Interview von

Marcus Wadsak: "Klimawandel
betrifft uns jetzt schon"

Interview - Marcus Wadsak: "Klimawandel
betrifft uns jetzt schon" © Bild: Ricardo Herrgott

ORF-Chefmeteorologe Marcus Wadsak sprach diese Woche beim "R20 Austrian World Summit" in Wien. Im News-Interview erklärt er, welche Probleme der Klimawandel uns bereits bereitet, welche Wettervorhersagen künftig möglich sein werden und warum die ORF-Meteorologen Kultstatus genießen.

Im Mai war das Wetter bisher schlecht, kühl und regnerisch. Ist das wirklich ungewöhnlich oder haben wir uns einfach schon zu sehr daran gewöhnt, dass man Mitte April baden gehen kann?
Als Erstes würde ich das Wetter einmal nicht als schlecht bezeichnen. Wir überlassen die Bewertung des Wetters dem Kunden, dem Wetterverbraucher. Das Wetter ist, wie es ist. Es regnet, es ist warm, kalt, die Sonne scheint...

Es gibt kein schlechtes Wetter?
Nein, das ist falsch. Wenn Menschen sterben, wäre es absurd, zu sagen, es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt sogar tödliches Wetter. Aber wenn es regnet und der Mai kühler ist als im langjährigen Durchschnitt, ist das nicht schlecht. Dieser Mai war nach der wärmsten Zwölfmonatsphase seit Messbeginn endlich einmal ein Ausreißer nach unten. Der Frühling ist eine Phase, in der sich der Winter verabschiedet und der Sommer schon hereinschaut. Diese Wechsel sind früher ganz normal gewesen. In letzter Zeit haben wir das ein bisschen verlernt. Insofern hatten wir heuer wieder einmal einen Frühling wie früher.

Sie weisen in den Wetterberichten immer wieder auch sehr deutlich auf den Klimawandel hin. Woher kommt der Anstoß dazu?
Das ist untrennbar miteinander verbunden. Wenn du Meteorologie studierst, studierst du Klimatologie. Das ist ein Fach. Wetter über lange Zeit ergibt Klima. Ich glaube, für die Menschen ist es ganz wichtig, das immer in den richtigen Rahmen zu setzen. Wenn wir bei diesem Mai bleiben: Ist das arg, ist das neu, haben wir das noch nie gehabt? Da sind wir automatisch dabei. Oder umgekehrt: 2013 haben wir in Österreich das erste Mal 40 Grad gemessen, das gab es noch nie. Das ist der Klimawandel, das ist die Erwärmung, daran sind wir schuld. Diese Erzählung gehört dazu, wenn du Wetter machst.

Der menschengemachte Klimawandel steht außer Frage?
Absolut. Der ist fix und wissenschaftlich belegt. Aus der Diskussion sind wir Gott sei Dank seit einigen Jahren draußen. Es geht nur noch darum, was wir dagegen machen können.

Es gibt immer noch Leute, die das leugnen. Werden Sie für Ihre klaren Ansagen angefeindet?
Wir brauchen gar nicht reden, Greta Thunberg zum Beispiel und die Fridays-for-Future-Bewegung werden von vielen Seiten angefeindet. Ich bin in dieser Frage sehr klar und deutlich und habe eine große Reichweite, aber nein, ich erlebe grundsätzlich große Dankbarkeit für die Aufklärung. Wir erleben derzeit Dinge, die noch niemand vor uns erlebt hat. Die Leute werden wachsam. Jeder merkt an seinem eigenen Garten, dass sich nicht mehr alles ausgeht. 2013 sind 70.000 Menschen in Europa an einer Hitzewelle gestorben. Es geht ans Eingemachte.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass das Wetter in ihrer Kindheit anders war. Stimmt das?
Ja, ganz klar. Der Klimawandel ist in Österreich angekommen. An der Temperatur kann man es am besten festmachen, weil es am eindeutigsten ist: Wir haben seit dem Jahr 2000 kein einziges unterdurchschnittliches Jahr mehr in Österreich erlebt. Das heißt, meine Kinder mit bis zu 20 Jahren haben kein durchschnittliches Jahr erlebt, weil es zu warm war. Die etwas Älteren können sich erinnern, dass es in ihrer Kindheit und Jugend anders war. Wenn man die Statistik für Sommertage anschaut, ist es gewaltig. Im Burgenland waren es im langjährigen Schnitt 60. Letztes Jahr wurden in Andau im Seewinkel 127 gemessen.

