EM 2016 von

Immer wieder Russland - Eine Sportmacht am Pranger

Dass am Wochenende auch ein Punkt geholt wurde, ist beinahe vergessen © Bild: APA (AFP)

Dopingvorwürfe ohne Ende, Olympia in Gefahr - und jetzt auch noch randalierende Fußballfans und ein drohender EM-Ausschluss: Die Sportmacht Russland steht nach den erschreckenden Bildern von Marseille wieder einmal am Pranger. Das Last-Minute-Remis gegen England geriet am Eröffnungswochenende der Europameisterschaft in Frankreich schnell zur Nebensache.

Im Raum Odeon II des schicken Pullman-Hotels unter dem Eiffelturm wird nun über das EM-Schicksal der Russen beraten. Dort tagt die Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union (UEFA), die wegen der Ausschreitungen im Stade Velodrome ein Verfahren gegen den russischen Verband (RFS) eingeleitet hat, und soll bereits Dienstagnachmittag das Urteil fällen. Gerechnet wird zumindest mit einer saftigen Geldstrafe und einem Punkteabzug auf Bewährung.

Mit der Ausschlussandrohung durch das UEFA-Exekutivkomitee hat dieses Verfahren nichts zu tun. Es wird vom Gremium unter dem Kärntner Vorsitzenden Thomas Partl geführt, da die Anhänger der "Sbornaja" im Gegensatz zu den Engländern nicht nur außerhalb, sondern auch in der EM-Arena randalierten, Feuerwerkskörper abbrannten und wieder einmal mit rassistischen Ausfälle unangenehm auffielen.

"Viele haben die Schnauze richtig voll von diesen Dingen", berichtete ein Teilnehmer der Sondersitzung des UEFA-Exekutivkomitees. Denn die Erinnerungen an die EM vor vier Jahren in Polen und der Ukraine sind noch präsent. Schon damals hatten russische Hooligans Angst und Schrecken verbreitet.

Im Sommer 2012 verhandelte die Gerichtsbarkeit des europäischen Dachverbandes gleich mehrmals. Feuerwerkskörper, verbotene Transparente, Attacken auf Ordner und rassistische Gesänge lauteten damals die Urteilsbegründungen. Russlands Verband musste damals eine sechsstellige Geldstrafe bezahlen. Zudem drohte die UEFA mit dem Abzug von sechs Punkten in der Qualifikation zur diesjährigen EM. Und jetzt muss die UEFA schon wieder ein Drohszenario aufbauen. Am Mittwoch steht das zweite EM-Spiel Russlands in Lille gegen die Slowakei an - mit erhöhter Polizeipräsenz und unter besonderer Beobachtung.

Auch wenn Politiker und Offizielle des Riesenreiches die wohlbekannte Taktik des Beschwichtigens und Relativierens verfolgen und andere für die Fehlleistungen von Marseille in die Verantwortung nehmen: Sollte es erneut zu Krawallen kommen, muss sich die UEFA an ihrer Ankündigung messen lassen. Wohlwissend, welch gravierende Folgen ein EM-Ausschluss Russlands in der öffentlichen Wahrnehmung und für das Selbstverständnis des Landes nach sich ziehen würde.

Denn der WM-Gastgeber 2018 steht besonders im Fokus. Bisher hatten Funktionäre wie der Sportminister und Verbandspräsident Witali Mutko Fan-Gewalt als Problem im heimischen Fußball und der nationalen Liga zurückgewiesen. Der Weltverband FIFA verbreitete jedenfalls bereits die Hoffnung, dass die russischen WM-Organisatoren Konsequenzen für das Sicherheitskonzept beim Confederations Cup 2017 und bei der WM 2018 ziehen würden.

Demnach würden die russischen Behörden "alle Lektionen von anderen Veranstaltungen" wie der EM und der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) in ihre laufenden Planungen einfließen lassen, um die Wiederholung solcher Vorfälle zu verhindern, teilte die FIFA mit und sprach von einer "Minderheit idiotischer Störenfriede, die nichts mit dem Fußball und seinen wahren Fans zu tun haben".

Allerdings fürchtet nun sogar eine offizielle Fanvereinigung negative Auswirkungen für das Welt-Turnier in zwei Jahren. Die Krawalle "versetzen allen russischen Fans und Russland als Gastgeber der Weltmeisterschaft 2018 einen Schlag", teilte die "All-Russia Association of Football Fans" am Montag mit.