Im WM-Einsatz: Vietnam-Teamchef
Riedl nimmt Asiens Starter unter die Lupe

Wahlheimat von Korruptionsskandal gebeutelt

Mit Österreichs Teamchef Josef Hickersberger verbindet Alfred Riedl nicht nur eine langjährige Trainer-Erfahrung im arabischen Raum. So wie der ÖFB-Coach nimmt auch der 56-Jährige bei der WM in Deutschland jene Mannschaften unter die Lupe, auf die er mit seiner Mannschaft in der kontinentalen Meisterschaft im eigenen Land treffen könnte. Der vietnamesische Teamchef sitzt bei den Partien Saudi-Arabien - Tunesien und Australien - Brasilien im Stadion, denn sowohl die Saudis als auch die Truppe aus "Down Under" sind potenzielle Gegner beim Asien-Cup, der im Juli 2007 neben Vietnam auch in Malaysia, Indonesien und Thailand über die Bühne geht.

"Im Moment würden wir uns wahrscheinlich nicht für das Turnier qualifizieren", erklärte Riedl, dem derzeit in seiner Wahlheimat aber ohnehin weit gravierendere Probleme zu schaffen machen als der beträchtliche Abstand zur kontinentalen Spitze. Der vietnamesische Fußball befindet sich nach wie vor im Würgegriff des Korruptionsskandals. "Erst vor drei Wochen sind wieder Spieler in Untersuchungshaft genommen worden", erzählte Riedl.

Zwei seiner Teamspieler sitzen noch immer hinter schwedischen Gardinen, zwei weitere wurden mittlerweile zwar wieder auf freien Fuß gesetzt, müssen aber auf ihren Prozess warten. Außerdem wurden unter anderem noch Riedls ehemaliger Co-Trainer und sein Übersetzer eingesperrt, die alle an den Spielabsprachen beteiligt waren. "Das ist eine wilde Geschichte, aber ich bin froh, dass jetzt endlich was gemacht wird. Sonst weiß man ja nie, ob man ein Spiel fair gewonnen hat oder nicht."

Der frühere ÖFB-Teamchef war im Vorjahr von seinem Kapitän, der ein dementsprechendes "Angebot ablehnte, auf die geschobenen Partien aufmerksam gemacht. "Sonst wären wir nie draufgekommen." Riedl bedauerte, dass zwar sein gesamtes Umfeld, nicht aber er selbst von den Vorgängen informiert gewesen war. "Ich hätte sofort reagiert und den Spielern auch gesagt, welchen persönlichen Konsequenzen das für sie hat. Einige könnten wegen Mitgliedschaft bei einer kriminellen Organisation angeklagt und bis zu fünf Jahre eingesperrt werden."

Riedl mit Verständnis
Bis zu einem gewissen Grad äußerte Riedl Verständnis für seine Schützlinge. "Man muss bedenken, dass ein vietnamesischer Arbeiter im Monat 150 Dollar verdient, und dann werden einem Fußballer ein paar tausend Dollar geboten, damit er mit einem Tor Unterschied gewinnt. Der glaubt vielleicht sogar, das ist legal, denn er verliert ja nicht mit Absicht."

Trotz der Turbulenzen ist für Riedl nie zur Debatte gestanden, Vietnam den Rücken zu kehren, "Es gibt im Verband viele Menschen, die ich mag und nicht im Stich lassen will", erklärte der "Weltenbummler". Seit dem Vorjahr betreut er das A-Team und die Olympia-Auswahl des fernöstlichen Landes, in dem er bereits von 1998 bis 2001 und von 2003 bis 2004 Teamchef gewesen war.

Dazwischen kümmerte sich der vierfache österreichische Teamspieler um das sportliche Wohlergehen des kuwaitischen Klubs Al Salmiya (2001 - 2003) sowie des palästinensischen Nationalteams (2004 - 2005), davor machte Riedl in Marokko, Ägypten, im Iran und als Teamchef in Liechtenstein Station. "Aber am besten gefällt es mir in Vietnam. Dort ist alles noch naturbelassen und die Leute sind sehr freundlich."

10 Monate im Jahr verbringt Riedl - immer begleitet von seiner Frau - im fernöstlichen Land. "Mit der Zeit bekomme ich schon Heimweh, denn so ein Heurigenbesuch ist ja auch nichts Schlechtes. Aber wenn ich dann in Österreich bin, habe ich schon bald wieder Fernweh."

(apa/red)