"Ich wollte immer nur die Intensität": Schüttbilder-Provokateur Nitsch wird 70

Hitzige Debatten gipfelten schließlich im Staatspreis Über sich: Der Name Nitsch war ja fast eine Schande

"Ich wollte immer nur die Intensität": Schüttbilder-Provokateur Nitsch wird 70 © Bild: APA/Hochmuth

Viele Gedenk- und Jahrestage sind 2008 ins Land gezogen. Auch für Hermann Nitsch, der 70 Jahre alt geworden ist: 1938 geboren, 1988 seine Frau Rita geheiratet, 1998 sein 6-Tages-Spiel aufgeführt. Und heuer die Eröffnung seines neuen Museums in Neapel. Warum er das Gedenken an 1968 nicht feiert und warum seine Kunst nie von Jahreszahlen abhängig war, erzählt er zwischen noch nicht aufgehängten Schüttbildern, Apothekeninventar für sein Geruchs- und Geschmackslabor und mit Blick auf den Vesuv hinter der neapolitanischen Altstadt.

Noch vor zehn Jahren galten Sie in den hitzigen Debatten um das 6-Tage-Spiel als Inbegriff des anstößigen Provokateurs. Jetzt haben Sie den Staatspreis, zahlreiche Gastprofessuren und zwei eigene Museen. Was ist passiert?
Hermann Nitsch: Ich habe meine Arbeit einfach konsequent durchgezogen. Meine Kunst hat sich nicht verändert und auch das Publikum nicht. Ich habe einfach immer weiter gemacht und man hat sich entweder daran gewöhnt, oder hat irgendwann akzeptieren müssen, dass ich eben doch kein Blasphemiker und kein Tierquäler bin. Aber wer weiß, was sie sich jetzt wieder einfallen lassen würden. Ich wäre wirklich froh, wenn sich das ein für alle Mal geändert hätte - dann könnte ich ungestört meine Arbeit machen.

Es ist Ihnen also nie um die Provokation gegangen...
Nitsch: Nein, nie. Ich wollte die Intensität, und davon habe ich mich nicht abbringen lassen. Natürlich hat man durch den Widerstand gemerkt, dass da eine Kraft drinnen steckt. Insofern war es schon auch eine Bestätigung, dass es solche Reaktionen hervorruft. Aber mein Werk hat diesen Widerstand nie gebraucht, nie eine Kritik nötig gehabt. Und vor allem: Ich wollte auch selbst nie kritisieren. Weil es viel mächtiger ist, etwas Positives hinzustellen, als Kritik zu üben.

Dennoch haben Sie sich massiven Anfeindungen gegenüber gesehen. Ist Ihnen da jemals etwas wirklich nahe gegangen, hat sie etwas nachdenklich gemacht?
Nitsch: Für meine Familie war es nicht leicht. Meine Mutter war schon sehr alt, sie hat mich ja erst mit 40 bekommen. Dass sie diese Polemiken gegen mich mitbekommen musste, hat mir sehr leidgetan. Nach Außen ist sie immer zu mir gestanden, aber geschimpft hat sie schon auch mit mir. Auch die Großfamilie hat darunter gelitten. Es war ja fast schon eine Schande, den Namen Nitsch zu haben.

Warum sind Sie immer wieder nach Österreich zurückgekehrt?
Nitsch: Nun, ich war zehn Jahre lang weg, in Deutschland. Aber ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es ganz egal ist, wo man ist. Mit Begriffen wie Heimat oder Staat kann ich nicht viel anfangen, aber sehr wohl mit Lokalpatriotismus. Ich liebe die Landschaft des Weinviertels sehr sehr. Das ist einer der Gründe weshalb ich so gern in Prinzendorf bin. Zu dem Maximum an Patriotismus, das ich aufbringen kann, gehört außerdem, dass Freud, Mahler, Bruckner, Schönberg, Schiele, Klimt und Kokoschka auch Österreicher waren. Das freut einen.

Mir ihrer Arbeit waren Sie auch international sehr erfolgreich, nun eröffnen Sie ein Museum in Neapel und Installationen in Japan. Ist Ihre Kunst so universell gültig, oder ist sie in einem katholischen Umfeld besser aufgehoben?
Nitsch: Da gibt es natürlich einen guten Nährboden. Bei uns in Mistelbach ist dieses heidnische Christentum, bei dem man sehr viele Heilige anbetet, ja ganz stark verbreitet und das ist hier in Neapel auch so. Aber ich betätige mich ja generell als Religionsarchäologe und meine Arbeit hat viel zu tun mit der Psychoanalyse - vor allem in ihrer Erweiterung durch Jungs Archetypenlehre. Das ist universell - deswegen glaube ich, dass meine Kunst zum Beispiel auch für Asiaten verständlich ist.

Hat sich die Zielsetzung Ihrer Arbeit im Laufe der Zeit verändert, oder wollen Sie immer noch dieselbe Vision verwirklichen, die sie sich vor fünfzig Jahren vorgenommen haben?
Nitsch: Mein Kunstwerk strebt immer noch weiter, es ist dasselbe Ziel. Ich will mit meiner Arbeit eine Religiosität und Mystik gegenüber der Schöpfung und dem Sein bewirken. Ich habe eine Version des 6-Tage-Spiels gezeigt und ich möchte noch weitere zeigen. In zwei oder drei Jahren könnte ich es mir wieder vorstellen. In meinem Bayreuth Prinzendorf.

Gerade im Zuge des 68-er Gedenkjahres blickt man auf den Wiener Aktionismus gerne als einheitliches, historisches Phänomen zurück. Inwiefern hat sich Ihre Arbeit davon emanzipiert?
Nitsch: Ich wollte immer mein Theater machen, schon lange vorher. Und es geht ja nicht darum, wer es zuerst gemacht hat oder um Konkurrenz, denn es sind ja wunderbare Sachen dabei entstanden. Aber meine Kunst war kein historisches Phänomen und ganz sicher kein politisches. Wie das in Mode gekommen ist 1968, auch die Aufstände, das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich war ja immer schon ein Anarchist, aber ich war nie ein politischer Mensch. Weil mir die Politik immer zu kurz gegriffen hat. Ich bin der Überzeugung: Es soll zu allen Zeiten die beste Kunst gemacht werden und das heißt, die größte Intensität.

Wenn Sie zurückblicken... was waren ihre eigenen Erlebnisse von der größten Intensität?
Nitsch: Auf der positiven Seite: Die Erlebnisse mit der Natur. Da war ich 18 und zufällig in Prinzdorf und da ist die Natur über mich gekommen wie eine Erleuchtung. Später immer wieder. Dann die Erlebnisse mit der Musik. Bruckners Achte oder Schönbergs Erwartung, das ist schon was. Die Erlebnisse mit der Liebe gehören auch zu dem Bleibendsten. Natürlich auch die Momente, wo man großen Erfolg hat, wie mit dem ersten Museum, in Mistelbach. Das Schlimmste, das an Intensität gleich ist mit diesen Dingen, war der Unfalltod meiner Frau.

Fehler?
Nitsch: Ich habe so viele Fehler gemacht, dass ich keinen herausstreichen könnte. Aber ich denke, worauf es ankommt ist: Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich alles genauso machen - mit den Fehlern.

(apa)