Corona: Suche nach dem Wundermittel

Erst wenn es eine Impfung oder ein Medikament gibt, könne zur Normalität zurückgekehrt werden, betont Bundeskanzler Sebastian Kurz immer wieder. Doch wann wird das der Fall sein?

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Impfstoff & Medikament - Corona: Suche nach dem Wundermittel
© Bild: APA/dpa/Felix Kästle

Hoffnung 1

Bis Jahresende oder gar schon im Herbst? Der Wettlauf um den ersten zugelassenen Impfstoff läuft. Die Aussichten auf schnellen Erfolg sind allerdings gering

© Privat Franz X. Heinz Der Wiener Virologe bezeichnet sich als "optimistisch, aber vorsichtig"

Ein Impfstoff würde der Coronavirus-Pandemie schlagartig ihren Schrecken nehmen. Denn sind einmal genug Menschen immun, also haben sie nach durchgemachter Krankheit oder präventiver Impfung Antikörper gebildet, kann das Virus nicht mehr zirkulieren. Die Bedrohung wäre gebannt.

"Ich bin optimistisch, aber vorsichtig", sagt der Wiener Virologe Franz X. Heinz. "Ich würde derzeit nicht die Voraussage treffen, dass es in einem Jahr tatsächlich bereits einen Impfstoff geben wird. Denn im Schnitt dauert die Entwicklung bis zur Zulassung und Marktreife mehrere Jahre, manchmal sogar mehr als zehn Jahre."

»Ich würde derzeit nicht die Voraussage treffen, dass es in einem Jahr bereits einen Impfstoff gibt«

Die gute Nachricht: Nach dem Auftreten von SARS1 im Jahr 2002/2003 und MERS hat die Pharmaindustrie reagiert und es wurden sogenannte Impfstoff-Plattformen entwickelt. Sie ermöglichen es, sehr schnell auf ein neues Pathogen zu reagieren, da die zugrunde liegenden Prinzipien bereits jahrelang erprobt wurden. Sobald die Sequenz eines neuen Virus entschlüsselt ist, können diese Plattformen spezifisch dafür adaptiert werden. Innerhalb relativ kurzer Zeit ist es so möglich, mit der Herstellung experimenteller Vakzine zu beginnen -zunächst zur Erprobung in Tierversuchen und dann in ersten klinischen Versuchen am Menschen. Gemeinsam mit beschleunigten Prüf-und Zulassungsverfahren können dadurch im Idealfall etliche Entwicklungsjahre eingespart werden.

Zur aktuellen Corona-Situation in Österreich

Weltweit verfügen Firmen über derartige Plattformen. Erste experimentelle Impfstoffe waren daher bereits nach zwei Monaten produziert -so schnell wie nie zuvor. Seither vermelden laufend weitere Länder Erfolge bei der Suche nach dem Wundermittel.

Allerdings -und das ist die schlechte Nachricht -gibt es bisher weltweit keinen einzigen zugelassenen Impfstoff, der mithilfe einer derartigen Plattform entwickelt wurde. Auch existiert bisher kein zugelassenes Vakzin gegen eines der anderen Coronaviren, wie SARS1 oder MERS. Zwar wurde schon beim ersten SARS-Ausbruch vor 18 Jahren viel geforscht und sogar Impfstoffe an Tieren und Menschen getestet. Aus zwei Gründen wurde die Forschung jedoch wieder eingestellt: Einerseits ist SARS1 durch andere Maßnahmen wieder verschwunden und damit auch der Markt für einen Impfstoff. Andererseits zeigten mehrere experimentelle SARS-und auch MERS- Impfstoffe im Tierversuch erhebliche Nebenwirkungen. "Die Versuchstiere entwickelten zwar nach der Impfung eine gute Immunantwort. Bei einem gewissen Prozentsatz kam es allerdings zu Gewebeschäden in Lunge oder Leber, wenn sie danach mit dem Virus infiziert wurden. Offenbar ist es durch die Impfung bei diesen Tieren zu einer unerwünschten Sensibilisierung des Immunsystems gekommen", erklärt Virologe Heinz.

Nebenwirkungen verhindern

Diese Risiken sind den Forschern seither bekannt. Sie suchen nun nach Hilfsstoffen, die dafür sorgen, dass diese unerwünschte Nebenwirkung nicht auftreten kann. Schließlich wird ein Impfstoff gesunden Menschen verabreicht, da er präventiv zum Einsatz kommt und es muss sichergestellt sein, dass er nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet.

2009, als die Schweinegrippe ausbrach, war die Situation einfacher. Denn es konnte bereits auf vorhandenen Influenza-Impfstoffen aufgebaut und es musste "nur" das neue H1N1-Virus eingefügt werden. Allerdings blieben selbst damals Nebenwirkungen nicht aus. So konnte einer der Impfstoffe bei Menschen mit genetischer Disposition Narkolepsie auslösen.

