Interview von

"Trump kann man nur durch Kunst besiegen"

Jonathan Meese über Politik, Kunst und die Rolle, die er dabei spielt

Interview - "Trump kann man nur durch Kunst besiegen" © Bild: Copyright 2017 Matt Observe - all rights reserved.

Jonathan Meese ist einer der gefragtesten Künstler Deutschlands. Bei den Wiener Festwochen bringt er seine Version "Mondparsifal Alpha1-8" von Richard Wagners Oper "Parsifal" heraus. Premiere ist am 4. Juni im Theater an der Wien. Im News-Interview erklärt er, weshalb uns die Kunst regieren soll.

Seit mehr als zehn Jahren setzen Sie sich mit der Figur des Parsifal auseinander. Im Jahr 2005 zeigen Sie Richard Wagners „Parsifal“ bei einer Solo-Perfomance an der Berliner Staatsoper. In Bayreuth hätten Sie das Werk 2016 inszenieren sollen, ihr Vertrag wurde jedoch gekündigt. Für die Wiener Festwochen inszenieren Sie nun eine eigene Fassung des Werks zur Musik des österreichischen Komponisten Bernhard Lang. Sie benennen es „Mondparsifal“. Wie unterscheidet sich dieses Werk vom Original?

Wir erhöhen die Radikalität durch Entheiligung. Es wird evolutionär in die Zukunft geschleudert und kommt dann zurück. Diese Musik ist ein Widerhall im Weltall. Die Geschichte hat die Erde verlassen, weil die nicht mehr radikal genug ist. Wir möchten Richard Wagner die Radikalität zurückschenken, und dafür muss man die Erde kurz verlassen und kommt mit diesem neuen Parsifal, mit dem Mondparsifal, auf die Erde zurück. Das Tolle an Wagner ist, er war tatsächlich der Radikalste und deshalb darf man ihn nicht verwässert darstellen, sondern muss ihm noch radikalere Mittel geben. Man darf vor Wagner nicht kuschen. Wenn man vor Wagner niederkniet, hat man verloren. Wer vor Wagner niederkniet, ist dieser Figur nicht würdig.

Wer ist Parsifal für Sie?

Der reine Künstler, der Überkünstler. Für mich ist Parsifal das Spiegelbild meiner Rolle, die ich auf diesem Planten einnehme. Ich bin auch Parsifal.

Wagners Parsifal ist der Erlöser. Halten Sie sich für einen Erlöser?

Jonathan Meese wird die Welt von allen Ideologien erlösen, aber durch Kunst. Parsifal wird als mein Stellvertreter eine ideologielose Zeit ausrufen. Und ich bin dankbar, dass er das für mich macht.

Wie haben Sie sich die Figur des Parsifal vorgestellt, als Sie zum ersten Mal „Parsifal“ gehört haben?

Ich dachte an ein Spielkind, an einen Naivling, der die Welt retten kann. Denn nur Naivität kann die Welt retten, deshalb wollte man in Bayreuth, dass ich das Werk inszeniere. Und das habe ich ernst genommen. Ich bin unbedarft. Ich kann nicht einmal Noten lesen. Aber das ist doch nicht der Punkt, ich kann andere Dinge viel besser.

»Für mich war dieses Werk nie religiös, sondern evolutionär.«

Und wie viele Regisseure können Noten lesen, machen aber ganz banale Aufführungen. Für mich war dieses Werk nie religiös, sondern evolutionär. Das Wort „Evolution“ habe ich auch in Bayreuth angebracht, aber das haben die in Bayreuth nicht gemocht. Das habe ich gespürt. Evolution ist eine Gefahr. Das ist Unsicherheit. Wagner wollte Evolution, ganz sicher.

Was ist der Gral für Sie?

Eine Projektion, ein Spiegelbild. Wenn man selbst böse ist, ist der Gral auch böse. Wenn man selbst apathisch ist, verstärkt der Gral diese Apathie. Der Gral kann alles sein. In Bayreuth hätte ich ihn zu einem Kristall gemacht, der auch Wasser ist. Denn mit Wasser kann man alles machen und es kann alles sein: Wasser verdichtet Eis, es kann flüssig sein, mit Wasser kann man alles machen, man kann es färben, verdichten, vergiften. Und ohne Wasser können wir nicht leben. Das hat mir auch John Boorman, der Regisseur von „Excalibur“ und „Zardoz“, erzählt

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Katharina Wagner hat sie groß als Regisseur angekündigt, 2014 hat man ihren Vertrag gekündigt.

Man hat mir sogar Hausverbot angedroht. Da habe ich gelacht. Das ist die größte Ehre für einen Künstler. Ich will aber auch gar nicht hin.

Was wäre, wenn Katharina Wagner, Sie wieder als Regisseur einladen würde?

Dann vergesse ich, was gewesen ist. Wenn Katharina Wagner liebevoll sagt, vergessen wir das, würde ich ihr nichts nachtragen. Es gibt Leute, bei denen bin ich nachtragend, aber nicht bei ihr. Der Druck auf sie war wahrscheinlich sehr groß. Es ist eindeutig, dass sie mich kündigen musste.

Kann die Kündigung Ihres Vertrags auch daran gelegen haben, dass Sie bei manchen Performances immer wieder den Hitler-Gruß gezeigt haben?

Das spielte hundertprozentig eine Rolle. Ich gehe davon, dass die Angst hatten, dass ich beim Applaus den Hitler-Gruß zeige, aber das war nicht geplant. Das ist eine Performance-Geste. Ich mache das ja auch nicht auf der Straße.

Sie mussten sich für Ihre Performances auch vor Gericht verantworten.

Ich wurde aber mit wehenden Fahnen freigesprochen.

