Interview von

Hermann Nitsch:
"Ich will große, heilige Feste"

Der Weltkünstler im großen Interview zu seinem 80. Geburtstag

Interview - Hermann Nitsch:
"Ich will große, heilige Feste" © Bild: News/Michael Mazohl

Verfolgt, verhaftet, verehrt: Der österreichische Weltkünstler Hermann Nitsch schreibt sich seit einem halben Jahrhundert in die Kunstgeschichte ein. In wenigen Tagen wird er 80. Sein Sechstagespiel will er 2020 in Prinzendorf aufführen.

Auf vieles müsse im Alter Verzicht geleistet werden. "Aber die Intensität und die Innigkeit der Erlebnisse nehmen nicht ab, im Gegenteil, sie nehmen sogar zu", sagt Hermann Nitsch. In wenigen Tagen, am 29. August, steht sein 80. Geburtstag an. "Man ringt mit den Beschwerden des Alters, aber man hat die Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren", sagt er. Auf eine Krücke gestützt führt er durch die Räumlichkeiten seines Schlosses Prinzendorf im niederösterreichischen Weinviertel. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit beeinträchtigt keineswegs sein künstlerisches Schaffen: An den endlosen Wandfluchten im Atelier auf dem Dachboden lehnen dicht aneinandergereiht großformatige Schüttbilder in leuchtendem Gelb und glühendem Blutrot, mit weißen, in die Farbschichten eingearbeiteten Opferhemden. Die Arbeit der vergangenen Monate, erläutert er: sein Spätwerk, an dem er viel Freude habe.

Im Gefängnis

Wenn er von seiner Kunst als Kombination von Materie und Farbe spricht, dann über die Alterswerke Tizians und Michelangelos, die späten Symphonien Beethovens und das Universum Bach, will man nicht für möglich halten, dass dieser Mann Anfang der Sechzigerjahre mit den jungen, wilden Aktionistenkollegen Günter Brus, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler die Kunstbegriffe in die Luft gesprengt hat. Unvorstellbar, dass er wegen seines Schaffens dreimal ins Gefängnis musste, einmal für drei, dann für 14 Tage und für eine weitere Woche. "Das war ganz angenehm", erinnert sich der Sohn einer alleinerziehenden Kriegswitwe an das Wiener Polizeigefängnis an der Rossauer Lände. "Das Essen war gut. Die haben gekocht wie meine Mutter", sagt er. Unangenehm war nur, dass aus Sicherheitsgründen bloß Löffel als Esswerkzeuge zur Verfügung standen, auch wenn es Schnitzel gab. Angst hatte er vor den anderen Insassen keine. "Die großen Verbrecher hatten Charakter, die kleinen keinen", erinnert er sich an den ersten Aufenthalt. "Normale Menschen" seien beängstigender, sagt er.

Lebenswerk

Nitsch ist keiner, der über körperliche Schwächen lamentiert. Sein Blick ist in die Zukunft gerichtet: auf das Jahr 2020. Da will er in Prinzendorf sein Sechstagespiel verwirklichen. Zuvor aber stehen arbeitsintensive Tage bevor: Am 1. September rückt zum Jubiläum das Nitsch-Museum im nahen Mistelbach ins Zentrum internationalen Interesses. Nitsch bringt da seine 155. Aktion -die letzte in Österreich fand vor 13 Jahren statt -zur Aufführung. Dafür hat er die "Sinfonie für großes Orchester, Blaskapelle, Chor + Aktion" komponiert. Erst im kommenden Jahr lässt er sich in Wien von der Albertina und dem Belvedere ehren. Weitere Würdigungen seines Werks folgen in Paris und in Hagen im deutschen Ruhrgebiet. Seine Arbeiten sind in den bedeutendsten Häusern der Welt präsent: dem Museum of Modern Art und dem Guggenheim in New York, dem Centre Georges-Pompidou in Paris, dem Stedelijk Museum in Amsterdam.

© News/Michael Mazohl

Warum hat der Weltkünstler ausgerechnet Mistelbach das Recht zugesprochen, ihn vor allen anderen zu feiern? "Weil dort mein Museum ist, darauf bin ich stolz, dafür bin ich dankbar. Welcher Künstler hat schon ein eigenes Museum?" Nitsch hat sogar drei. Nach dem Ausstellungs-und Forschungszentrum in Mistelbach eröffnete der Sammler Giuseppe Morra 2009 das Museo Nitsch in Neapel, 2015 folgte eines in der türkischen Hafenstadt Çanakkale. "Ich kann nicht klagen", sagt Nitsch.

