Interview von

Sarah Connor: "Vincent
ist unheimlich stark"

Interview - Sarah Connor: "Vincent
ist unheimlich stark" © Bild: imago images / Reichwein

Mit ihrem Song über den homosexuellen "Vincent" liefert Sarah Connor den Aufreger der Stunde. Das Gespräch über den "Skandal"-Song, Glück als Entscheidung und schlechten Modegeschmack

Die einen bedanken sich in emotionalen Mails für das Lied. Es gibt Kraft und stärkt, sagen sie. Die anderen empören sich lautstark und sorgen dafür, dass der Song in vielen deutschen Radiostationen nicht gespielt wird. Dabei verstößt dessen Botschaft laut NDR nicht gegen den Jugendmedienschutz und ist auch sonst kaum aufwieglerischen Inhalts.

"Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt", singt die seit zwei Jahrzehnten als Deutschlands Soulstimme erfolgreiche Sarah Connor. "Vincent" erzählt vom Comingout eines jungen Mannes, dem schließlich die Mama vermittelt: Du wirst geliebt, so wie du bist! Die Begründung des Radioverbots ist demnach von surrealem Format: Das Lied passe nicht zu einem familienorientierten Programm, so einige Radiostationen.

Der deutsche Lesben-und- Schwulenverband-(LSVD)- Sprecher Markus Ulrich erklärt sich die verkrusteten Ansichten so: "Sobald es um nicht heterosexuelle Sexualität geht, wird es schwierig." So seien explizit sexuelle Inhalte kein Problem, wenn sie von Rapper 50 Cent ("Candy Shop") kommen, und Udo Jürgens könne problemlos als älterer Mann "17 Jahr', blondes Haar" singen. Bloß beim Thema Homosexualität werde es heikel.

Dabei spricht niemand von der wahren Tragik im Lied, die sich offenbart, wenn Connor erzählt, wie sehr Vincent sich bemüht hat, doch Mädchen zu lieben. Die 39-jährige Deutsche weiß, wovon sie singt, denn Vincent ist der Sohn ihrer besten Freundin. Die Geschichte ist eine wahre - wie alle auf dem tabulos offenherzigen Album "Herz Kraft Werke". News traf die Mutter von zwei Buben und zwei Mädchen zwischen zwei und 15 Jahren zum Gespräch über den polarisierenden Song.

Im Lied "Vincent" beschreiben Sie einen Bub, der entdeckt, dass er auf Jungs steht. Warum war Ihnen das Lied wichtig?
Das Thema hat mich beschäftigt, weil ich selbst Kinder im pubertären Alter habe, und diesen Vincent gibt es ja wirklich. Er ist der Sohn einer Freundin. Vor Kurzem sagte er seiner Familie, dass er auf Jungs steht. Und: "Wenn ihr damit ein Problem habt, ist es euer Problem, für mich passt das so." Ich fand das unheimlich stark und auch ein Kompliment für meine Freundin, die als Mutter wohl viel richtig gemacht hat. Ich kenne viele schwule Männer, die lange ein Doppelleben geführt haben, bevor sie zu ihrer Liebe stehen konnten. Deshalb wollte ich diesen Song machen: Um den Jungen zu bestärken.

»Ich wollte Vincent stärken. Wir sind als Gesellschaft noch lange nicht so weit, wie wir denken«

Sie singen "Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt." Das polarisiert durch die Direktheit. War Ihnen das bewusst?
Ja, natürlich. Ich wollte so schnell wie möglich zum Punkt kommen. Außerdem wollte ich mit der Zeile eine Fallhöhe zum Refrain schaffen, wo die Mutter ihn umarmt und sagt: So wie du bist, wirst Du geliebt." Die Tragik versteckt sich in der nächsten Zeile: "Er hat es oft versucht und sich auch angestrengt." Wir sind als Gesellschaft noch lange nicht so tolerant, wie wir denken. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen, die jetzt empört sind, überlegen, warum sie so reagieren. Schön wäre, wenn ich sanft einen Dialog anschieben kann, wenn Eltern ihren Kindern erklären, was das Lied bedeutet.

Haben Sie mit Ihren Kindern darüber besprochen?
Natürlich. Wir waren im Auto unterwegs, als ich ihnen das Lied vorgespielt habe. Zuerst haben sie gesagt: "Mama, das kannst du nicht machen, mein bester Freund heißt Vincent!" Ich habe ihnen erklärt, um wen es geht und dass ich ihm Mut machen möchte. Sie kennen den Jungen. Dann war es kein Thema mehr.

