Insider von

Doskozil-Kommission rechnete
zuungunsten von Eurofighter

Lebenszyklus für 40 statt 30 Jahre angelegt

Eurofighter © Bild: APA/Harald Schneider

Der frühere Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) hat sich massiv für einen Ausstieg aus dem Eurofighter eingesetzt und dabei seine Argumentation auf einen Kommissionsbericht gestützt. Die Berechnungen in dem Bericht wurden laut einem Kommissionsmitglied allerdings auf Geheiß des Ministers zum Nachteil der Eurofighter erstellt.

Der Kern der Kritik: Der Lebenszyklus der Eurofighter wurde bei den Berechnungen auf 40 anstatt 30 Jahren angelegt. Das hat dazu geführt, dass die Eurofighter bei der Gegenüberstellung mit anderen Luftverteidigungssystemen, deren Kosten nur für 30 Jahre berechnet wurden, als deutlich teuerer dargestellt wurden.

»Die Entscheidung fiel auf die Anschaffung eines neues Systems, und das aus gutem Grund.«

Aus dem Büro von Doskozil, der mittlerweile Finanzlandesrat im Burgenland ist, hieß es auf Anfrage, dass die Vorgabe für die Sonderkommission "von Beginn an klar war": Bis Ende Juni 2017 alle militärisch effektiven und betriebswirtschaftlichen Optionen zur Sicherstellung der Luftraumüberwachung der Republik Österreich zu untersuchen und ihre Empfehlungen bis Ende Juni diesen Jahres vorzulegen. Die Sonderkommission habe hervorragende Arbeit geleistet und zwei Varianten vorgeschlagen: eine mit Auf- und Umrüstung der Eurofighter und eine mit einem neuen System. "Die Entscheidung fiel auf die Anschaffung eines neues Systems, und das aus gutem Grund. Der Weiterbetrieb des EF ist mit so hohen militärischen und finanziellen Risiken verbunden, dass ein Weiterbetrieb aus meiner Sicht einfach nicht vertretbar ist."

Falsche Berechnungen der Sonderkommission

Die ersten Eurofighter sind 2007 nach Österreich gekommen, die letzten landeten 2009 in Zeltweg. Sie sind auf eine Lebensdauer von 30 Jahren angelegt, also bis etwa 2040. Die von Doskozil eingesetzte Sonderkommission "Aktive Luftraumüberwachung" hatte die Aufgabe, verschiedene Modelle für die künftige Luftraumüberwachung zu berechnen. Die Experten haben zur Halbzeit ihrer Arbeit dem Minister die ersten Berechnungen vorgelegt, denen zufolge die Eurofighter "nicht so schlecht ausgestiegen sind", so der Insider.

Luftstreitkräfte-Chef Karl Gruber, der Kommissionsvorsitzender war, sei daraufhin zum Minister zitiert worden. Der Ressortchef habe angeordnet, dass die Berechnungen dahin gehend geändert werden, dass die Lebensdauer der EF bis 2049 verlängert wird. Das sind um zehn Jahre mehr als bei einem neuen System, das erst 2020 implementiert werden würde. Diese verlängerte Berechnung führt dazu, dass die ohnehin hohen Betriebskosten für die EF noch mehr ansteigen.

In der Kommission, in der neben Gruber auch ein Eurofighter-Pilot, Leute aus der Fliegerwerft und der Luftzeug-Abteilung sowie externe Experten aus der Schweiz saßen, habe das für Aufregung gesorgt, berichtete der Informant. Auf Druck mancher Kommissionsmitglieder seien in einem geheimen Bericht, der im Ministerium unter Verschluss gehalten werde, die vom Minister gewünschten Änderungen der Parameter festgehalten worden.

Berechnungen ergaben Einsparungen von 2 Mrd. Euro

Die Berechnungen der Kommission zur Luftraumüberwachung ergaben Einsparungen von bis zu zwei Milliarden Euro, wenn der Eurofighter-Betrieb eingestellt und ein neues System eingeführt werden würde.

Die angegebenen Kosten sind allerdings mit Vorsicht zu genießen: Die Kommission konnte keine verbindlichen Angaben zu den Gesamtkosten ermitteln, weil dies erst im Zuge eines konkreten Beschaffungsverfahrens möglich sei, heißt es im Bericht. Es gab deshalb nur ein "Kostenannäherungsmodell" zur Berechnung der Lebenszykluskosten (Investitionen, Betrieb, Ausbildung) von sechs Varianten, wenn man das jeweilige System 30 Jahre lang bis 2049 nutzt.

