Hundert Jahre Disney

Mit Vermenschlichung von Tieren zum Welterfolg

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Zweimal versuchte ich, während der Jahre, die ich in Los Angeles lebte, Disney-Land zu besuchen. Beide Male scheiterte ich. Musste die beiden aufgeregten Kinder am Rücksitz mit Versprechungen beruhigen, verzweifelt in der Autoschlange wartend, während Dutzende an mir vorbeifuhren, weil sie den richtigen Parkplatz gebucht hatten. Ich beschloss umzukehren.

Der Parkwächter, der die Autos in verschiedenen Gruppen einteilte, von VIP- Plätzen direkt beim Eingang bis zu den allerletzten weit, weit hinten, erklärte mir beim ersten Versuch, ich hätte bereits vorher Parkplatz und Eintritt buchen sollen. Als ich mich bedankte, versprach, mich zu bessern, gab er mir noch einen Tipp: Ich sollte ein Frühstück reservieren in einem der Restaurants im Park, in dieser transformierten Gigantomanie eines Wiener Wurschtelpraters. Dann würde ich beim Eingang nicht warten müssen. Geld verschafft Zutritt und Abkürzungen bei 50.000 Besuchern pro Tag. Kostet ein normales Tages-Ticket bereits etwa 100 US-Dollar, für Kinder 50, kann der Preis mit Überwindung der Warteschlangen leicht auf 500 US-Dollar ansteigen. Das hält jedoch die Liebhaber von Disney nicht ab, im Gegenteil. Amerikanische Familien sparen oft jahrelang für diesen einmalige Ausflug. Amerikaner lieben ihre Micky Mouse.

Pyjama

Der Bub im Nachbarhaus, bester Freund meines Sohnes damals, schlief in einem sie einem entgegen. Nur die Hausschlapfen sahen anders aus. Sie hatten die Form einer Donald Duck Ente. Pyjama mit Micky Mäusen, seine Bettwäsche war voll davon, auf jedem Handtuch, jeder Serviette und jedem T-Shirt lachten sie einem entgegen. Nur die Hausschlapfen sahen anders aus. Sie hatten die Form einer Donald Duck Ente.

Um Disney zu begreifen, helfen ein paar Zahlen. Etwa 80 Millionen -die Bevölkerung von Deutschland - besuchen zumindest einmal pro Jahr einen der zwölf Disney-Parks in USA, Frankreich, Japan oder Hongkong. Fast 500 Filme produzierte Disney bisher.'The Lion King' (2019) brachte einen Gewinn von 1,6 Milliarden Dollar. 'Star Wars: The Force Awakens' mehr als zwei Milliarden. 220.000 Frauen und Männer arbeiten für den Konzern. Zu Disney gehören die Medien-Unternehmen ABC, Marvel, Lucasfilm, A&E, The History Channel, Lifetime, Pixar, Hollywood Record, 21st Century Fox, National Geographic, Vice Media und Core Publishing. Disney ist die Nummer 10 der weltweit wertvollsten Unternehmen und 95 Prozent aller Kinder kennen die Micky Mouse.

Zeitungsverkäufer

Walt Disney, der Gründer des Unternehmens, repräsentiert den 'American Dream'. Vom Zeitungsverkäufer, der um drei Uhr morgens aufstand, um noch vor Schulbeginn Zeitungen auszutragen, bis zu einer der weltweit reichsten und berühmtesten Persönlichkeiten. 1901 in Chicago geboren, übersiedelte er mit Eltern und Geschwistern nach Missouri, wo sein Vater eine kleine Farm kaufte. Mit 14 Jahren begann er, Tiere auf dem Bauernhof zu zeichnen. Zurück in Chicago nach dem Scheitern seines Vaters mit der Landwirtschaft besuchte er mit 15 bereits die Kunstakademie in Chicago. Er meldete sich zum Militär, wurde wegen seines Alters abgelehnt, fälschte seinen Ausweis und verbrachte die letzten Monate des 1. Weltkriegs als Sanitäter in Frankreich.

1919 lernte er den gleichaltrigen Zeichner Ub Iwerks kennen. Heute vergessen, war Iwerks der kreative Kopf des Disney-Erfolgs. Er gilt als Schöpfer der berühmtesten Figur der Disney-Studios, der Micky Mouse, produzierte den ersten Micky-Mouse-Trickfilm und zeichnete den gesamten Film alleine - etwa 700 Zeichnungen pro Tag. Walt Disney gründete gemeinsam mit seinem Bruder Roy und Iwerks die erste Zeichentrick-Filmgesellschaft, scheiterte aus finanziellen Gründen und ging nach Hollywood.

