Die hitzige Impfdebatte

Was passieren muss, um eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu verhindern

3-G-Regel am Arbeitsplatz, 2-G-Regel im Gasthaus und im Stadion, Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen - die Pläne der Regierung und die Debatte um die Covid-Impfung haben eine Kluft quer durch die österreichische Bevölkerung gerissen. Was muss jetzt passieren, um eine weitere Spaltung unserer Gesellschaft zu verhindern?

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Impfrung © Bild: iStockphoto

Von Van der Bellen bis Liessmann, von Haselsteiner bis Griss, von Kratky bis Marco Pogo, hier schreiben sie alle zum Thema Nummer eins. Sogar ein enger Vertrauter und Berater Kickls, der selbst beinahe an Corona verstarb. (Hier finden Sie eine Auswahl - alle Stimmen lesen Sie im News-Magazin Nr. 38)

ALEXANDER VAN DER BELLEN

»Corona ist keine Glaubensfrage«

Bundespräsident Alexander Van der Bellen macht sich für Überzeugungsarbeit mit sanftem Nachdruck, aber ohne erhobenen Zeigefinger stark.

Alexander Van der Bellen
© Sebastian Reich/News

Wir alle müssen anerkennen, dass es zum Teil sehr unterschiedliche und auch sehr emotionale Meinungen zum Thema Corona gibt. Wir alle sollten aber auch akzeptieren, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Corona-Schutzimpfung sehr eindeutig sind: Die Impfung wirkt und ist sicher. Corona ist keine Glaubensfrage. Und wir sollten damit aufhören, Corona so zu diskutieren.

Blicken wir gemeinsam nach vorn: Es geht uns doch allen darum, dass wir gemeinsam gut aus dieser Pandemie kommen. Und wir haben schon sehr viel geschafft auf diesem Weg.

Jetzt sollten sich möglichst viele Menschen impfen lassen. Wie wäre es, wenn jede und jeder versucht, einen weiteren Menschen in seiner Umgebung zu überzeugen, sich impfen zu lassen? Tun wir das ohne erhobenen Zeigefinger. Dann hätten wir Corona in Österreich sehr bald besiegt oder zumindest gut unter Kontrolle gebracht.

Wir sind in unserem Land immer wieder vor schwierigen Situationen gestanden, in denen auch sehr emotional unterschiedliche Standpunkte ausgedrückt wurden. Das ist in einer Demokratie wichtig und auch gut so. Ich wünsche mir, dass wir in unserer Heimat zu einem gemeinsamen Weg finden, die Corona-Schutzimpfung weder zu bejubeln noch zu verteufeln, aber zu akzeptieren, dass sie das derzeit beste Mittel ist, um mit der Situation fertigzuwerden.

MELISA ERKURT

»Kampagnen für alle - in allen Sprachen«

Die Journalistin Melisa Erkurt, 1991 in Sarajevo geboren, zählt zu Österreichs erfolgreichsten Politbloggerinnen. Sie erzählt von der großen Unsicherheit, die in vielen migrantischen Communitys hinsichtlich der Impfung herrscht -und wie man Abhilfe schaffen könnte.

Man darf die Dinge nicht vermischen. Oft heißt es ja: Das Virus wurde von Balkanrückkehrerinnen und -rückkehrern eingeschleppt, Migrantinnen und Migranten sind nicht informiert, sie lassen sich nicht impfen -das sei ein sozioökonomisches Problem. Man darf es sich nicht so einfach machen, indem man pauschal mit dem Finger auf alle Menschen mit Migrationshintergrund zeigt. Viele dieser Aussagen sind nicht faktenbasierte Vorurteile, und es wäre die Aufgabe der Politik, die Gesellschaft zu vereinen, anstatt einzelne gesellschaftliche Gruppen zum Sündenbock zu erklären. Wenn man sich ansieht, wer auf Anti-Corona-Demos geht, dann sind das in den seltensten Fällen Menschen mit Migrationshintergrund.