Den Einbruch in sein Anwesen vor fünf Jahren und den folgenden Steuerprozess, der ihn und seine Frau Rita schwer belastete, hat er unbeschadet überstanden. Die Kosten samt Strafe von insgesamt zwei Millionen Euro brachten allerdings sein Lebenswerk, das aufwendige Sechstagespiel, in Gefahr. "Man hat mich geschröpft. Es gibt Länder, da sind Künstler steuerfrei oder sie zahlen ganz wenig. Ich bezahle über 16 Prozent für den Staat. Die Sportler werden hier hofiert, die Künstler müssen bluten. Wenn ich nicht so viel Steuer zahlen müsste, könnte ich mehr in meinem Theater realisieren", kommentiert er unwirsch. Denn vom Staat bezog er für seine Kunstaktionen nie Subventionen. Jetzt schöpft er wieder Kräfte und mobilisiert die Mittel, um das Sechstagespiel 2020 in Prinzendorf verwirklichen zu können.

Glaube ans Universum

Als er noch keine zwanzig war und weit davon entfernt, einmal der Besitzer des Schlosses zu sein, hatte er in dieser Gegend ein "starkes Naturerlebnis". Das war einer der Momente seines Lebens, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Diese Gegend liebe er sehr, nur die Windräder auf den umliegenden Feldern lehnt er ab. "Das ist eine Landschaftszerstörung bösartigster Weise."

1971 hat er das Anwesen mit seiner ersten Ehefrau Beate erstanden. Sechs Jahre danach kam sie bei einem Autounfall ums Leben. Das Schlimmste, was ihm das Leben je bereithielt, erinnert er sich. Trost fand er in der Philosophie. Aber dass ein Mensch, der in seinem Leben so wichtig war, nicht mehr war, war furchtbar. "Gerade sie hat an meine Arbeit geglaubt. Das war eine Verpflichtung, meine Arbeit weiter voranzutreiben", sagt er.

Denken Sie in schlimmen Momenten an den eigenen Tod?
Ich denke an das Universum und möchte mich in diesem Universum geborgen fühlen, ich denke mir, das Universum hat mich so weit gebracht und wird mich auch weiterbringen.

Ist für Sie das Universum ein anderer Name für Gott?
Das sind alles sprachliche Begriffe. Ich nenne es auch das Sein. Das ist etwas wie ein überpersönlicher Gottesbegriff, ein überbegrifflicher. Ich glaube an den Umstand, dass die Schöpfung ist. Und in großen Augenblicken kann ich mich damit identifizieren, wie ein Mystiker mit dem lieben Gott.

Natur, Ekstase, Tierschutz

"Das Sechstagespiel war immer mein Hauptwerk, ein permanentes 'work in progress'", erklärt er. Alles, was in der Schöpfung enthalten ist, soll darin nachvollziehbar, spürbar, sinnlich erlebbar werden. Das Spektakel ist auf sechs Tage, auf die Zeit des Schöpfungsprozesses, angelegt. Archaische Rituale, Liebesakte, Tötungsprozesse werden in dramatischen Szenen nachgestellt. Darsteller vereinigen sich mit Tierkadavern zu Opferskulpturen. Blut, Innereien, Gedärme sollen alles spürbar machen, was in der Welt vorhanden ist. Es geht um Ekstase, um sinnliches Erleben, wie im antiken Theater. Am Ende steigert sich das Spektakel in ein orgiastisches Festmahl, das in Liebe ausklingt. Als Nitsch das Spektakel vor 20 Jahren in Prinzendorf erstmals verwirklichte, tobten Stürme der Entrüstung. Tierschützer, konservative Politiker und Bürger versuchten, das Schauspiel zu verhindern. Die Nachricht von der Schlachtung dreier Stiere und der Verwendung der Kadaver mehrerer Schafe und Schweine versetzte Tierschützer weltweit in Aufruhr. Dennoch konnte Nitsch sein Werk zu Ende bringen. Dass der Künstler aber im tiefsten Herzen ein wahrer Tierfreund ist, glauben ihm nur jene, die seinen Hofstaat in Prinzendorf kennen: Derzeit teilt das Paar das Anwesen mit fünf Katzen, zwei Hunden, 20 Pfauen, 20 Hühnern und der Ziege Luise. Letztgenannte, sagt Nitsch, bedürfe besonderer Zuwendung, denn ihr engster Freund, ein Maultier, starb kürzlich im Alter von 30 Jahren. Zeit für eine ausführliche Diskussion über Tierschutz und die Grenzen des Zumutbaren.

