Interview von

Warum die Generation
Selfie zum Problem wird

Wie digitale Medien unsere Gesellschaft verändern

Interview - Warum die Generation
Selfie zum Problem wird © Bild: shutterstock

Medien verändern eine Gesellschaft. Davon ist der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier überzeugt. In den digitalen Medien geht es um Selbstdarstellung, um Schein statt Sein und um die Gier nach Abwechslung und Sensation. Werte verschieben sich und Qualitätsjournalismus als ordnende Instanz gerät ins Hintertreffen. Will die Politik eine Welt der völligen Boulevardisierung und des Chaos vermeiden, muss sie auch auf die Förderung von Journalismus setzen.

Herr Heinzlmaier, welchen Einfluss haben Medien auf eine Gesellschaft?
Medien können die Gesellschaft verändern. Und damit ist nicht primär der Inhalt der Medien gemeint, sondern die technische Form. Die Medien haben Einfluss darauf, wie wir Realität wahrnehmen und auch darauf, wie das Reale ausgedeutet und das Leben gelebt wird. Dem Medientheoretiker Marshall McLuhan zufolge war der Wechsel von der Manuskriptkultur des Mittelalters hin zum Buchdruck die Voraussetzung für die Entstehung der Nationalstaaten und des Individualismus.

Und wie wirken sich die digitalen Medien auf unsere Gesellschaft aus?
Sie haben anders als die Gutenberggalaxis eine desintegrierende Wirkung. Sie splittern die Gesellschaft in Nischen auf. Jeder sitzt allein vor dem Internet und bewegt sich in seinen ganz persönlichen Interessensblasen. Wir erleben einen großen Gemeinschaftsverlust und gleichzeitig wird das Individuum überbewertet. Die größte Sorge des Menschen ist der Ich-Verlust, die Einschränkung seiner Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Der zweite dominante Persönlichkeitszug des Menschen unserer Zeit ist die Angst vor Verbindlichkeit und Festlegung. Mehr als Dauer und Beständigkeit bedeuten ihm Veränderung und Wandel.

Inwiefern sind die neuen Medien Schuld daran?
Wir haben mit Facebook, Instagram und Tinder Medien, die eine Bühne bieten für die Verwirklichung narzisstischer Selbstdarstellungsbedürfnisse. Die Begierde nach Aufmerksamkeit wird dadurch verstärkt, dass der Mensch Aufmerksamkeit bekommt. Wessen Bild oder Botschaft tausend Likes hervorgerufen hat, will weitere tausend dazu. Außerdem befriedigen die digitalen Medien den unstillbaren Hunger nach Sensationen, Extravaganzen, nach dem Spektakel und ständiger Abwechslung.

Das heißt, die digitalen Medien bringen eine Generation oberflächlicher Egozentriker hervor?
Als Pessimist könnte man das so sehen. Positiv gesehen haben wir hier eine Generation von Menschen, die im hier und jetzt lebt, die loslassen kann, die nicht durch die eigene Vergangenheit oder die Geschichte belastet ist. Neurotiker, die mit ihrer Vergangenheit nicht abschließen können, gibt es hier nicht mehr. Wir erleben eine neue Leichtigkeit, in der es uns nicht schwer fällt, unbeschwert von einem Kontakt zum anderen zu springen.

Und was bedeuten die neuen Medien für den Journalismus selbst?
In der Big data Kultur werden Informationen nur mehr nach ihrer quantitativen Relevanz bewertet und priorisiert. Wer die meisten Visits und Likes hat, wird vorgerankt. So geraten Meldungen wie „Polizist rettet verwahrlostes Baby und badet es im Waschbecken der Polizeiwache“ in Topposition und nicht der Artikel über die Veränderungen am Arbeitsmarkt. Anstelle der Information tritt das Spektakel, das Gemütsbewegungen verursacht. Der Journalismus, der die Aufgabe hat, den Informationsfluss zu ordnen und zu interpretieren, gerät ins Hintertreffen.

Die alten Medien werden zunehmend von den digitalen verdrängt. Steuern wir auf eine Welt ohne ordnende und reflektierende journalistische Instanzen zu?
Wenn es diese Instanzen nicht mehr gibt und der Informations-Markt der Anarchie überantwortet wird, dann sind totale Boulevardisierung, Manipulation – vor allem der bildungsfernen Milieus -, geistige Verarmung und Verrohung der Masse die Folge. Qualität spielt dann keine Rolle mehr, es geht nur noch darum, was wie oft geliked wurde und der einzelne schwimmt verwirrt durch den undifferenzierten Fluss an Datenfülle. Es ist eine Welt der Beliebigkeit, in der Chaos herrscht.

Sollte Ihrer Meinung nach nicht die Politik alles daran setzen und den Qualitätsjournalismus fördern, um so einem Szenario vorzubeugen?
Für eine qualitätsvolle Politik ist ein Qualitätsjournalismus, der hilft Wesentliches vom Unwesentlichen zu trennen, wichtig. Für Rechtspopulisten ist diese Entwicklung absolut begrüßenswert, da sie den Menschen so über diverse Kanäle direkt jeden Blödsinn erzählen können, ohne dass es dazwischen einen qualifizierten Filter, also einen Journalisten, gibt. Es gibt keinen Gatekeeper mehr, der den ganzen Wahnsinn draußen hält.

Ab wann sollte man Kindern den Umgang mit digitalen Medien erlauben?
Das hängt davon ab, was sie dort nutzen. Es spricht nichts gegen ein kindgerechtes Spiel auf dem Ipad für Vierjährige. Aber natürlich kann man einem Vierjährigen nicht sämtliche Inhalte des Internets ungefiltert zugänglich machen. Auch einem Achtjährigen nicht. Erwachsene müssen die Kinder hier begleiten und mit ihnen einen verantwortungsvollen und moralischen Umgang vereinbaren. Neue Medien völlig zu verbieten, halte ich nicht für sinnvoll. Das heißt eigentlich nur, dass man sich damit nicht auseinandersetzen will. Wer seinen Kindern die Welt der neuen Medien öffnet, muss sich Zeit nehmen.

Bernhard Heinzlmaier ist seit über zwei Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig und ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und Hamburg. Am Dienstag hält er bei den Österreichischen Medientagen ein Impulsreferat zum Thema „Die Jugend und ihr neues Medienverhalten“. Die Medientage unter dem Motto „Lust auf Medien“ finden am 20. und 21. September am WU Campus Wien statt.

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