Österreich bekennt sich immer noch nicht dazu, dass es ein mehrsprachiges Land ist. Es braucht aber dringend Impfkampagnen für alle und in allen Sprachen. Ich habe mehrsprachige Plakate im öffentlichen Raum vermisst, und es hat womöglich politische Gründe, warum auf diese Art von Aufklärung verzichtet wird. Die Politik fürchtet sich davor, was die österreichischen Wählerinnen und Wähler denken könnten, wenn plötzlich mehrsprachige Plakate aufgehängt werden würden. Viele Menschen mit Migrationshintergrund können in Österreich aufgrund der fehlenden Staatsbürgerschaft oft eh nicht wählen, wegen der lohnt es sich nicht, die Stammwählerinnen und -wähler zu vergraulen.

Man kann beobachten, dass bei vielen österreichischen Impfgegnerinnen und -gegnern ideologische Überzeugungen gegen die Impfung vorliegen, bei Menschen mit Migrationshintergrund ist das aber nicht so oft der Fall. Bei migrantischen Communitys herrscht eher eine große Unsicherheit, weil sie das Drosten-Interview eben nicht verstehen, oder es kommt gar nicht erst bei ihnen an. Ich habe so viele intensive Gespräche mit Leuten geführt, die dann danach verstanden haben: "Okay, Melisa ist jetzt auch seit einigen Monaten geimpft und lebt immer noch, die Impfung kann also gar nicht so gefährlich sein." Es wäre einfacher, wenn die Politik Informationen über jene Kommunikationskanäle, zum Beispiel in Facebook-Gruppen, zugänglich machen würde, die von Menschen mit Migrationshintergrund intensiv zum Austausch genutzt werden. Hier hätte man schon längst andocken und auf die Leute zugehen können, um eine Spaltung zu verhindern.

Mit manchen Menschen will ich aber auch gar keinen Konsens finden. Von Menschen, die antisemitische Theorien mit der Pandemie vergleichen, will ich mich sogar abspalten. Oder auch von Menschen, die sich zwar weiterbilden könnten, es aber nicht wollen. Allerdings muss man immer betonen, dass nicht jeder Mensch auch gleich Impfgegnerin oder -gegner ist, wenn er oder sie sich nicht impfen lässt. Deshalb ist es so wichtig, Mythen auch weiterhin zu entlarven, einen besseren Überblick über die aktuellen Zahlen und Fakten zu geben und die Zugänglichkeit zu Informationen für alle zu erleichtern.

GERRY FOITIK

»Der Gedanke an einen Ausweg«

Gerald Foitik, der Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes, wünscht sich von unserer Gesellschaft in diesen Tagen mehr Bereitschaft, einander zuzuhören.

Gerry Foitik
© APA/Punz

In Österreich entwickelt sich die Gesundheitskrise immer mehr auch zu einem Stresstest für uns als Gesellschaft. Die einen, die täglich appellieren: "Lasst euch impfen!" Und die anderen: "Sicher nicht, ist meine Entscheidung!" Da sind die Fronten scheinbar unauflösbar verhärtet.

Entscheiden, ob und wie rasch wir aus der Krise kommen, wird auch, wie wir mit den kursierenden Fake News umgehen. Momentan hat praktisch jeder eine Meinung zum Virus und zur Impfung. Aber Meinung ist nicht gleich Fakten. Und ob ich mich impfen lasse oder nicht, ist eben nicht nur eine persönliche Entscheidung - sie hat Auswirkungen auf uns alle.

Zuhören, zuhören, reden, zuhören: Bei Meinungsverschiedenheiten in der Familie und im Freundeskreis geht es darum, einander zuzuhören, sich gegenseitig ernst zu nehmen, aber auch gegenteilige Meinungen einfach stehen lassen zu können.

Und wir sollten bedenken, dass die Menschen, die derzeit noch zögern, sich impfen zu lassen, verschiedenste Gründe dafür haben: Nehmen wir diese Gründe bitte ernst und bieten wir Fakten und Argumente an. Manchen ist noch zu wenig bewusst, dass die Impfung dazu dient, andere zu schützen, vor allem die Kinder, die sich nicht impfen lassen können, und dass die Impfung unser einziges Gegenmittel ist, um die Pandemie zu beenden. Dieser Gedanke an einen Ausweg sollte uns jetzt einen.

