Leben von

Baby mit Fell

Für viele sind Hunde heute Partner, Kinder oder Enkel. Ist das noch normal?

Baby mit Fell © Bild: Stefan Gergely

Hunde sind heute mehr denn je Familienmitglieder. Sie sind Partner, Kinder und Enkel, werden bekocht, beschenkt und getauft, bekommen Hodenimplantate und Kraniosakraltherapien. Ist das noch artgerecht?

Sie wird Pauli heißen. Den Namen ihres gemeinsamen Babys wussten Sylvia und Günther Leinwather schon lange vor der Geburt. Pauli war ein Wunschkind. Der Entschluss, sie zu bekommen, war lange gereift. Früher hatte das Ehepaar gerne weite Reisen gemacht, aber schon seit geraumer Zeit zog es die beiden immer weniger in die Ferne, dafür immer mehr in Österreichs schöne Natur. Wanderurlaube waren angesagt. Sylvia war Anfang 40, Günther um fünf Jahre jünger. Viele Freunde der Leinwathers hatten schon längst Familien gegründet. Der Zeitpunkt war gekommen, um ebenfalls häuslich zu werden.

Es fehlte nur noch Pauli, der Hund.

Sylvia Leinwather begann, alles für den Familienzuwachs vorzubereiten. Sie kaufte ein Bettchen, eine Kuscheldecke und eine Menge Spielzeug. "Monatelang bin ich 'hundeschwanger' herumgelaufen. Ich war überzeugt, das Universum wird uns den Hund, der zu uns gehört, schicken." Und so war es. Eines Tages berichtete eine Bekannte von einem Border- Collie-Wurf auf einem Reiterhof in der Ramsau. Es waren "Kinder der Liebe", entstanden aus einem Urlaubsflirt zwischen einem deutschen Zucht-Collie und einem österreichischen Bauernweibchen - "wie bei Rosamunde Pilcher", sagt Sylvia und lacht. Irgendwie spürten die Leinwathers, dass sie hier ihre Pauli finden würden. "Unglaublich nervös und voller Vorfreude" machten sie sich auf den Weg von Wien in die Dachsteinregion. Die sieben Welpen kuschelten sich in eine Pferdebox, als Sylvia an die Stalltür trat und rief: "Wer von euch ist jetzt unsere Pauli?" Es war eine braunweiß gefleckte Hündin mit Spitz-statt der üblichen Kippohren, die auf sie zulief. Es war die optisch "am wenigsten perfekte". Es war Pauli.

Acht Jahre sind seit diesem Herbsttag in der Ramsau vergangen. Acht Jahre, in denen der Border Collie die Herzen und das gesamte Leben von Sylvia und Günther Leinwather völlig für sich eingenommen hat. "Pauli ist unsere Familie, unser Leben", sagt Sylvia. "Ich habe sie so lieb, dass es wehtut. Oft muss ich weinen, wenn ich daran denke, dass sie schon acht Jahre alt ist." Border Collies haben eine Lebenserwartung von 12 bis 16 Jahren. Es ist ein harmonisches Leben, das die Kleinfamilie in Wien- Döbling führt. "Wir streiten eigentlich nie", sagt sie. Wenn es doch einmal kracht, geht es wie in vielen anderen Familien um die Erziehung des Nachwuchses: "Günther ist grundsätzlich der Strengere und Konsequentere von uns. Ich bin viel zu lieb. Günther sagt dann immer: 'Du singst den Hund ja an, so wird er nicht auf dich hören.'" Die Leinwathers leben das Familienmodell Vater - Mutter - Hund, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut.

Baby mit Fell
© www.sebastianreich.com Die Familie Leinwather lebt harmonisch zu dritt. Ihren Laden haben Sylvia und Günther nach Pauli benannt. Der Border-Collie hat einen Facebook-Account und eine eigene Kolumne.

Hunde waren seit jeher die engsten Begleiter des Menschen. Nahezu alle Kulturen des modernen Menschen in den letzten 30.000 Jahren entwickelten sich im Beisein von Hunden, sagt Kurt Kotrschal, Professor für Verhaltensbiologie an der Uni Wien. Der Mensch sei von Natur aus auf das Zusammenleben mit Hunden programmiert - Menschen ohne Tierbezug seien ein bisschen unvollständig. "Hunde waren immer schon mehr als reine Nutztiere. Sie waren vor allem auch Sozialpartner", sagt Kotrschal. In Zeiten zunehmender Kinderlosigkeit, Altersvereinsamung, prekärer Arbeitsverhältnisse und schwieriger werdender Sozialbeziehungen werde diese Rolle immer wichtiger.

Hierzulande gibt es 1,4 Millionen Single-Haushalte. Mehr als 980.000 Paare leben kinderlos in einem gemeinsamen Haushalt. Und es gibt rund 720.000 Hunde. Vor allem in Städten werden viele von ihnen immer mehr zum Kind-und Partnerersatz.

»65 Prozent der Tierbesitzer in Österreich sehen ihren vierbeinigen Gefährten als vollwertiges Familienmitglied.«

In Deutschland hat das Phänomen der Dinks (double income, no kids) mit Hund statt Kind in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erlebt. Diese Tiere sind in jeder Hinsicht Kindersatz. Sie werden geliebt, gefördert und verwöhnt, machen Unterwassergymnastik, besuchen Turnstunden, Physiotherapeuten, Osteopathen, Bachblütentherapeuten, Ernährungsberater und Hundepsychologen. Und natürlich müssen sie auch umsorgt werden, wenn Herrchen und Frauchen - oder Mama und Papa, wie sich diese Hundehalter oft nennen - ihrer Arbeit nachgehen. In fast jeder größeren Stadt gibt es daher sogenannte Hutas (Hundetagesstätten), in denen der vierbeinige Gefährte, ähnlich wie in einem Kindergarten, regelmäßig tagsüber betreut und artgerecht bespaßt wird. Zwischen 300 und 600 Euro lassen sich das die vernarrten Hundeeltern kosten. In Österreich ist dieses Phänomen noch nicht so weit verbreitet, es hält aber auch hier Einzug.

