"Ich bin nicht so weit weg": Wolfgang Loitzl
wieder gefährlicher Tournee-Außenseiter

Der Titelverteidiger hat Selbstbewusstsein gefunden Loitzl: "Ich fahre fast ein wenig stolz zur Tournee"

"Ich bin nicht so weit weg": Wolfgang Loitzl
wieder gefährlicher Tournee-Außenseiter © Bild: Reuters/Bader

Für Wolfgang Loitzl hat sich sein ganz persönliches Weihnachtsmärchen vor knapp einem Jahr etwas verspätet am Dreikönigstag in Bischofshofen abgespielt. Mit fast 29 feierte der Skispringer nicht nur endlich seinen ersten Weltcupsieg, sondern er gewann auch sensationell die Vierschanzen-Tournee. Im Gespräch mit der APA erinnert sich der sympathische Steirer und Vater zweier Buben an diese Zeit, schildert ob oder was sich geändert hat in seinem Leben, seine Erwartungen und ob man Weihnachten so kurz vor der Tournee überhaupt genießen kann.

Frage: Sie haben vor einem Jahr als Außenseiter die Tournee gewonnen, jetzt fahren Sie als Titelverteidiger nach Oberstdorf. Wie sehr hat sich denn Ihr Leben seit diesem Erfolg verändert?

Wolfgang Loitzl: "Das Leben hat sich für mich eigentlich gar nicht verändert. Das einzige, was sich verändert hat, ist das Bewusstsein, dass ich große Erfolge gehabt habe und ich einfach ein kompletterer Sportler geworden bin. Die andere Ausgangsposition für die jetzige Saison durch das Wissen, dass ich einer der besten Springer sein kann. Das habe ich davor nie so bewusst empfunden."

Frage: Sie waren vergangenes Jahr bei der Tournee im wahrsten Wortsinn der lachende Dritte, Sie haben die Tournee als Weltcup-Dritter in Angriff genommen. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, dass Sie diesen Titel erfolgreich verteidigen?

Loitzl: "Die Chancen leben. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich ganz gut vorbereitet. Was mir im Vergleich zum Vorjahr fehlt, ist, dass ich damals die wirklichen Erfolgserlebnisse noch kurz davor gehabt habe. Ich bin zwar ganz gut beinander, aber nicht ganz auf dem Niveau wie letztes Jahr."

Frage: Sie haben sich aber Ihren überhaupt ersten Weltcupsieg in der Vorsaison ja auch für die Tournee aufgehoben.

Loitzl: "Wenn ich so ähnlich wie letztes Jahr immer dann zulegen kann, wenn es drauf ankommt, dann habe ich eigentlich ganz gute Aussichten. Ich bin auch nicht so weit weg, wie es dann ab und zu auf dem Papier steht. Ich bin ganz guter Dinge. Die zwei (Schlierenzauer und Ammann, Anm.) sind die gleichen Favoriten. Ich war nicht übermäßig besser, sondern ich habe dann einfach zugelegt und sie haben verloren, weil sie wahrscheinlich überrascht waren, dass da einer gekommen ist, der ihnen das ganze ein bisserl versalzt."

Frage: Gehen Sie mit einem anderen Erwartungsgefühl in die Tournee - als Titelverteidiger und auch Sportler des Jahres?

Loitzl: "Es ist natürlich eine ganze andere Situation, als Titelverteidiger nach Oberstdorf zu fahren. Man steht in einem ganz anderen Fokus als in den Jahren davor. Ich fahre fast ein wenig stolz zur Tournee, weil man halt einen anderen Status hat als zuvor. Natürlich ist die Erwartungshaltung etwas höher. Für mich nicht, weil ich nicht sage, ich habe etwas zu verteidigen. Ich kann ganz locker drauflosspringen, weil die Tournee habe ich schon gewonnen. Gewinnen müssen sie der Schlieri oder der Simi. Leute wie Romören, Morgi oder ich oder der Kofi, wir können gewinnen. Das ist für uns Vorteil und für die zwei ein kleiner Nachteil."

Frage: Welche Rolle trauen Sie dem fünffachen Tournee-Champion und Rückkehrer Janne Ahonen zu?

Loitzl: "Ich habe ihn auf jeden Fall auf der Rechnung. Wenn ich fünf Tournee-Favoriten hernehme, dann ist er eigentlich dabei. Nicht, weil er so gut springt zur Zeit, da hat er noch nicht die Form."

Frage: Sondern, weil man sich an Orten großer Triumphe vielleicht den letzten Kick holen kann? Das könnte ja auch auf Sie zutreffen.

Loitzl: "Ich bin mir sicher, dass es das gibt. Es wird beim Ahonen so sein, dass er auf der Tournee vielleicht noch mal zulegen kann und ich glaube, dass es bei mir auch zutreffen wird, wenn ich in Oberstdorf draußen stehe. Man kommt in eine andere Stimmung, wo es mehr zu mobilisieren gibt."

Frage: Wie kann man für Weihnachten abschalten, wenn man weiß, alle wollen etwas und es steht gleich nach Weihnachten der erste Saisonhöhepunkt auf dem Programm?

Loitzl: "Es geht eigentlich. Ich habe es immer so erlebt, dass man sich über die Tage schon ganz gut zu Hause entspannen kann. Ich versuche natürlich, am 24./25. das Weihnachtliche mit der Familie möglichst positiv auf mich wirken zu lassen. Es ist für mich nur auf die Kinder ausgerichtet. Man sieht die Freude und die Aufregung der Kinder. Die Feiertage sind sehr kurz, aber eine sehr schöne Zeit."

Frage: Ihr Cheftrainer Alex Pointner hat gemeint, was für die Kinder Weihnachten ist, ist für ihn und die Springer die Tournee. Sehen Sie das auch so?

Loitzl: "Ja, würde ich sagen. So wie ich es letztes Jahr erlebt habe, mit erfolgreicheren Zeiten als in den Jahren zuvor, war ganz klar die Tournee das Allerschönste. Ich bin speziell nach dem Engelberg-Wochenende damals zur Tournee gefahren und habe gewusst, ich springe gut, ich kann vielleicht überraschen. Natürlich habe ich nie so mit der Gesamtwertung spekuliert. Bei der Tournee schauen viel mehr Leute zu, man ist mehr im Rampenlicht, wenn man gut ist. Das habe ich bei keinem anderen Springen im Winter, auch nicht bei der WM, so miterlebt."

(apa/red)