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Roland Kaiser: "Die Schlager der
Sechziger waren origineller"

Interview - Roland Kaiser: "Die Schlager der
Sechziger waren origineller" © Bild: Ricardo Herrgott

Seine Laufbahn begann mit leichten Schlagern. Längst ist Roland Kaiser zum Grandseigneur des Genres gereift, der im Herbst seiner Karriere noch einmal fest Gas gibt

News: Spitzenplatz in den Albumcharts mit "Alles oder Dich", somit auch Herbert Grönemeyer abgehängt, und ausgebuchte Termine bis 2020. Warum läuft es mit 66 so toll, Herr Kaiser?
Roland Kaiser: Ich denke, dass das zum einen in der Konstanz meiner Arbeit begründet liegt, und zum anderen glaube ich, wenn man nicht mehr muss, sondern kann, darf, will und einfach entspannt ist, dann führt diese Entspanntheit oft zum Erfolg. Und außerdem glaube ich, dass es mir gelungen ist, mit der Zeit zu gehen, ohne mich selbst dabei zu verlieren.

Könnte man das so interpretieren, dass Sie jetzt die beste Zeit Ihres Lebens haben?
Ja, das stimmt. Es ist vor allen Dingen ein Erfolg, der mir nicht zu Kopf steigt, sondern, im Gegenteil, demütiger macht als vorher. Wenn man genau weiß, dass das alles ein Geschenk des Publikums ist, fühlt man sich nicht nur verpflichtet, diese Qualität zu halten, sondern sich unentwegt zu verbessern. Es ist eine schöne Arbeit, mit meinen musikalischen Kollegen zusammen auf der Bühne oder mit meinen Partnern im Studio dieses Format oder diese Qualität zu halten.

»Ich habe so ein Problem mit dem Wort Schlager«

Zwei Titel aus Ihrem Album fallen besonders auf: der Titelsong, der sehr balladenartig klingt und, wie man hörte, einen James-Bond-Hintergrund hat
Ja, wenn man sich die Musik anhört und auch den Text, dann sind ein paar Zitate aus Bond-Filmen dabei. Und der Song hat auch so eine leichte Anwandlung; er könnte auch tatsächlich aus einem Bond-Film stammen. Michael Ilbert ist einer von drei Tonmeistern, mit denen ich viel zusammenarbeite und die keine Schlageraffinität haben. Er hat "Alles oder Dich" gemischt. Da er auch schon Titel von Adele gemischt hat, sagte ich ihm: "Versuch doch mal so einen Sound wie bei ,Skyfall' hinzukriegen." Und das ist ihm hervorragend gelungen.

Nach Anhören des Songs stellt sich die Frage: Sind Sie noch Schlagersänger oder der Grandseigneur der Unterhaltungsmusik?
Ich habe so ein Problem mit dem Wort Schlager, damit meine ich mit der Definition. Was ist ein Schlager? Ein Schlager ist ja nicht mehr als ein mehrheitsfähiges Lied. Das kann "Cordula Grün" heißen oder das kann auch einem Rapper passieren, der Nummer eins in den Charts wird. Ich mache die Musik, die mir gefällt. Nennen Sie es, wie Sie wollen.

Der zweite herausstechende Titel war "Niemand", ein Duett mit Barbara Schöneberger. Dabei wollten Sie doch nie musikalischen Pas de deux frönen. Begonnen hat es ja mit Maite Kelly und "Warum hast du nicht nein gesagt?". Ja, Herr Kaiser, warum haben Sie dieses Mal nicht Nein gesagt?
Ich will Ihnen mit Konrad Adenauer antworten: Ich lasse mir nicht verbieten, klüger zu werden. Also ich finde Duette mittlerweile spannend, wenn die Partner stimmen. Und ich hab deshalb Barbara Schöneberger gefragt, weil der Song sehr an die Komödie "Mein Freund Harvey" von Mary Chase erinnert. Da geht es um einen Universitätsprofessor, der mit einem weißen Hasen befreundet ist, den aber außer ihm keiner sieht. Und mit dem Song ist es ähnlich. Da singt einer von jemandem, der nicht existiert, außer für ihn selbst.

Aber warum genau haben Sie an Barbara Schöneberger gedacht?
Weil sie für mich die Einzige ist, die die nötige Selbstironie besitzt, so etwas auch zu singen.

Hat sie das auch so gesehen?
Sie sagte, sie müsse das Lied erst hören. Dann hat sie's gehört, rief mich an und sagte: "Das mach ich sofort." Wir werden den Song auch bei der "Starnacht am Wörthersee" präsentieren.

Warum ist Schlager wieder so erfolgreich? Sind es die gängigen Melodien und die unkomplizierten Texte?
Ich analysiere das so: Wir haben wieder ein normales, sprich unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Sprache. Was wir nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr hatten. Mittlerweile ist unser Verhältnis zur eigenen Sprache wieder unverkrampfter und entspannter geworden. Deshalb können junge und auch nicht mehr ganz junge Menschen wieder Musik hören, die in der eigenen Sprache gesungen wird. Es ist einfach wieder en vogue. Und wer's gut macht, kann auch Tourneehallen und sogar Stadien füllen.

