Interview von

"Kurz hat mich an die
Masken aus Gummi erinnert"

Peter Handke im Interview über falsche Dichter, böse Politiker und den neuen Roman

Peter Handke © Bild: News Reich Sebastian

Einen Monat vor seinem 75. Geburtstag bringt der österreichische Weltschriftsteller Peter Handke den wundersamen Reiseroman "Die Obstdiebin". Ein Gespräch über falsche Dichter, böse Politiker und die Unsterblichkeit.

Herr Handke, hat Macron tatsächlich auf der Frankfurter Buchmesse von Ihnen gesprochen?
Ich hab auch nur davon gehört. Er sagte, das Übersetzen kann nie mit einem maschinellen System geschehen, das können nur einzige, bedenkende Leute tun, so wie ich René Chars „Rückkehr stromauf“ übersetzt habe. Nur so könne die Eucharistie der Worte und Wörter geschaffen werden.

Gefällt Ihnen Macron?
Er schaut einem jedenfalls freundlich in die Augen. Das Politische muss man abwarten. Aber es gibt jetzt zum Beispiel einen Finanz- und Wirtschaftsminister, Bruno Le Maire, der perfekt Deutsch spricht. Die Präsidenten vorher, Hollande und Sarkozy, konnten kein Wort einer anderen Sprache. Die nennen sich Elite und reden nicht einmal Englisch, von Altgriechisch und Latein zu schweigen! Eine Barbarei sondergleichen.

Nun haben wir in Österreich ja auch eine Art Macron.
Ah ja?

Wie gefällt Ihnen denn der?
Ich hab ihn nur einmal kurz im französischen Fernsehen gesehen, in einer der Bars, in denen ich gern bin. Dort ist immer der Ton ausgeschaltet, und Kurz hat mich seltsamerweise an die Masken aus Gummi erinnert, die sich manche Bankräuber über das Gesicht ziehen. Mir schien, als wäre das gar keine wirkliche Haut. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja der neue Sankt Franziskus, mit den Vöglein in der Hand.

Derzeit hat er andere Vögel an der Hand, viele freiheitliche Burschenschafter, ein wahrer Rechtsruck gegenüber Jörg Haider.
Ja, ich hatte gedacht, dass Österreich seiner Geschichte ein bisschen mehr ans Licht, in die Weltoffenheit entkommt. Aber niemand ist dazu in der Lage. Vielleicht die älteren Männer könnten es, bei den Konservativen, den Sozialisten, den Kommunisten … mit Heinz Fischer gab es aus der Distanz ein angenehmes Dialogisieren. Aber das ist ja vorbei.

Nun hat in Ihrem Heimatland Kärnten die FPÖ fast bis zum Konkurs des Landes gewirkt, und doch ist Kärnten das einzige Bundesland mit einer blauen Mehrheit bei der Nationalratswahl. Freut Sie das?
Freude ist was anderes.

Apropos Freude an Politik: Was unterscheidet Trump eigentlich von Clinton, den Sie unermesslich angegriffen haben, als er Jugoslawien bombardiert hat?
Beide sind mir zuwider, aber auch die amerikanischen Zeitungen. Die „New York Times“ spielt den Moralapostel der Welt, hat aber ästhetisch und musisch überhaupt nichts zu bieten. Diese Aufspielerei einer falschen Macht! Im Grund verdient Amerika einen Typen wie diese wuchtige Jammergestalt Trump. Clinton hat gebombt und Schriftsteller wie Márquez, Vargas Llosa oder Fuentes um sich geschart und getan, als ob er ein Leser wäre. Da ist mir ein totaler Barbar wie Trump noch lieber.

Das ganze Interview mit Peter Handke lesen Sie im aktuellen News 45/17!

Peter Handke "Die Obstdiebin"
© Suhrkamp

Die Obstdiebin
Das 559 Seiten starke Epos ist anfangs von einer starken Abschiedsstimmung geprägt: Ein alter Herr, der wie Cézannes Gärtner Vallier aussieht, bricht aus seiner „Niemandsbucht“ zu einer Reise ins Landesinnere auf. Die Obstdiebin, deren Geschichte im Kopf des Reisenden entsteht, ist seine Tochter, und die beiden nähern sich einander auf einer dreitägigen Wanderung.
Suhrkamp, € 35,–