Indien von

"Wir sind auch Menschen, keine Tiere"

In Indien müssen immer noch Millionen "Unberührbare" verunreinigte Latrinen säubern

Indien © Bild: © Corbis. All Rights Reserved.

Noch immer werden in Indien Latrinen von Hand geleert. Die schmutzige Arbeit verrichten Dalits, die auch als Unberührbare beschimpft werden. Eine Organisation hilft ihnen, die soziale Ausgrenzung zu überwinden - durch den Verkauf von Toiletten.

"Wir sind auch Menschen, keine Tiere", sagt Asha Dhamuniya. Doch habe sie sich lange Zeit so gefühlt, ergänzt die 20-Jährige aus der Stadt Tonk im Norden Indiens. Sie ist eine Dalit, eine als unberührbar diffamierte, die ganz am unteren Ende der indischen Gesellschaft steht. Seit sie elf Jahre alt war, musste Dhamuniya zusammen mit ihrer Mutter Latrinen leeren. "Ich versuchte zum Unterricht zu gehen, aber die anderen Kinder peinigten mich", sagt sie. Auch in der Schule habe sie ständig Klos putzen müssen.

Simples Toilettensystem hilft

Heute verdient die aufgeweckte junge Frau Geld mit Nähen und Sticken, sie geht auf eine höhere Schule und will Lehrerin werden. Ihr Leben wandelte sich, als die gemeinnützige Organisation Sulabh in die Stadt Tonk kam. Die Wohlfahrtseinrichtung bot den Dalits nicht nur Unterricht an, sondern brachte auch ein simples Toilettensystem mit. "Um die Unberührbaren aus ihrer Lage zu befreien, benötigt man keinen Gott, sondern nur eine Toilette mit Wasserspülung", sagt Sulabh-Gründer Bindeshwar Pathak.

Mit bloßen Händen

Noch immer gibt es in Indien zahlreiche Latrinen - und das, obwohl das Säubern seit 1993 gesetzlich verboten ist. "Die Exkremente fallen vom Klo in eine Kammer. An dieser Stelle haben die Häuser eine Öffnung, so dass wir von draußen den Dreck rauskratzen konnten", erzählt Rajni Athwal. Sie arbeitete mit kleinen Blechen, Besen und oft auch nur mit bloßen Händen. "Die Eimer haben wir auf dem Kopf weggetragen. Wenn es regnete, ist es auf uns herabgetropft", sagt die 30-Jährige aus der Stadt Alwar.


Doch es war nicht nur die schmutzige Arbeit, die ihr zu schaffen machte, sondern auch die Stigmatisierung. "Die Menschen haben uns das Geld nicht in die Hand gegeben, sondern auf den Boden vor uns geworfen." Weil sie als schmutzig galten, durften sie keine Tempel betreten und das Gemüse beim Händler nicht selbst aussuchen.

"Ihr seid jetzt Madams"

Doch nun, nach jahrelanger Aufklärung, Überzeugungsarbeit und Fortbildung gehörten sie in Alwar und Tonk zur Gesellschaft dazu, meint Athwal. "Die Leute sagen: Ihr seid jetzt Madams." Und die Menschen, die sie früher nicht einmal berühren wollten, kauften ihr jetzt Konserven und Fladenbrote ab.

3,5 Millionen Latrinen-Säuberer

Doch das ist noch längst nicht überall in Indien der Fall. Es gebe noch rund 50.000 solche Latrinen-Säuberer, sagt NGO-Gründer Pathak. Vor gut 50 Jahren waren es laut Zensus noch 3,5 Millionen Menschen. Dass in Indien heute Toiletten ein Thema sind, sei auch der Sulabh-Sanitärbewegung zu verdanken, sagt er. Seit mehr als 40 Jahren kämpft Pathak, der selbst zur höchsten Kaste der Brahmanen gehört, für Menschenrechte und bessere sanitäre Einrichtungen. Seine Organisation betreibe 8000 öffentliche Toiletten und habe 1,3 Millionen Klos an Privathaushalte verkauft, erzählt er stolz.

Die Toiletten, die nicht an eine Kanalisation angebunden sein müssen, umfassen immer einen abgetrennten Raum und zwei in die Erde eingelassene Tanks. Diese werden von den späteren Benutzern selbst gebaut, im Bundesstaat Punjab aus Ziegeln, in Rajasthan aus Steinen, in Assam aus Holz, in Westbengalen aus Lehm. "Was es in der Gegend gibt, wird verwendet", sagt Pathak. Die günstigste Variante - Bambusstecken und Jutesäcke - kostet 15 US-Dollar (etwa elf Euro), die teuerste 1000 US-Dollar. Alle kommen mit etwa einem Liter Wasser pro Toilettengang aus. Und können fünf bis 40 Jahre lang genutzt werden.

Dhamuniya: "Ich bin stolz"

Früher habe sie beim Säubern der Latrinen immer Gott gefragt, warum sie ausgerechnet in diese Kaste geboren worden sei, erzählt die 20-jährige Dhamuniya. Sie habe ihn gebeten, bei der nächsten Geburt in eine andere Kaste zu kommen. "Jetzt denke ich das nicht mehr. Mir ist es egal", sagt sie. "Ich bin stolz auf meine Kaste."

Kommentare