IRMGARD GRISS

»Eine Politik, die Bürger nicht wie Unmündige behandelt«

Die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und ehemalige Neos-Mandatarin, die auch für das Amt der Bundespräsidentin kandidierte, ist überzeugt: Nur durch bessere Bildung schafft es die Gesellschaft, Informationen kritisch zu hinterfragen, und das Individuum, rationale Entscheidungen zu treffen -auch in Fragen wie jenen nach der Coronaimpfung.

Griss
© APA/HERBERT P. OCZERET

Was muss passieren, um eine weitere Spaltung unserer Gesellschaft in Zusammenhang mit der Coronapandemie zu verhindern? Durch unsere Gesellschaft verlaufen -nicht erst seit Corona, Corona hat sie aber noch verstärkt -mehrere Bruchlinien. Sie spalten die Gesellschaft in Aufgeklärte und Anhänger von Verschwörungstheorien, in Nutznießer und Abgehängte, in Weltoffene und Nationalisten.

Wer aufgeklärt ist und rational entscheidet, trägt die Maßnahmen mit und lässt sich impfen. Anhänger von Verschwörungstheorien sehen sich von verschiedenen Seiten bedroht, von der Pharmaindustrie, von Bill Gates, am wenigsten noch vom Virus. Daher sind sie regelmäßig auch nicht bereit, sich impfen zu lassen.

Oft sind das auch die, die sich abgehängt fühlen, nicht mithalten können, weil sie wenig haben, wenig verdienen und wenig von der Zukunft erhoffen. Ihnen gegenüber stehen die Nutznießer von Digitalisierung und Globalisierung. Ihr Leben ist bunter, abwechslungsreicher, gibt mehr Anlass, die Zukunft positiv zu sehen. Es ist daher auch kein Zufall, dass Nutznießer weltoffen sind, Grenzen überwinden wollen, und, anders als die Nationalisten, mit Nation und Souveränität wenig anfangen können. Aber wie können diese Bruchlinien überwunden werden? Zuerst braucht es eine andere Politik, eine Politik, die gestalten und nicht bloß Posten für sich und die "Familie" sichern will. Eine Politik, die die Bürgerinnen und Bürger nicht wie Unmündige behandelt, indem sie Probleme verniedlicht, Scheinlösungen verspricht und so tut, als hätte sie alles im Griff, während sie schlicht überfordert ist. Es braucht die besten Köpfe für eine Politik, die vernunftbestimmt und evidenzbasiert ist.

Eine solche Politik sorgt dafür, dass das Bildungssystem Kinder bildet und nicht bloß verwahrt, ihre Neugierde und die Lust am Lernen fördert, ihre Kreativität aufblühen lässt und nicht durch Massen an Lernstoff verschüttet. Vor allem aber die Voraussetzungen dafür schafft, dass Informationen, von wem immer sie kommen, kritisch hinterfragt werden.

Ein solches Bildungssystem ist der Humus für aufgeklärte und kritische Bürgerinnen und Bürger, die bereit und in der Lage sind, sich in andere hineinzuversetzen, die verschiedene Sichtweisen nachvollziehen und ihre Einstellung und Überzeugung rational begründen können. Eine Gesellschaft solcher Bürgerinnen und Bürger hat eine gute Chance, durch Dialog und gegenseitiges Verstehen Bruchlinien wenigstens teilweise zu kitten und Spaltungen, wenn auch nicht ganz zu überwinden, so doch weniger schmerzhaft zu machen.

Eine Ungleichbehandlung zwischen Geimpften und Ungeimpften ist sachlich gerechtfertigt, sie ist keine "Bevorzugung". Ich bin daher für eine 1-G-Rregel, allenfalls für eine 2-G-Regel. Dass jemand zwangsweise geimpft wird, hat -meines Wissens -noch niemand verlangt. Man muss aber eine Situation schaffen, in der es zunehmend lästig und aufwendig ist, wenn man sich nicht impfen lässt, obwohl man sich impfen lassen könnte.