© News/Michael Mazohl

Wie kann es ein wirklicher Tierfreund ertragen, dass für seine Kunst Stiere sterben müssen?
Bei mir wurden nur Stiere getötet, die für den Schlachthof bestimmt waren. Und zwar von einem Sachverständigen. Im Schlachthaus werden die Tiere maschinell, kalt, gemein, brutal, sadistisch ermordet. Es sind aber nicht die Schlächter, die das Tier töten, sondern wir, weil wir das zulassen. Wer verzichtet denn schon gern auf seinen Leberkäs? Ich habe mich viel damit beschäftigt. Leider Gottes ist der Wunsch zu töten in uns drinnen. Wir sind letztlich das gemeinste, schlimmste Raubtier.

Wie ertragen Sie den Gestank der Gedärme, der Kadaver, des Bluts?
Diesen Geruch haben die Bauern über Millionen Jahre aushalten müssen. Für mich stinkt der Klang in einer Disco viel mehr, der Hüttenzauber bei den Skifahrern, der moderne Urlaub, wo die Gemeindebaumieter in die Karibik fahren und sich wieder in einem Gemeindebau einmieten.

Ekelt es Sie niemals?
Was ist Ekel? Das ist eine große Frage. Ein Arzt darf sich nicht ekeln, ein Künstler auch nicht. Es ist die Frage, wie weit die Ekelschranke nach hinten verschoben ist.

Das Projekt "Körperwelten", bei dem präparierte Leichen ausgestellt werden, ist seit Jahren ein Erfolg. Stimmt es, dass auch Sie mit Leichen arbeiten wollen?
Jeder Medizinstudent kann mit Leichen arbeiten. Wieso sollte ein Künstler das nicht tun? Leonardo und Michelangelo haben unter Lebensgefahr seziert, weil sie der menschliche Körper interessiert hat. Ich heiße auch den Publikumserfolg gut. Die Menschen wollen wissen, wer wir sind. Sonst wird eher alles verdrängt.

Politik, Metoo und Moral

Geht es um Politik, zieht sich der Künstler zurück. "Meine politische Auseinandersetzung ist, unpolitisch zu sein. Ich möchte damit nichts zu tun haben. Die Gedanken sind mir alle zu kurz, zu karrieristisch. Mich interessiert dieses Spiel nicht." Auch die Freundschaft, die ihn mit dem ehemaligen niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll verbindet, habe er nie politisch verwertet. Mit Prölls Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner sei das gegenseitige Verstehen geklärt.

Das Gespräch wendet sich allgegenwärtigen Themen zu: politischer Korrektheit, Metoo-Debatte. Er sei froh über die gegenseitige Anziehung der Geschlechter -so entstünden immerhin Bäume, Tiere, Menschen. Und wie man den Skifahrer Toni Sailer noch posthum unbewiesener Gewalttaten bezichtige, das sei zumindest "übertrieben". Er selbst sei Frauen nicht abgeneigt. "Aber wenn ich merke, eine mag das nicht, ziehe ich mich zurück." Vergewaltiger ausgenommen, täten ihm alle leid, die von Metoo betroffen sind.

Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen Ihren konservativen Gegnern von früher und den fanatischen Vertretern einer politischen Korrektheit heute?
Die heute sind noch ärger. Ich habe das schon gespürt in Deutschland, als ich Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjahre dort war. Die ganze Jugend war verpestet. Sie hat nur politisch gedacht. Wir Aktionskünstler hatten vor den Politischen mehr Angst als vor der Polizei. Das war auch eine Art von Faschismus.

Was hat man Ihnen vorgeworfen?
Weil mich die Rechten so schikaniert haben, wurde mir vorgeworfen, dass ich kein Linker geworden bin. Aber ich steh drüber.

Man hat den Eindruck, das Regietheater habe jeden Skandal in der Kunst obsolet gemacht. Was regt heute noch auf?
Mich regt vieles auf, aber damit bin ich sehr einsam. Man versteht mich nicht, deshalb kann ich auch nicht damit rechnen, dass ich auf allgemeines Interesse poche.

Was regt Sie auf?
Oberflächlichkeit, Sportunwesen, Urlaubsunwesen, Discounwesen, Pseudofeste. Ich möchte, intensive, große, heilige Feste, nicht oberflächliches Herumlungern.