Abgesehen von der Temperatur, welche Phänomene hängen sonst noch dran?
Beim Niederschlag gibt es große Unterschiede zwischen Alpennord-und Alpensüdseite. Das ist sehr regional und man kann es nicht so einfach sagen. Aber was klar ist: Wir haben in den letzten Jahren einen Rückgang an Schneehöhe und Dauer der Schneedecke. Die Sonnenscheindauer nimmt zu. Die Gletscher verschwinden. Das sind die Dinge, die man gut benennen kann. Bei Stürmen sehe ich nichts. Auch bei Gewittern sehe ich noch keinen wirklichen Trend. Aber es ist natürlich anzunehmen, dass es explosiver wird, je mehr Energie durch höhere Temperatur und mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre ist.

Was bedeutet das für uns alle im Alltag?
Wir müssen uns an die neuen Gegebenheiten anpassen. Wir müssen fix davon ausgehen, dass die Zahl der warmen Tage, der Hitzetage zunimmt. Es geht darum, Notfallpläne für die Bevölkerung zu erstellen. Spitäler werden sich darauf einstellen müssen. Man muss in diesen heißen Phasen rechtzeitig das Personal aufstocken, die richtigen Medikamente bereitstellen. Wir müssen uns in Europa Gedanken machen über die Trinkwasserversorgung und wir müssen uns langfristig auch etwas für den Tourismus überlegen. Der Wintertourismus wird wahrscheinlich unattraktiver werden, der Sommertourismus hat aber Chancen, weil es am Mittelmeer schlicht zu heiß werden wird. Und das alles ist nicht weit weg. Es betrifft uns schon jetzt.

Wie sehr haben sich die Möglichkeiten der Wettervorhersage in letzter Zeit verbessert?
Exorbitant. Ich habe 1990 mit meinem Meteorologiestudium begonnen und arbeite seit 1995 in der ORF-Wetterredaktion. Das ist bald 25 Jahre her. Wir hatten eine goldene Regel, mit der wir damals gut gelegen sind: Wir sagen nicht mehr als drei Tage voraus. Heute haben wir einen 15-Tage-Trend beim ORF-Wetter und können die drei Tage, die früher vorhersagbar waren, ganz gut auf ein paar Stunden genau vorhersagen. Es ist eigentlich ein exponentieller Anstieg in der Prognosegüte und der Zeit, wie lange ich Vorhersagen treffen kann.

Die Menschen sind dazu übergegangen, den Urlaub nach der Handy-Wetter-App zu buchen. Sind die auch so zuverlässig wie Sie?
Ich halte grundsätzlich von Wetter-Apps nicht viel. Die ziehen in der Mehrzahl ein globales Prognosemodell heran, das umsonst ist, und rechnen für jeden Punkt eine Prognose heraus. Da fehlt die Interpretation eines Meteorologen, da fehlt der Vergleich mit anderen Modellen. Phänomene wie der Föhn in Innsbruck oder der Hochnebel in Wien sind dadurch nur schwer zu erfassen, weil das in einer Schicht ist, die dieses Modell nicht rechnet. Jeder hat auf seinem Handy eine App und weiß gar nicht, woher das kommt. Als "first guess" ist es okay, aber das ist es auch schon. Meteorologische Arbeit beginnt danach.