Aber was ist eigentlich der Unterschied zum Hoch des Schlagers in den Siebzigern und heute?
Die Schlager von heute sind natürlich moderner produziert und klingen anders. Ich fand sogar den Schlager damals in den Sechzigern viel origineller als heute. Vor allem aufgrund der Texte. Jean-Paul Sartre hat einmal gesagt, Kunst ist reflektierte Gegenwart. Also war Schlager in den Sechzigern reflektierte Gegenwart. Damals wurde wirklich die gesellschaftliche Entwicklung oftmals im Schlager wiedergegeben. Das seh ich heute nicht mehr in dem Ausmaß.

»Die Bühne ist für mich nicht der Ort, um politische Reden zu halten«

Darf Schlager heute zu heiklen Themen wie beispielsweise Rassismus Stellung beziehen?
Nehmen Sie nur Udo Jürgens, er hat das sehr oft gemacht. Natürlich darf man Stellung beziehen. Die hohe Kunst ist es ja, Schlager zu kreieren, die ohne erhobenen Zeigefinger trotzdem die Kurve kriegen, unterhaltsam zu sein. Das waren großartige Texter, die mit Udo gearbeitet haben. Die haben wirklich die Gesellschaft aufs Korn genommen, und dennoch wurden daraus Gassenhauer.

Aber Sie tun es nicht, weil Sie sagen, Ihre Privatmeinung hat auf der Bühne nichts zu suchen?
Nein. Die Bühne ist für mich nicht der Ort, um Reden politischer Art zu halten. Aber wenn mir ein Lied in der Qualität von "Ein ehrenwertes Haus" begegnet, dann natürlich. Und mir ist das mit "Liebe kann uns retten" von Peter Plate und seinem Team passiert. Der Song steht für Nächstenliebe und die Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt.

© Ricardo Herrgott

Haben Andrea Berg und Helene Fischer den Löwenanteil am Hoch des Schlagers?
Jeder Künstler, der in der Lage ist, große Arenen zu bespielen, ist eine Art Botschafter für das Genre, wofür sie oder er steht. Wer immer das macht, macht Werbung dafür, dass die Musik in der eigenen Sprache populär ist.

Hegen Sie eine Präferenz für eine der beiden Damen?
Nein, sie sind beide gleich freundlich und höflich und ich komme mit beiden im gleichen Maße gut aus.

Wie kam es eigentlich zu Ihrem größten Hit, "Santa Maria", den man in Österreich hauptsächlich als Falsettorgie von Oliver Onions wahrgenommen hat?
Ich habe das Lied gehört, ich fand das großartig, wir haben es aufgenommen und es hat funktioniert. So einfach war das.

Kleiner Wechsel zu Österreich. Sie treten aufgrund Ihrer Vita stark für die SPD ein. Wie sehen Sie Österreich? Wir werden wegen unserer Regierung zuweilen als Nazi-Staat verunglimpft.
Das ist völliger Unfug. Die Menschen, die hier leben, sind mir immer weltoffen und tolerant begegnet. Es mag sich Ihre Regierung in vielen Dingen vielleicht konservativ verhalten, und die Österreicherinnen und Österreicher können bei der nächsten Wahl entscheiden, ob sie weiterhin von dieser Regierung vertreten werden wollen oder nicht.

Kennen Sie die österreichische Schlagerszene, obgleich wir ja mit Ausnahme von Hansi Hinterseer keine Schlagersänger haben, nur einen "Volks-Rock'n'Roller"?
Ja, ich kenne Ihre Schlagerszene und Ihre Künstler.

Zuletzt noch eine ganz persönliche Frage: Sie waren Raucher, erkrankten an COPD und hatten vor neun Jahren eine Lungentransplantation. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir bestens.

Denken Sie, Niki Lauda wird es genauso erfolgreich schaffen?
Ich bin kein Arzt und kann Ihnen keine Prognose geben. Ich wünsche Niki Lauda, den ich sehr schätze, alles erdenklich Gute und ein langes Leben.

Die große Schlussfrage: Wie lange, denken Sie, wird Ihnen Ihr Beruf noch Spass machen?
Ich werde meinen Beruf so lange ausüben, wie mein Publikum und mein Schöpfer mir das ermöglichen.

ZUR PERSON

Roland Kaiser Nach Abschluss der Schule machte der von seiner Pflegemutter behütet in Berlin-Wedding aufgewachsene Ronald Keiler (* 10. Mai 1952) zunächst eine kaufmännische Lehre und leitete im Anschluss die Werbeabteilung eines Berliner Autohauses. Der Produzent Gerd Kämpfe entdeckte ihn als Sänger; Keiler nahm den Künstlernamen Roland Kaiser an. Sein erster Hit war "Sieben Fässer Wein", dann folgte Hit auf Hit. Sein größter: "Santa Maria". 2000 erkrankte Kaiser an der Lungenkrankheit COPD, 2010 wurde ihm deswegen eine Lunge transplantiert. Bereits ein Jahr später feierte er sein Comeback. Legendär sind seine jährlichen Kaisermania- Konzerte am Elbufer. Seit 2002 ist er SPD-Mitglied und sozial stark engagiert. Kaiser ist in dritter Ehe verheiratet, hat drei Kinder.

Der Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 15/19

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