Es gibt ja nicht nur Impfgegner, die man nicht überzeugen wird. Es gibt auch viele - das höre ich jedenfalls von Unternehmern -, die sich einfach nicht darum kümmern, die das Ganze nicht interessiert.

Lassen sich alle impfen, die nicht überzeugte Impfgegner sind, dann wird man Herdenimmunität erreichen. Und die Impfgegner werden sich anstecken und auf natürlichem Weg immunisieren.

ULRICH HEINZ JÜRGEN KÖRTNER

»Naturkatastrophe in Zeitlupe«

Der Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien hält das Mantra, es würde keine Impfpflicht geben, für einen politischen Fehler. Und für mit schuld an der "Vertrauenskrise".

Die Folge der Coronapandemie ist eine tiefgreifende Vertrauenskrise, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasst hat. Die weltweite Ausbreitung des Covid-Virus und seiner Mutanten hat unser aller Leben aus seinen gewohnten Bahnen geworfen.

Auch wenn uns in Österreich zum Glück schreckliche Bilder wie aus dem italienischen Bergamo oder Massengräber von Coronatoten wie in Brasilien erspart geblieben sind: Wir haben es mit einer Naturkatastrophe in Zeitlupe zu tun, die nicht nur das Gesundheitswesen, sondern alle Bereiche der Gesellschaft und nicht zuletzt den Staat und seine Institutionen einem anhaltenden Stresstest aussetzt.

Die anfängliche Erfahrung des Kontrollverlusts wirkt bis heute nach. Teile der Bevölkerung misstrauen nicht nur der Politik, sondern auch der Wissenschaft. Dabei ist die Entwicklung von hochwirksamen Impfstoffen gegen Covid-19 eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen.

Hinzu kommt eine in allen Lebensbereichen zu beobachtende Gereiztheit. Nach eineinhalb Jahren Coronapandemie liegen die Nerven blank. Auch in der Politik ist die Zeit nationaler Schulterschlüsse vorbei. Der Ton ist schärfer und unversöhnlicher geworden. Das Virus spaltet die Gesellschaft.

Besonders beim Thema Impfen sind die Fronten verhärtet. Zwischen Geimpften und Ungeimpften herrschen teilweise wechselseitiges Misstrauen und Unverständnis. Die Ursachen sind vielfältig. Eine davon ist das Agieren der Politik. Es fehlt an einer schlüssigen und durchsichtigen Gesamtstrategie. Verlautbarungen und Maßnahmen sind widersprüchlich oder im Detail kaum umsetzbar. Selbst Wohlwollende verlieren schnell die Übersicht. Vertrauen in die Politik lässt sich so nicht zurückgewinnen.

Apropos Impfen: An einer hohen Durchimpfungsrate führt kein Weg vorbei. Das Mantra, es würde nie für irgendwen eine Impfpflicht geben, war ein politischer Fehler. Alle Schritte, die jetzt gesetzt werden, um eine Impfpflicht auf indirektem Weg einzuführen - Stichwort 1-G-oder 2-G-Regel -, liefern Impfgegnern weitere Munition. Auch immer neue Aufklärungskampagnen helfen nur bedingt, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Es wäre redlicher und würde letzten Endes das Vertrauen in die Politik und den Staat stärken, mit offenen Karten zu spielen, statt doppelbödige Botschaften auszusenden.

Um den Zusammenhalt in der Pandemie zu stärken, brauchen wir nicht nur eine Abrüstung der Worte und die Bereitschaft, einander zuzuhören. Es braucht auch die Bereitschaft, aus Fehlern, die gemacht wurden, zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vor allem braucht es eine klare und überzeugend kommunizierte politische Vorgangsweise, bei der die Verantwortlichen mehr an einem Strang ziehen und nicht den Eindruck erwecken, dass Partei-oder Gruppeninteressen vor dem Gemeinwohl stehen. So altmodisch es klingen mag: Wir brauchen wieder mehr Gemeinsinn. Den gilt es auf allen Ebenen zu fördern, in der Politik ebenso wie im Bildungsbereich, am Arbeitsplatz und im persönlichen Leben.