Warum Insekten bald
auf unseren Tellern landen

Die proteinreichen Tierchen haben großes Potential

Lebensmittel aus Insekten sind für Forscher die Lösung des globalen Ernährungsproblems. In Österreich sind diese Produkte aber noch nicht zugelassen.

von Insekten als Lebensmittel © Bild: Istockphoto.com/9770880_224

Die Weltbevölkerung wächst. Im Jahr 2050 könnten bereits neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Dadurch steigt der ohnehin schon hohe Fleischbedarf noch weiter rasant an. Alleine in den vergangenen 50 Jahren wuchs die globale Fleischproduktion von 78 auf 308 Millionen Tonnen jährlich. Bis 2050 prognostiziert die Welternährungsorganisation FAO einen Anstieg auf 455 Millionen Tonnen.

Doch Fleisch zu produzieren ist aufwendig. Um etwa ein Kilo Rindfleisch zu erzeugen, sind 15.000 Liter Wasser notwendig, rechnete das Water Footprint Network vor. Das Tier selbst trinkt zwar nicht so viel. Es frisst jedoch Getreide, dessen Anbau wiederum viel Wasser benötigt.

Henry Jäger forscht am Institut für Lebensmitteltechnologie der Boku in Wien an einem Ausweg aus diesem Dilemma. Er und sein Team untersuchen, wie sich Heuschrecken, Grillen und Larven am besten verarbeiten lassen - und uns künftig ernähren können. Denn für die Erzeugung von einem Kilo Mehlwürmer sind nur drei Liter Wasser notwendig. Außerdem entstehen bei der Insektenzucht weniger CO2- und Methanemissionen als bei der Rinderzucht. Und: Insekten brauchen deutlich weniger Platz.

In Europa überwiegt Ekel

"Was wir machen, geht über den Snackgedanken hinaus, eine Heuschrecke frittiert oder gebacken zu essen. Uns interessiert der großflächige Nutzen von Insekten sowohl als Lebensmittel als auch als Futtermittel", erklärt Jäger.

Weltweit gibt es rund 1.900 bis 2.000 essbare Insektenarten. Bei 80 Prozent der Weltbevölkerung stehen Insekten ohnehin am täglichen Speiseplan. In Europa überwiegt jedoch der Ekel vor Insekten. "In unserem Kulturkreis werden Insekten als Schädlinge betrachtet", sagt Jäger. Nur wenige Europäer können sich vorstellen, frittierte Heuschrecken anstatt eines Schnitzels am Teller zu haben. Das ist auch Jäger durchaus bewusst.

Die Zukunft liegt für ihn daher auch nicht in den ganzen, sondern in den weiterverarbeiteten Insekten. Gut dafür geeignet seien etwa Heuschrecken, Grillen und die Larven von Mehlkäfern, sagt der Wissenschaftler. Als Tierfutter hätten Soldatenfliegenlarven Potenzial.

Krabbelnde Proteinbomben

Insekten haben einen hohen Proteinanteil und enthalten ungesättigte Fettsäuren und essenzielle Aminosäuren. Je nach Art liegt der Proteinanteil bei 40 bis 70 Prozent. Vorstellbar wären daher Insektenmehl und -öl. "Zunächst kann man das Öl aus den Insekten extrahieren, dann die ganzen Insekten zu Mehl vermahlen und abschließend noch die Chitinhülle abtrennen", erklärt Jäger. Auch die Chitinhüllen müssten nicht entsorgt werden, sondern könnten noch zu Verpackungsmaterial verarbeitet werden.

»Bei Insekten gibt es keine anderen Gefahrentypen als bei den übrigen Lebensmitteln«

Wolfgang Leger-Hillebrand ist bei Quality Austria für Lebensmittelsicherheit zuständig. Auch ihm sind die bevorstehenden Probleme durch den steigenden Fleischkonsum bewusst, und auch er sieht in Insekten prinzipiell eine Alternative. Doch sind diese wirklich ein sicheres Lebensmittel? "Bei Insekten gibt es keine anderen Gefahrentypen als bei den übrigen Lebensmitteln. Es können Allergien auftreten, und durch die Fütterung können sich schädliche Rückstände, etwa Pestizide, in den Insekten ansammeln", sagt Leger-Hillebrand. Deshalb seien hygienische Standards für die Züchtung von Insekten wichtig. Außerdem dürften die Tiere nur mit hochwertigem Futter und nicht mit Lebensmittelabfällen gefüttert werden.

Doch niemand braucht Angst zu haben, dass hierzulande schon bald mit Insektenmehl gebacken wird. Denn in der EU gelten Insekten als "Novel Food" und unterliegen einer speziellen Verordnung. Sie dürfen heuer noch im Ganzen angeboten werden. Aber 2018 ist das ohne Zulassungsverfahren in Österreich nicht mehr erlaubt.

"Insektenzucht ist im Augenblick finanziell noch völlig uninteressant", sagt Leger-Hillebrand, "denn es fehlen Erfahrungswerte, und um Mehl oder Öl anbieten zu dürfen, müssten diese Produkte zunächst ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Das ist kostspielig und kann Jahre dauern." Bisher sei jedenfalls in Österreich noch kein derartiges Verfahren angemeldet worden, weiß Leger-Hillebrand.

Wer nun neugierig ist, wie Insekten schmecken: "Es ist keine Geschmacksexplosion. Sie schmecken tendenziell fettig, oft nussig. Frittiert und gewürzt sind sie aber durchaus genießbar", sagt Jäger. Wem diese Auskunft nicht genug ist, der kann sich essbare Insekten beispielsweise unter insektenessen.at bestellen. 20 Gramm gefriergetrocknete Heuschrecken gibt es hier um 13,20 Euro. Na dann, Mahlzeit!