Wieso gibt es keine ORF-Wetter-App?
Ich halte das nicht mehr für nötig, weil wir ein umfassendes Onlineangebot haben, mit Blitzdaten, Extremwetter, Schneelagen, Pollenbelastung etc. Außerdem steckt fast das ganze Wetterangebot in der ORF-App drinnen.

Wie wird man eigentlich Meteorologe?
Ich kann es nur für mich sagen. Mir war seit meiner Schulzeit klar, dass mich Naturwissenschaften besonders interessieren. Der Rest ist unspektakulär. Die ersten Wetteraufzeichnungen, die ich in der Hand hatte, waren kleine Kalender von meinem Opa, der über Jahre die tiefste Temperatur in der Früh und den Höchstwert am Abend aufgeschrieben hat. Ich fand das spannend. Als ich dann entdeckt habe, dass man Meteorologie studieren kann, habe ich gedacht, Wahnsinn, das ist genau das, was mich interessiert. Und noch bevor ich fertig war, hatte ich zwei Möglichkeiten zu arbeiten, obwohl mich alle gewarnt hatten, dass man nie einen Job findet. Es waren sicher auch viele Zufälle dabei, aber vor allem das große Interesse.

Das Interesse ist offensichtlich ungebrochen.
Es ist sogar gewachsen. Man kommt ja gar nicht zur Ruhe. Ich habe im ORF so viele Möglichkeiten geschenkt bekommen. Mittlerweile habe ich seit sieben Jahren die Leitung der Wetterredaktion inne. Das ist ja absolut nicht so, dass das irgendwie langweilig geworden wäre. Da tut sich immer was. Und ich kann ja auch nebenbei keine Ruhe geben, gerade was den Klimawandel betrifft.

Die ORF-Meteorologen haben Kultstatus. Jeder erinnert sich an Carl Michael Belcredi, Bernhard Kletter...
Jede Zeit hat ihre Meteorologen.

Sie hinterlassen oft mehr Eindruck als Nachrichtenmoderatoren.
Das hat zwei Gründe. Der erste ist tatsächlich die Reichweite. Das Wetter nach der "Zeit im Bild" liegt unter den top drei Sendungen. Jeden Tag. Im ganzen Land. Das Zweite ist: Die Nachrichten sind natürlich wichtiger für unser Leben und die Leute schauen sie gerne, aber die Zuseherinnen und Zuseher sind auch sehr froh, dass danach etwas kommt, worüber jeder reden kann, was nicht negativ ist. Das ist für mich eine sehr angenehme Aufgabe. Die Nachrichten berichten auch über Dinge, die weit weg sind. Ich kann sagen: "Wenn Sie morgen in die Arbeit gehen, nehmen Sie einen Schirm mit." - "News you can use." Und was dazukommt: Beim Wetter darfst du auch unterhalten. Das ist bei den Nachrichten schwer.

"Jede Zeit hat ihre Meteorologen", sagen Sie -inwiefern sind Sie der Mann der Stunde?
Gar nicht. Ich habe ein tolles Team. Das war der Zufall in meinem Leben, dass ich immer da war, wenn wer gebraucht wurde. Ob ich der Beste bin, weiß ich nicht. Es hat funktioniert. Und jetzt bin ich da und sehr glücklich darüber.

Sie repräsentieren einen moderneren Typ.
Das weiß ich gar nicht. Ich glaube, dass Belcredi mit seinen Pullovern bahnbrechend war. Ich bin ein bisschen zu jung, um das genau beurteilen zu können. Aber ich glaube, im ORF hatte ein Mann damals einen Anzug und eine Krawatte zu tragen. Und dann kommt der in einem Pullover. Andreas Jäger mit den Hosenträgern. Großartig. Das waren Typen, die überrascht und vielleicht polarisiert haben, aber über die die Leute geredet haben. So wie über das Wetter.