"Schwul" wird auch unter Jugendlichen noch oft abwertend oder als Synonym für "uncool" benutzt. Haben Sie das auch erlebt?
Wenn meine Kinder "schwul" als Schimpfwort benutzen würden, würde ich sie fragen: "Weißt du, was schwul heißt? Du merkst, dass dein Herz sich zu einem Jungen hingezogen fühlt. Das kannst du dir nicht aussuchen." Wir haben viele schwule Freunde, deshalb ist es für meine Kinder normal, zwei Männer zärtlich miteinander zu sehen. Aber es gibt Familien, denen das fremd ist, und Fremdes wird leider oft zuerst einmal abgelehnt. Da gibt es noch viel zu tun.

An einer anderen Stelle auf dem Album kritisieren Sie die AfD und fragen "Wo ist die Liebe?" Ist Liebe die Lösung für alles?
Ich singe über das, was mich aufwühlt und wütend macht: Wenn Menschen unachtsam sind, sich rechten Gedankenguts bedienen, sich einer Demo anschließen, auf der die NS verherrlichende Plakate gezeigt werden. Es ist traurig, wenn der Verstand bei manchen Menschen so aussetzt. Ich habe betrachtet, wie wertfrei und liebevoll Kinder auf die Welt blicken und Konflikte lösen, und darin meine Antwort gefunden. Auch wenn der Song (Anm.: "Ruiniert") etwas naiv klingen mag, würde ich mir wünschen, dass er zum Nachdenken anregt, darüber, über das, was hier schief läuft. Ich glaube, wir brauchen tatsächlich mehr Liebe.

Ein Lied ist eine Liebeserklärung an Ihre Tochter. Sie beschreiben, was man als Mutter von Kindern lernen kann. Fällt Ihnen das immer leicht?
Ich finde, man kann sich jeden Tag neu entscheiden, ob man auf das Gute schaut oder sich die Energie ziehen lässt von Dingen, die nerven. Natürlich habe ich auch mal Momente, in denen mir die Dinge über den Kopf wachsen. Aber am Ende des Tages bin ich wahnsinnig dankbar für meine Familie. Ich habe Frauen in meinem Bekanntenkreis, die spät Mutter geworden sind und Schwierigkeiten damit haben, dass ihr bis dato selbstbestimmtes Leben plötzlich fremdbestimmt ist. Ich bin früh Mutter geworden und habe früh gelernt, dass es einfach so ist. Ich habe mich entschieden, mir den Honig rauszuziehen.

»Ich habe immer polarisiert«

Aber Ihre Karriere war Ihnen trotzdem immer wichtig.
Natürlich, ich würde mich niemals von einem Mann abhängig machen wollen und mein Selbstwertgefühl daraus beziehen, dass sich die Kinder prächtig entwickeln. Ich brauche den Austausch auf einer anderen Ebene, die mich geistig fordert. Dann bin ich eine bessere Mutter.

Zeit für sich muss man sich nehmen, haben Sie mal gesagt. Wie stellen Sie das an mit vier Kindern?
Das ist gar nicht so einfach. Ich klaue mir hier und da 'ne Viertel Stunde und hau mich mit einem Buch in den Garten oder auf die Couch.

Sie gehören seit fast 20 Jahren zu Deutschlands erfolgreichsten Sängerinnen. Was haben Sie aus der Karriere für sich gelernt?
Dass man nie ankommt. Wenn jemand zu mir sagt: "Jetzt bist du angekommen!", schnürt mir das den Hals zu. Das klingt doch, als ob jetzt nichts mehr kommt. Das Leben ist jetzt gerade richtig gut. Ich hatte auch Zeiten, in denen es nicht so gut war.

Haben Sie aus den dunklen Zeiten mehr gelernt als aus den schönen?
Ich glaube man lernt von den Ausschlägen in seiner Biografie. Ich glaube nicht an Fehler, nur an Lektionen, die das Leben Dir erteilt. Ich bin generell immer auf der Hut und stelle mich gedanklich auf alles ein, was passieren könnte. Nicht weil ich pessimistisch bin, sondern weil ich dann nicht so geschockt bin, wenn es tatsächlich passiert. Ich versuche, die Kontrolle nicht zu verlieren.

An welchem Punkt Ihrer Karriere sehen Sie sich?
Ich bin immer noch am Anfang, unsicher, ob das, was ich tue, jemanden interessiert und ob die Menschen nachempfinden können, was ich sagen will. Es berührt mich wie vor zehn Jahren, wenn ich bei Konzerten Menschen weinen sehe. Dann weiß ich, sie teilen, was ich empfinde, und wir verbinden uns.

