Abschminken - sind da dann Momente der Einsamkeit?
Da kann ich Sie doppelt beruhigen: erstens, weil ich praktisch nie einsam bin und zweitens, weil ich sogar im Bett manchmal Lippenstift trage -wann ist der Mensch denn wirklich abgeschminkt?

Frau Schneider, vielen Dank für Ihre geduldigen Antworten.

Dieses Interview ist ursprünglich im Lifestyle-Magazin Lifedrive (2019/2020) erschienen!