Bei der Variante, die Minister Doskozil präferierte, jene ohne Eurofighter und stattdessen einem neuen Abfangjäger-System, geht die Kommission von Einsparungen zwischen 88 Millionen und 2,3 Milliarden Euro aus. Bezogen ist dies auf den bisherigen Plan, die alten Saab 105 durch zehn neue "Advanced Jet Trainer" zu ersetzen und die Eurofighter so weiterzuführen wie bisher. Die zweite von der Kommission genannte Alternative - Eurofighter-Aufrüstung plus drei zusätzliche Doppelsitzer - könnte laut Bericht gegenüber der Referenzvariante um bis zu 399 Millionen Euro günstiger, aber auch bis zu 284 Millionen Euro teurer sein. Ein etwaiges Erlöspotenzial aus den Eurofightern ist bei den Kostenschätzungen noch nicht einkalkuliert.

Der Bericht zeigt einerseits, dass die Eurofighter im Betrieb sehr kostenintensive Abfangjäger sind und andererseits aber auch, dass der Deal des ehemaligen Verteidigungsministers Norbert Darabos (SPÖ), bei dem der Eurofighter ausgeweidet wurde, Nachrüstungen notwendig macht.

»Der österreichische Eurofighter Typhoon der Tranche 1 wurde ohne vollständige Grundausrüstung beschafft«

"Der österreichische Eurofighter Typhoon der Tranche 1 wurde ohne vollständige Grundausrüstung beschafft." Von vier wesentlichen Leistungsmerkmalen, die einen modernen Abfangjäger ausmachen, ist beim österreichischen Eurofighter nur eines voll abgebildet, zwei sind unzureichend abgebildet und eines fehlt vollständig, heißt es in dem Bericht wörtlich.

In Hinblick auf Geschwindigkeit, Steigvermögen, Maximalflughöhe und Wendigkeit erfüllt der österreichische Eurofighter alle Anforderungen. Er hat ein leistungsfähiges Bordradar, jedoch keinerlei Systeme zur sicheren Annäherung an und zur Sichtidentifizierung von Luftfahrzeugen bei Nacht und schlechter Sicht. Weiters ist er mit einer leistungsfähigen Kanone und einer hochwertigen Infrarot-Lenkwaffe für kurze Schussentfernungen ausgerüstet. Diese Infrarot-Lenkwaffen sind jedoch nicht unter allen Wetter- und Sichtbedingungen einsetzbar.

Dem System fehlt eine Allwetterlenkwaffe, welche zum Beispiel den sicheren Abschuss eines terroristisch genutzten Flugzeuges zu einem bestimmten Zeitpunkt über unbewohntem Gebiet ermöglicht. Ohne diese Lenkwaffe erzeugt das System auch keine ausreichende Abhaltewirkung auf Kampfflugzeuge, welche sich im Krisenfall dem österreichischen Luftraum annähern. Ein Selbstschutzsystem fehlt. Ein Einsatz gegen eindringende Kampfflugzeuge wäre mit einem extremen Risiko verbunden und könnte den Abschuss und den Tod der österreichischen Militärpilotin oder des Militärpiloten bedeuten, heißt es in dem Bericht.

Die 15 derzeit in Österreich eingesetzten Eurofighter sind aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und ihres spezifischen Nachrüstungsbedarfs im Betrieb sehr kostenintensive Abfangjäger. Ab Erreichen des Vollbetriebs (1050 bis 1200 Flugstunden pro Jahr) von 2010 bis zum Jahr 2016 stiegen die jährlichen systemspezifischen Betriebskosten von 30 Millionen auf über 70 Millionen und werden 2017 bei ca. 80 Millionen Euro liegen. Es ist damit zu rechnen, dass die Betriebskosten in den nächsten Jahren auf mehr als 100 Mio. Euro per anno steigen. Durch die notwendige Nach- und Aufrüstung der Eurofighter der Tranche 1 auf Bauelemente der Tranche 2 sind weitere Kostensteigerungen zu erwarten, die derzeit noch nicht abschätzbar sind, so die Experten.

Die Kommission empfahl daher, "den österreichischen Eurofighter Typhoon der Tranche 1 in seinem aktuell beschränkten Ausrüstungsstand, wie er derzeit genutzt wird, nicht weiter zu betreiben".

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