"Seltene Nebenwirkungen sieht man erst, wenn eine große Anzahl von Menschen geimpft worden ist. Daher muss bei der Impfstoffentwicklung immer auch langfristig gedacht werden", erklärt Heinz. "Klar ist jedenfalls, dass jeder Impfstoff den heutigen Standards von Sicherheit und Wirksamkeit entsprechen muss, deren eingehende Prüfung durch internationale und nationale Behörden Voraussetzung für eine Zulassung ist." Und das dauert eben.

Hoffnung 2

In Studien werden unterschiedlichste Medikamente an schwerkranken Covid-Patienten getestet. Das perfekte war bisher nicht darunter. Noch nicht

© privat Walter Hasibeder Der Leiter der Intensivmedizin im KH Zams tauscht sich regelmäßig mit seinen Tiroler Kollegen aus

Für viel wahrscheinlicher halten Virologen und Mediziner, dass vor einem Impfstoff ein Medikament zur Behandlung schwerkranker Covid-19-Patienten verfügbar sein wird. Christoph Wenisch, Primar im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital, sprach in einem Interview mit der "ZiB2" sogar davon, dass noch vor dem Sommer ein Medikament gefunden sein könnte.

Tests mit Wirkstoffen, die eigentlich zur Bekämpfung anderer viraler Krankheiten entwickelt worden sind, sollen laut ersten Studien in unterschiedlichen Ländern zu Erfolgen geführt haben. Darunter befinden sich unter anderem Ebola-, Malaria-und Grippemedikamente. Da sie schon für diese Krankheiten zugelassen sind, können sie sehr schnell bei Patienten zum Einsatz kommen.

»Bisher hat noch niemand von uns mit den Wirkstoffen Patienten helfen können«

In Österreich erarbeitete die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) eine Leitlinie zur Behandlung schwerkranker Patienten. "Wir orientieren uns hier an den großen internationalen Gesellschaften", erklärt Walter Hasibeder, Leiter der Operativen Intensivmedizin am Krankenhaus Zams und nächster ÖGARI-Präsident. Er selbst hat Hydroxychloroquin, das u. a. als Malariamittel zugelassen ist, eingesetzt - mit ernüchterndem Ergebnis. "Wir haben keinen Effekt gesehen", sagt er.

Zweimal wöchentlich tauschen sich die leitenden Intensivmediziner Tirols per Videokonferenz aus. "Bisher hat noch niemand von ihnen mit den in Studien genannten Wirkstoffen einem Patienten helfen können", berichtet Hasibeder. Seine Erklärung dafür: Diese Wirkstoffe sind Virostatika. Sie würden wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt helfen, zu dem die meisten Patienten noch nicht einmal Symptome entwickelt haben. "Wenn es den Patienten allerdings so schlecht geht, dass sie intensivmedizinische Behandlung benötigen, ist die Virusvermehrung nicht mehr das Problem. Das ist schon in einem Stadium, in dem der Entzündungsprozess ungehemmt abläuft", so der Mediziner.

Andere Forschungsgruppen durchsuchen Datenbanken nach ganz neuen Substanzen, die eine Wirkung auf das Coronavirus haben könnten. Doch auch hier gilt: Sollte ein vielversprechender Wirkstoff gefunden werden, dauert es normalerweise noch Jahre, bis daraus ein zugelassenes Medikament entsteht.

Antikörper aus Genesenen

Ein anderer Ansatz ist die Behandlung von Schwerkranken mit Antikörpern, die aus wieder genesenen Covid-19-Patienten gewonnen werden. Auch hier gibt es bereits erste erfolgversprechende Studien.

Die japanische Pharmafirma Takeda, betreibt an ihrem Standort in Wien seit über 15 Jahren eine Produktionsplattform für derartige Antikörper. Bisher kommen sie u. a. als Therapie für Menschen mit seltenen chronischen Erkrankungen oder Immundefekten zum Einsatz. Jetzt sollen sie schwerkranke Covid-19-Patienten retten. "Insgesamt haben sich schon über 90 Personen, die am Coronavirus erkrankt waren und mittlerweile wieder gesund sind, als Plasmaspender angemeldet", sagt Thomas Kreil, Leiter der globalen Pathogensicherheit bei Takeda Österreich.

Aus dem Plasma der Spender werden die Antikörper anschließend herausgereinigt und konzentriert. "Wie schnell nun die klinischen Studien starten können, hängt damit zusammen, wie schnell wir das notwendige Plasmavolumen erreichen", so Kreil. Er geht aber davon aus, dass das schon in wenigen Wochen der Fall sein wird. Noch kennt man die genaue Dosierung nicht, aber Kreil hofft, dass mit den Antikörpern eines Spenders einer erkrankten Person geholfen werden kann. Und sollte sich die Methode als wirksam erweisen, so könnte noch heuer, abhängig von der Zahl der Plasmaspenden, mit der Produktion größerer Mengen gestartet werden.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 16/20

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