Wie blicken Sie heute auf die 21-Jährige Sarah, die "Let's Get Back To Bed -Boy" gesungen hat?
Das war auch toll. Das hat Spass gemacht. Ich hab immer polarisiert, weil ich nicht die typische Schöne bin und anschmiegsame Popsongs gesungen habe und mich angezogen habe, wie jemand aus der Kleinstadt, der mit Modetrends nicht viel am Hut hatte. Viele dachten, das sei Kalkül, dabei war es einfach mein schlechter Geschmack. Heute kann ich darüber lachen. So war ich halt. Aber meine Stimme hat mich immer getragen. Die konnte man mir nicht nehmen, ob man mich mochte oder nicht. Und dann kam der Punkt, an dem ich begonnen habe eigene Songs zu schreiben, weil ich dachte, wenn ich weitermache, muss es mir mehr bedeuten. Ich wollte meine eigenen Geschichten und Gedanken singen.

In Ihren Texten lassen Sie tief blicken, etwa auf die Scheidung Ihrer Eltern, als Sie noch jung waren (Anm.: im Lied "Schloss aus Glas"). Hat Sie das nach all den Jahren so beschäftigt?
Man hat dieses Erbe, es selbst besser machen zu wollen. Vieles versteht man später. Manches ändert sich nie. Dann stehst du als Erwachsener wieder da wie mit zwölf und fragst dich, warum das so ist. Ich bin selbst geschieden und weiß, was Patchwork mit all den innerfamiliären Dynamiken bedeutet. Ich habe sieben Geschwister und zwei sehr starke Elternteile, die eine explosive Ehe geführt haben. Von der haben wir alle unsere Narben davongetragen.

Sie blicken sehr liebevoll auf Ihre Eltern. Wie ist Ihnen das gelungen?
Mein Vater hat uns letztes Jahr besucht und beim Abendessen ganz liebevoll von meiner Mutter gesprochen, wie er sie kennengelernt hat. Das habe ich ihm hoch angerechnet und mir für meine Geschichte auch vorgenommen. Ich möchte den Vater meiner Kinder immer liebevoll betrachten. Irgendwann habe ich mich in den verliebt und mit ihm Kinder bekommen. Was danach passiert ist, hat mit ihnen nichts zu tun. Für sie ist er ihr Daddy, und sie sollen ihn nicht durch meine Augen sehen, sondern durch ihre eigenen.

Sie haben sich in den Texten an vielen großen Lebensfragen abgearbeitet. War das der Plan?
Die Themen der Songs kommen zu mir. Ich habe ein sehr hohes Maß an Empathie. Das ist Fluch und Segen. Ich schreibe dann Songs wie "Flugzeug aus Papier", weil mich das Schicksal eines fremden Menschen wie das des Sportlers Bode Miller, der seine zweijährige Tochter verloren hat, so vereinnahmt, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Nachdem der Song geboren war, machte diese Traurigkeit, die ich gespürt habe, als hätte ich selbst ein Kind verloren, plötzlich Sinn. Oder "Zelt am Strand", den ich nach einem Streit mit meinem Mann geschrieben habe. Wie privat das ist, wird mir erst bewusst, wenn mich ich plötzlich damit auf einer Bühne stehe.

© imago images / Gartner Sarah Connor mit Ehemann Florian Fischer

Sie vermitteln in diesem Streit-Lied das Gefühl, dass Sie selbst im Krach das Positive sehen. Wie gelingt das denn?
Klar bin ich im echten Leben nicht immer so reflektiert, aber ich will so durchs Leben gehen. Das ist eine Entscheidung. Die Wahrheit ist auch, dass es meistens mein eigenes Defizit ist, wenn ich schlecht drauf bin.

Was hat Ihr Mann zu "Keiner pisst in mein Revier" gesagt, wo Sie Ihre Eifersucht und heftige Reaktionen eingestehen?
Er hat sich sehr gefreut. Der Song ist eine Ansage, aber vor allem eine Liebeserklärung.

Ihr Mann ist auch Ihr Manager. Wie viel Anteil hat er an Ihrem Erfolg?
Nach zehn Jahren, in denen ich Popstar war und die Songs von anderen gesungen habe, war er der Erste, der mir zugetraut hat, eigene Songs zu schreiben, und mich ermutigt hat. Die damalige Plattenfirma hat gesagt, das ist das Ende, wenn gute Sänger plötzlich versuchen, sich selbst zu verwirklichen. Ich selbst habe meine ersten Versuche bescheuert gefunden. Mein Mann hat mich nie ausgelacht. Er hat mich absolut ernst genommen, war aber auch kritisch. Wenn er sagte, da ist ein guter Satz dabei, wusste ich, okay, der Rest ist Schrott. Wir haben viel gestritten, aber er scheut die Auseinandersetzung mit mir nicht. Das rechne ich ihm hoch an. Es ist ein Kunststück zu sagen: Ich liebe dich wirklich, aber das ist jetzt Bullshit.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Printausgabe Nr. 24+25/19

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