Warum spielen Sie bei Performances immer wieder mit dem Hitler-Gruß?

Das hat sich irgendwann ergeben. Das war für mich eine Distanzschaffungsmaßnahme. Ich wollte etwas machen, was den Körper stark macht. Ich habe das jahrelang gemacht, weltweit, in Amerika, in Japan, in England, in Frankreich und Belgien und sogar in Israel gemacht. Es war überhaupt kein Problem. Aber in Kassel wurde ich angezeigt. während eines Gesprächs mit dem Spiegel. Ich denke, das war eine Retourkutsche, weil ich sagte, die Documenta ist Dünnpfiff.

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»Man muss immer seine Prinzipien brechen«

Sie zähen zu den bedeutendsten Künstlern Deutschlands. Weshalb treten Sie nie bei Kunstfestivals wie der Documenta oder der Biennale in Venedig auf?

Es herrschen im Moment zwei Tendenzen, das eine ist Reichenbespaßung wie die Biennale in Venedig. Und das andere ist Illustration von Politik, wie die Documenta in Kassel. Die Kunst der Politik auszuliefern, wie es in Kassel geschieht, ist der größte Fehler, den man machen kann.

Würden Sie grundsätzlich verweigern, wenn man Sie zu einem dieser Kunstfestivals einlädt?

Grundsätzlich würde ich gerne verweigern, aber es kommt auf die Art und Weise an, wie man eingeladen wird, wenn das jemand ist, den ich sehr schätze, kann ich kaum absagen. Aber man muss aufpassen. Wenn man mich in ein Kulturprogramm einbauen möchte, so eine Art Politikbestätigung religiösen Tand, kann ich nicht mitmachen. Ich habe auch einmal gesagt, ich nehme keine Preise an. Aber wenn der Preis lustig ist, dann nehme ich ihn an. Und außerdem muss man immer seine Prinzipien brechen.

Kann man es sich überhaupt leisten, sich gewissen Mechanismen des Kunstbetrieb zu verweigern?

Ich verweigere mich vielen Dingen, nur nicht der Kunst. Und das verstehen viele Menschen jetzt. Und ich bekomme jetzt viel bessere Angebote als früher, weil die Leute wissen, der Meese ist zwar merkwürdig, aber der garantiert Kunst. Ich kann gar nichts Anderes machen. Und wenn man mich vor etwas Anderes spannen will, versage ich. Wenn man mich politisieren möchte, bin ich nicht mehr gut. Dann verfalle ich. Ich bin gegen jede Politik. Ich positioniere mich ja nicht.

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»Viele Künstler sind nur noch Kulturbestätiger, die reagieren auf Trump. Aber die Reaktion ist viel zu spät. Man muss agieren.«

Wann ist ein Kunstwerk ein Kunstwerk?

Etwas ist Kunst, wenn es notwendig ist für die Zukunft und keine Anknüpfung hat an ein Gestern hat. Viele Künstler sind nur noch Kulturbestätiger, die reagieren auf Trump. Aber die Reaktion ist viel zu spät. Man muss agieren.

Elfriede Jelinek reagierte auf Trump mit einem Theaterstück. Ist das noch Kunst für Sie, wenn Tagespolitik zum Theater wird?

Tagespolitik ist nicht kunstfähig. Wenn das Stück nur eine Illustration dessen ist, was passiert ist, wäre das nur eine Bestätigung dessen ist, was war. Jelinek ist aber schlau genug, dass sie darüber hinausgeht. Sie lässt den Topf überkochen. Trump ist ja nicht Tagespolitik, nur wenn ich auf dessen Tagespolitik eingehe, habe ich verloren.

Weshalb nannten Sie Trump in einer Performance einen Künstler?

Er übernimmt die Rolle, die der Künstler machen sollte, nämlich die Realität herauszufordern. Er dreht gerade an der Schraube, an der eigentlich der Künstler drehen sollte, und zwar viel schneller als Trump. Aber die Künstler jetzt reagieren nur noch. Sie sind zu langsam. Er nimmt den Künstlern das Heft aus der Hand. Das darf ein Künstler nie zulassen, dass einer radikaler denkt als er. Die kuschen alle vor ihm, weil sie ihm nichts entgegensetzen, außer beleidigt zu sein oder zu sagen, der soll weg. Trump kann man nur durch Kunst besiegen.

Wie soll das funktionieren?

Man sollte Leute einschleusen, die ihm immer wieder zuflüstern, du Trump, die Kunst wird dich besiegen, du wirst nicht überleben, die Kunst wird bleiben, du hast keine Chance gegen die Kunst. Aber das darf man nicht böse machen, sondern liebevoll, so auf die Art, du lieber Trumpy, Kunst ist besser als du, du wirst nur eine kleine Fußnote bleiben, die Kunst wird überleben, du wirst es nicht sein. Schaffe Kunst wie Richard Wagner! Der war kurz Revolutionär, merkte aber bald, dass von ihm nur die Kunst bleiben wird, das Gesamtkunstwerk.

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Sie schaffen Kunst in mehreren Disziplinen, Theater, Malerei, Perfomance-Kunst, was ist für Sie ein Gesamtkunstwerk?

Die neue Regierungsform. Wir müssen uns von Kunst regieren lassen. Wir müssen die politischen und die religiösen Systeme abschaffen. Die Kunst muss uns regieren.

Sie rufen in Ihren Performances immer wieder die „Diktatur der Kunst“ aus. Was meinen Sie damit?

Die Diktatur der Kunst ist keine Marke, sondern eine Vorstellung einer neuen Regierungsform. Das Deutschland der Zukunft muss ohne Ideologie sein, dann fallen auch Barrieren.