Wie ist die Reaktion des Publikums?
Früher haben sich die Leute beschwert, wenn etwas danebenging. Mittlerweile bekommen wir sehr viele positive Rückmeldungen, weil unsere Prognosen mittlerweile oft punktgenau stimmen. Was dieses Vertrauen in den letzten Jahren tatsächlich wieder etwas getrübt hat, sind die Apps, die halt nicht immer ganz so richtig liegen.

Sie sind auch in den sozialen Medien sehr aktiv. Ist das die Zukunft?
Ich halte das nicht für die Zukunft, sondern für ein Zurück zur Vergangenheit. Früher haben wir viel mehr miteinander geredet und uns ausgetauscht. Im Radio gab es zwar immer Anrufer und im Fernsehen sind Postkarten geschickt worden - das war eine sehr lahme und einseitige Art zu kommunizieren. Ich bin sehr froh, dass der Austausch jetzt viel einfacher ist. Für mich ist es nicht nur eine Plattform, wo man Wet terinformationen sehr rasch verbreiten kann, mir ist es auch ganz wichtig, das Feedback zu hören. Ich schaue nach jeder Sendung nach, ob mir jemand schreibt. Ich schaue auch jede Sendung von mir nachher an.

Worauf achten Sie, wenn Sie sich Ihre eigenen Sendungen anschauen?
Auf alles. Ich bin sehr kritisch mit mir selber. Habe ich das rübergebracht, was ich vorbereitet habe? Ist es verständlich gewesen? Das ist etwas, was man in den sozialen Medien perfekt ausprobieren kann. Du gibst am Nachmittag Informationen raus und schaust: Werden sie verstanden? Und ich frage gerne nach, was genau am Wetter interessiert. Jetzt ist gerade Hochzeits-und Erstkommunionssaison. Die Leute zittern wirklich. Ich glaube, dass es beim Wetter immer wichtiger wird, die Prognose mit Tätigkeiten zu verbinden, weil es nicht so abstrakt ist.

Was wird in Zukunft möglich sein im Bereich der Meteorologie?
Es ist immer schwer, in die Zukunft zu schauen, auch für Meteorologen. Wo wir sicher Fortschritte zu erwarten haben, ist der Kurzfrist-und Lokalvorhersagebereich. Wir reden von drei Tagen und punktgenauen Prognosen. Eines unserer Modelle rechnet jetzt schon achtmal am Tag. Da kann man wirklich zum Beispiel sagen, in welchem Wiener Bezirk wird es regnen und wo zieht es nur zu. Dass wir in absehbarer Zukunft weit über die derzeit berechenbaren 15 Tage hinauskommen, glaube ich nicht. Dahinter wird es einfach unsicher. Vor allem in einer Region wie Österreich, Europa, wo das Wetter funktioniert, wie es funktioniert. Mit Hochs und Tiefs, mit Fronten. Da wird nicht mehr gehen.

Wie wird das Wetter im kommenden Sommer?
Das ist das Schöne, das weiß keiner. Auch wenn immer wieder solche Prognosen auftauchen. Wettervorhersagen beruhen auf komplizierten numerischen Vorhersagen, die Computer berechnen. Und natürlich kann ich jeden Computer berechnen lassen, was ich will, aber die Ergebnisse sind absurd. Das Einzige, was der Meteorologe sagen kann: Der Sommer wird wärmer sein als der Winter.

ZUR PERSON: Marcus Wadsak Geboren 1970 in Wien. Wadsak durchlief nach seinem 1997 abgeschlossenen Meteorologiestudium alle möglichen Stationen beim ORF: zuerst beim Radio, dann auch beim Fernsehen. Seit 2004 präsentiert er alternierend mit Christa Kummer das "ZiB"-Wetter im ORF. Seit Mai 2012 leitet er zudem die ORF-Wetter-Redaktion. Im Rahmen von Vorträgen weist Wadsak auf die Gefahren durch den Klimawandel hin.