Oscars

Dort schuf Walt Disney das Konzept der Vermenschlichung von Tiergestalten. Er war überzeugt, dass die anfänglichen Projekte keinen Erfolg hatten, weil sich die Zuseher - vor allem Kinder -mit real gezeichneten Tieren nicht identifizieren konnten, sich selbst und andere in ihnen nicht erkannten. Seine neue Idee, dass Tiere in Zeichentrickfilmen wie Menschen sprechen und lachen, denken und handeln, sie unterschiedliche menschliche Charaktere haben und dennoch als Tiere auftreten sollten, war so neu und für damalige Zeiten so absurd, dass die meisten Investoren zurückschreckten. Sie fanden dennoch einen Geldgeber, der das Risiko einging. Die erste Produktion entstand: 'Oswald der lustige Hase'. Die Brüder Disney hatten allerdings vergessen, den Film durch Copyright zu schützen, und so gingen alle Einnahmen, trotz des großen Erfolgs, verloren.

1923 gründete Walt mit seinem Bruder Roy die 'Disney Company'. 1926 gelang Disney mit der von Iwerks gezeichneten Maus der internationale Durchbruch. Sie hieß zuerst 'Mortimer Mouse', doch Walt Disneys Ehefrau verkürzte es auf Micky Mouse. Schon der erste Film wurde ein Riesenerfolg und Micky Mouse ein Weltstar. Ab 1930 erschien 'Micky' auch als Comicstrips in Zeitungen. Die Produktion von 'Flowers and Trees' brachte Disney den ersten Oscar. Mit 26 Oscars und 37 Oscar-Nominierungen ist Disney bis heute unerreicht. Verliebt in seinen Helden, bestand Walt Disney bis 1947 darauf, persönlich die Stimme von Micky Mouse zu übernehmen.

Die Idee zur Erschaffung eines Gegenstücks zur Micky Mouse kam Disney im Jahr 1937 beim Beobachten von Enten. Das laute und aufbrausende Schnattern erinnerte ihn an eine jähzornige Person. Er steckte sie in einen Matrosen-Anzug und nannte sie 'Donald Duck'.

Welterfolg

Die Verkaufszahlen an den Kinokassen erreichten Rekordsummen. Walt Disney wagte sich an das Experiment, von dem er immer schon träumte: Ein abendfüllender Zeichentrickfilm für Kinder und Erwachsene. Als Vorlage wählte er das Märchen 'Schneewittchen und die sieben Zwerge'. Er überzog das Produktionsbudget um 400 Prozent und engagierte über 300 Mitarbeiter. Der Film wurde ein Welterfolg, bekam 1937 als erster Zeichentrickfilm einen Oscar und steht mit einer Milliarde Einnahmen heute noch an 10. Stelle der erfolgreichsten Filme.

Die Idee für die Disney-Parks kam Walt Disney, als er auf einer Bank sitzend seine Kinder beobachtete, wie sie gelangweilt auf demselben Ringelspiel sich ständig im Kreis drehten. Die Bank, auf der er diesen Plan entwickelte, steht heute im Disney-Opera-House. Das Apartment in Disney-World, das er während des Aufbaus benutzte, behielt er nach der Fertigstellung und verbrachte dort viele Nächte. Er fühle sich am wohlsten in der Disney-World-Umgebung, sagte er in einem Interview.

Eine andere kuriose Geschichte betrifft seine Obsession mit Hotdogs, seiner Lieblingsspeise. Er aß manchmal ein Dutzend an einem Tag. Die Abfallkübel in Disney-Land mussten genau 25 Schritte von den Würstelständen entfernt sein. So lange brauchte er, um einen Hotdog zu essen.

Während des 2. Weltkriegs produzierte Disney Anti-Hitler Propagandafilme. Der Donald Duck Film 'The Fuehrers Face' bekam einen Oscar. In den letzten Jahren wurde Disney-World mit einem neuen Problem konfrontiert. Als 'The Happiest Place on Earth' hinterlassen immer mehr Verstorbene in ihren Testamenten den Wunsch, dass ihre Asche in den Freizeitparks verstreut werde. Disney verbietet das und warnt die Angehörigen -die es dennoch tun -, dass die Asche mit speziellen Staubsaugern entfernt werden würde.

Kettenraucher

Walt Disney, sein Leben lang Kettenraucher, starb 1966 an Lungenkrebs. Sein letztes Projekt, 'Mary Poppins', bekam fünf Oscars. Heute ist Disney der größte Medienkonzern weltweit. Zwischen 2010 und 2023 verdoppelte sich der Umsatz auf mehr als 80 Milliarden US-Dollar und drei Milliarden Gewinn.

Ein weniger bekanntes Projekt von Walt Disney ist die Idee für den Epcot Park. Disney wollte eine Stadt der Zukunft schaffen, eine reale Siedlung, die moderne Errungenschaften, Ideen und Entwicklungen der Verbesserung von Lebensbedingungen vereint. Die 'Community of Tomorrow' blieb eine unvollendete Idee, da Disney wenige Monate später starb. Er nannte sie: "Eine echte Stadt sollte es sein, die immer wieder eine lebendige Blaupause der Zukunft sein würde."