Im Water Cube laufen die Fäden zusammen:
Athleten & Suits müssen sich hier beweisen

Superstar Michael Phelps wird es nicht leicht gemacht High-Tech-Anzüge statt des Auslaufmodells Badehose

Im Water Cube laufen die Fäden zusammen:
Athleten & Suits müssen sich hier beweisen © Bild: Reuters/Shihai

Bei den olympischen Schwimm-Bewerben in Peking geht es längst nicht nur um Medaillen. Andere Fragen werden ebenso heiß diskutiert. Wird der Einsatz der neuen Ganzkörperanzüge bisherige Weltrekorde ad absurdum führen? Werden die Finali wegen der umstrittenen Früh-Ansetzung schwächere Zeiten bringen? Werden dafür in den Abend-Vorläufen Rekorde purzeln? Und nicht zuletzt: Schafft Michael Phelps den Jahrhundert-Coup mit acht Goldmedaillen?

Phelps wird es nicht leicht haben. Schon bei den US-Trials Anfang Juli in Omaha hat sich Ryan Lochte dem 23-Jährigen über die Lagen-Strecken bedrohlich angenähert, er hat das Zeug zur Überraschung. Über 100 m Delfin hat Phelps' ewiger Rivale Ian Crocker zuletzt zwar geschwächelt, mit dem Weltrekordler ist aber zu rechnen. Einzig über 200 m Delfin und mit Abstrichen über 200 m Kraul sieht es für den programmierten Superstar günstig aus.

Doch da sind noch die drei Staffeln, in denen das US-Team mit Phelps sehr wohl Favorit ist. Doch einerseits gibt es auch Co-Gold-Anwärter wie die französische Equipe über 4 x 100 m Kraul. Und zum anderen ist auch ein Lapsus im eigenen Quartett möglich, wie im vergangenen Jahr bei den Weltmeisterschaften in Melbourne passiert. Crocker leistete sich einen Fehlstart und Phelps' Gold Nummer acht war futsch.

Kurz, der Ausnahmekönner aus Baltimore hat fraglos das Zeug dazu, die von den Spielen 1972 in München datierende Mark-Spitz-Vorgabe von sieben Mal Gold zu übertreffen. Aber es gibt eben viele Puzzle-Steine, die letztlich vielleicht doch nicht passen. Auch solche, an die derzeit kaum jemand denkt, wie Dinko Jukic andeutet: "Phelps kann es schaffen, Lochte kann ihn aber auch zweimal schlagen. Oder Laszlo Cseh ist stärker und besiegt sie beide."

Gestiegene Dichte an der internationalen Spitze
Dass der glatzköpfige Ungar überhaupt Siegchancen hat, ist ein Zeichen für die enorm gestiegene Dichte an der internationalen Spitze. Etliche Schwimm-Nationen haben in den vergangenen Jahren aufgeschlossen, dürfen sich Hoffnungen auf einen oder mehrere Medaillen-Gewinne machen. Letztlich gehört auch Österreich dazu. Aus dem ÖOC-Team dürfen neben Markus Rogan auch Mirna Jukic und vielleicht Dinko Jukic auf das Podest hoffen.

Die Medaillenwertung sollte aber doch zum 16. Mal in der olympischen Schwimm-Geschichte an die USA gehen. Nur 1956 in Melbourne die Australier und 1980 in Moskau und 1988 in Seoul die DDR schafften es nach dem Zweiten Weltkrieg, die US-Phalanx zu durchbrechen. Das gewohnte einsame Duell mit den Australiern um Platz eins ist freilich nicht zu erwarten. Vor allem Briten, Franzosen und Russen werden dem kompakten US-Team zusetzen.

Auslaufmodell Badehose
Am Startsockel werden sie fast alle in hochgeschlossenen Schwimm-Anzügen stehen, kaum jemand setzt noch auf die gute alte Badehose. Die neue Generation der "Suits" hat heuer Dutzende Weltrekorde auslöschen lassen. Was im hochmodernen "Water Cube" von Peking in dieser Richtung passiert, ist aber nicht vorherzusehen. Denn so vorbereitet wie nun traten die Stars in LZR Racer etc. noch nie an. Nun wird sich zeigen, was die Anzüge wirklich bringen.

Offen ist auch, wie sich die ungewohnten Beginnzeiten der Finale auswirken werden. Bereits um 10.00 Uhr (4.00 MESZ) müssen Phelps und Co. in die Medaillenentscheidung, weil NBC für die exklusiven nordamerikanischen Fernsehrechte für die Olympischen Spiele von 2000 bis 2008 insgesamt 3,55 Milliarden Dollar (2,29 Mrd. Euro) bezahlt hat und nun die Finali zur besten Sendezeit in Amerika übertragen kann. Zahlreiche Verbände und Aktive hatten im Oktober 2006 in einem Offenen Brief an das IOC heftige, aber ergebnislose Kritik daran geübt.

Rekorde bei Vorläufen zu erwarten
Interessanter als bisher werden daher wohl die Vorlauf-Sessions. Zur sonstigen Finalzeit werden die Aktiven im Vollbesitz ihrer Fähigkeiten sein und schon da so manche Glanzzeit ins Wasser setzen. Ob es dann schon zu Weltrekorden reicht, bleibt abzuwarten. Auf alle Fälle sollte man auf die Semifinali achten. Denn wenn es um den Einzug unter die Top Acht geht, heißt es Gas geben. Und dann stehen die Medaillen zu guter Letzt doch noch im Mittelpunkt.
(apa/red)