Integration von

Geht auch ohne

Integration - Geht auch ohne © Bild: iStock/Artfoliophoto

Weihnachtsmessen kenne ich nicht, Christbäume und Geschenke brauche ich nicht. Weihnachten aber liebe ich

Als ich ein Kleinkind war, feierten wir jedes Jahr Weihnachten. Mein Bruder und ich bekamen Adventkalender, zu Hause stand ein liebevoll geschmückter Baum, die Wohnung war dekoriert, Mama kochte groß auf und natürlich gab es viele Geschenke. In der Volksschule lernte ich Gitarre spielen, es war Herbst, und bald schon begann ich, die ersten Weihnachtslieder zu üben. Im Advent durfte ich sie in der Schule und vor der Familie spielen. Insbesondere meinen Eltern gefiel das ziemlich gut. Weihnachten zu feiern war normal, jedenfalls empfand ich das als Kind so. Als ich erwachsen wurde, fragte ich mich aber mehr und mehr, warum das eigentlich so war. Meine Eltern hatten in ihrem ganzen Leben nichts mit Religion am Hut, mit dem Islam nicht, dem Christentum nicht, mit keiner Religion. Mehr noch: In dem Land, in dem sie aufwuchsen, der Türkei, gab es kein Weihnachten. Der 24. Dezember war dort ein ganz normaler Tag. Als sie ein Jahr vor meiner Geburt nach Österreich kamen, kannten sie also das Fest nicht. Weder die Bräuche noch die Traditionen. Wie kamen meine Eltern also auf die Idee, mit ihren Kindern in einem fremden Land ein fremdes Fest einer fremden Religion zu feiern? Was haben sie sich bloß dabei gedacht?

Mittlerweile kenne ich die Antwort : Meine Eltern wollten nicht, dass mein Bruder und ich uns ausgegrenzt fühlen. Sie wollten nicht, dass wir schon als Kleinkinder merken, dass wir nicht von hier sind. Nach den Weihnachtsferien war im Kindergarten die erste Frage der Freunde immer dieselbe: "Und, wie viele Geschenke hat dir das Christkind gebracht?" Meine Eltern wollten nicht, dass jedes Kind etwas zu erzählen hat, nur wir nicht. Also machten sie sich schlau: Wie bäckt man Vanillekipferl, wie viele und welche Geschenke schenkt man einem Kind, und überhaupt: Wie läuft so ein 24. Dezember eigentlich ab? Das erste Mal feierten wir das Fest, als ich zwei Jahre alt war. Dabei ging es allerdings nie um Religion, sondern darum, uns Kindern den Zauber dieser Zeit nicht vorzuenthalten: die Vorfreude, wenn man sich etwas wünscht, die Begeisterung, wenn man die verpackten Geschenke unter dem Baum sieht und sie dann endlich aufmachen darf.

Mit den Jahren änderte sich unsere Weihnachtstradition. Die Geschenke wurden weniger, mittlerweile schenken wir uns praktisch nichts mehr. Den Baum lassen wir auch weg, wenngleich Mama die Wohnung noch immer gerne weihnachtlich schmückt. Die Lieder gibt es schon lange nicht mehr und in einer Weihnachtsmesse waren wir ohnehin nie. Geblieben aber ist das, worum es bei Weihnachten eigentlich geht: das Familienfest. Das gemeinsame Essen und die Wertschätzung für die Momente, die man zusammen verbringt. Die Ruhe, die sich über das Land legt, trägt das Übrige dazu bei. Es ist fast so, als würden sich auf magische Weise alle darauf verständigen, ein paar Tage Pause zu machen. Keine Termine, keine Hektik. Stattdessen Zeit für sich und für die Menschen, die einem wichtig sind.

Für viele der Flüchtlinge muss die Adventzeit heuer so fremd wirken wie damals für meine Eltern. Dabei vermittelt Weihnachten Werte, die ihnen womöglich schon jetzt sehr vertraut sind. Den Zusammenhalt in der Familie etwa. Weihnachten ist ein christliches Fest. Man muss es aber nicht christlich feiern, um diese Zeit schätzen zu lernen. Gelingt es uns, das zu vermitteln, fühlen sich vielleicht ein paar Flüchtlingskinder in ihrer neuen Heimat weniger fremd.

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