"Ich fürchte um mein Leben": NEWS über den Fall des kroatischen Waffeneinkäufers

Vladimir Zagorec spielt das Spiel seines Lebens Beteiligt: Österreichs Justizministerin Berger

Kroatiens mächtigster Ex-Waffeneinkäufer wehrt sich gegen seine Abschiebung aus Österreich. Vladimir Zagorec, einst höchstdekorierter Offizier der kroatischen Armee und deren Waffeneinkäufer während des Kroatien-Krieges, spielt derzeit das Spiel seines Lebens. Unfreiwillig. Polit-Schach auf Kroatisch könnte man das nennen.

Der Einsatz: unter Umständen Zagorec' Leben. Jedenfalls aber seine Freiheit.

Der Gegner: Kroatiens Staatspräsident Stipe Mesic, unterstützt von dessen Sicherheitsberater Sasa Perkovic und von Hrvoje Petrac, dem verurteilten Entführer von Zagorec' Sohn.

Die - ebenfalls unfreiwilligen - Mitspieler: Österreichs Justiz, Justizministerin Maria Berger, die letztlich zu entscheiden hat, und zahlreiche Waffenkonzerne und Staaten (einschließlich Österreich), die Kroatien während des Krieges trotz UN-Embargos mit Waffen beliefert haben.

Sizilianische Eröffnung
Die Balkan-Variante dieses Macht-, Geld- und Waffenpokers beginnt in den frühen 90er-Jahren. Zagorec ist enger Vertrauter von Kroatiens damaligem Staatschef Franjo Tudjman, wird wichtigster Logistiker bei der Waffenbeschaffung für den kroatischen Unabhängigkeitskrieg. Stipe Mesic, neben Tudjman Mitbegründer der konservativen HDZ, sägt am Sessel Tudjmans - Zagorec deckt Mesic beim Boss auf, Mesic muss die HDZ verlassen.

Nachdem Übervater Tudjman stirbt, ergeht sich die HDZ in Flügelkämpfen, Mesic feiert sein überraschendes Comeback und wird 2000 Staatspräsident.

Gekonnt beginnt Mesic die einstige Allmacht der HDZ zu unterlaufen, spielt eine Fraktion gegen die andere aus.Zagorec wendet der Politik den Rücken zu, wandert nach Österreich aus. Doch die Vergangenheit holt ihn ein.

Am 23. Februar 2004 wird Zagorec' Sohn Tomislav entführt. Zagorec zahlt 750.000 Euro Lösegeld, sein Sohn kommt frei. Als einer der Täter wird später in Athen Hrvoje Petrac verhaftet. Somit jener Mann, demZagorec vorwirft, die ersten beiden Wahlkämpfe seines Intimfeindes Mesic mitfinanziert zu haben. Petrac wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. Doch: Er sagt aus, dass Zagorec einen Koffer voller Edelsteine, die als Anzahlung für Waffensysteme gedacht waren, unterschlagen habe. Vier Zeugen, die Zagorec entlasten, landen in U-Haft. Was stehen bleibt, ist die Aussage des verurteilten Kindesentführers. Und das Faktum, dass die kroatische Staatsanwaltschaft die Auslieferung vonZagorec verlangt.

Das Video
Am 25. Mai 2007 kommt schließlich Sasa Perkovic, Berater für die Nationale Sicherheit von Präsident Mesic, nach Wien. Er führt Geheimverhandlungen mit Zagorec. Doch eine versteckte Kamera läuft mit.

Das Video zeigt, wie Perkovic, der das Gespräch mit den Worten "Der Präsident lässt grüßen" beginnt, einen Deal verhandeln will, der die Unabhängigkeit der kroatischen Justiz massiv infrage stellt. Auf Zagorec' Vorwurf, dass er schon in der ersten Nacht nach seiner Auslieferung in Kroatien umgebracht werden soll, sagt Perkovic: "Natürlich." Um gleich darauf die mögliche Einstellung des kroatischen Verfahrens anzubieten. Und zwar für den Fall, dass Zagorec brisante Akten über Politgegner aushändigt. Das Video landet prompt bei Österreichs Justiz. Doch erst im Frühjahr 2008 wird ein Vorverfahren wegen des Verdachts der Nötigung gegen Perkovic eingeleitet.

Kampf gegen die Auslieferung
Zagorec bekämpft indessen seine Auslieferung nach Kroatien. Doch Österreichs Justiz prüft nicht, ob die Vorwürfe zu Recht bestehen. Die Entscheidung: Er soll ausgeliefert werden. Am 23. April 2008 lehnt das Landesgericht Wien einen Wiederaufnahmeantrag ab. Zwei Tage später gibt Staatsanwalt Peter Seda dem LG Wien eine "Erklärung" ab. Darin schreibt er, dass er erfahren habe, "dass es in Kroatien Probleme geben soll, der betroffenen Person die angelastete Tat zu beweisen".

Das klingt gut für Zagorec - ist es aber nicht. Der Mann, der auch aus Österreich Waffen für den Krieg beschafft hat, kann jetzt jederzeit abgeschoben werden. Involvierten Politikern und Geschäftsleuten wird ein Stein vom Herzen fallen.

Kroatiens EU-Ambitionen
Und noch ein Problem wäre aus dem Weg geräumt. Österreich forciert Kroatiens EU-Beitritt. Eines der größten Probleme dabei: Kroatiens schlecht funktionierende Justiz. Eine Nicht-Auslieferung würde das nur bestätigen.

Doch auch Zagorec hat noch einen Zug, um ein Patt zu erreichen: Er hat seinen Anwälten jene Dokumente übergeben, die belegen, welches Land und welche Firma für wie viel Geld welche Waffen an das kriegsführende Kroatien geliefert hat. Und der Bruch dieses UN-Embargos verjährt nicht. Sollte jemand damit Probleme haben, "möge er sich an Präsident Mesic" wenden, soZagorec: "Ich schrecke nicht davor zurück, diese Dokumente der UNO zu geben."

Kroatien: Aufregung um NEWS-Enthüllung

Jenes von NEWS veröffentlichte Video, das den Nationalen Sicherheitsberater Kroatiens, Sasa Perkovic, dabei zeigt, wie er Zagorec im Namen von Präsident Mesic anbietet, das Verfahren der kroatischen Justiz einzustellen, wenn Zagorec Dossiers über politische Gegner von Mesic aushändigt, sorgt in Kroatien für Schlagzeilen.

Mehr dazu lesen Sie im NEWS Nr. 20/08.