Dogs what else?!

In Guntramsdorf südlich von Wien betreibt Daniela Eva Rauch ihre Hundetagesstätte "Dogs what else?!". Bis zu 20 Hunde verbringen hier den Tag. Die meisten kommen von Montag bis Freitag, manche ein bis drei Tage in der Woche, einige auch nur zum Spielen. Es ist meist die gleiche Gruppe. "Das ist mir wichtig, weil die Hunde einander kennen sollen. Das Rudel soll konfliktfrei sein und Geborgenheit bieten, wie in einer Großfamilie", sagt Rauch.

Geöffnet ist an Wochentagen von 7 bis 19 Uhr. Die Tagesstätte befindet sich in einem adaptierten Bürogebäude. Auf 200 Quadratmetern sind Räume mit Sofas und Körbchen hundegerecht eingerichtet. Es gibt einen Garten zum Spielen, zu Mittag gehen die Betreuer mit den Hunden in kleinen Gruppen spazieren. Der Bedarf an solchen Betreuungseinrichtungen für die vierbeinigen Familienmitglieder sei groß, sagt Rauch. Sie selbst müsse immer wieder Interessenten abweisen, weil sie schlicht und einfach ausgebucht sei. Eine Tagesbetreuung bei "Dogs what else?!" kostet zwischen 16 und 30 Euro.

»850 Millionen Euro geben Tierbesitzer in Österreich jährlich für Heimtierbedarf wie Futter oder Zubehör aus.«

Etwas kostengünstiger als Hundekrippen sind professionelle Dogwalker, die den vierbeinigen Liebling täglich von zu Hause zum mehrstündigen Rudel-Spaziergang ins Grüne abholen. Rebecca Künkele hat in diesem Beruf ihre Erfüllung gefunden. Ihren hochbezahlten 60-Stunden-Job als Microsoft-Lizenzberaterin hängte sie im Alter von 37 Jahren an den Nagel, um sich ausschließlich den Vierbeinern zu widmen. Ein entscheidender Grund, Stöckelschuhe gegen Gummistiefel zu tauschen, war Ella, Rebeccas zweijährige französische Bulldogge. Sie ist "mein Baby mit Fell", sagt die Deutsche. Leibliche Kinder wollte sie nie haben, Liebe und Fürsorge hatte sie aber trotzdem zu verschenken. Und so holte sie die Dogge zu sich. "Ella bekommt von mir das Höchstmaß an Liebe, das ich mir vorstellen kann. Es wird wohl ähnlich sein wie bei Müttern und ihren Kindern", sagt Rebecca. Die Sorge um Ella ist ihr ständiger Begleiter. Wenn die Hündin krank ist, rast Rebecca "hysterisch", wie sie selbstironisch erzählt, in die Tierklinik, in Panik, das Tier könnte etwas Ernstes haben. Einen Urlaub ohne ihren kleinen Liebling könnte sie sich nicht vorstellen. Einmal habe sie es versucht, aber schon bei der Anreise zum Urlaubsort war der Trennungsschmerz so groß, dass sie wieder umkehren musste. Und so entschloss sich Rebecca, auch ihren Beruf um Ella herumzubasteln und Hundetrainerin und Dogwalkerin zu werden. "Die beste Entscheidung meines Lebens."

Herrl und Untergebener? Überholt!

Dringen Hunde hier in emotionale und soziale Bereiche vor, die eigentlich dem Menschen vorbehalten sein sollten? Nein, findet Kotrschal, der die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle leitet und ein Wolfsforschungszentrum gegründet hat. Er sieht keinen Unterschied in der Wertigkeit und Würdigkeit von Mensch und Hund. Die Beziehung der beiden basiere auf Partnerschaft und Kooperation. Die Ansicht, es handle sich um ein über- und ein untergeordnetes Wesen - Herr und Untergebener - sei in der Tierhaltung ebenso überholt wie in der Kindererziehung. Auch in der Hundeausbildung gehe der Trend immer mehr in Richtung gewaltfreie Erziehung. Dass Menschen ihre Hunde also wie Partner oder Kinder lieben, findet der Tierforscher nur allzu natürlich. "Wenn ich einen Sozialpartner habe, dann ist es logisch, dass ich ihn so gut behandle, wie es mir möglich ist, und ihn nach meinen Möglichkeiten ausstatte und fördere."

Wenn es also aus Hundesicht in Ordnung ist, eine tragende Säule einer Kleinfamilie zu sein-wie steht es um die Hundeeltern? Wer seinen felligen Nachwuchs bekocht, ihm zum Geburtstag die liebevoll verzierte und gesunde Rindertorte aus der Hundepatisserie "Backhund" in Wien-Alsergrund vorsetzt, ihn in das Hundekörbchen um 500 Euro bettet und zu seinem Wohlbefinden die Kraniosakraltherapie aufsucht, erntet vom tierlosen Teil der Gesellschaft bestenfalls ein mildes Lächeln. Dabei sei auch aus psychologischer Sicht nichts gegen eine innige, liebevolle Bindung zwischen Mensch und Tier einzuwenden, sagt der Wiener Psychologe Alfred Lackner. Dass Hunde zum Dreh-und Angelpunkt im Leben ihrer Herrchen und Frauchen werden, geschehe oft auch nicht bewusst, meint er. "Kaum jemand sagt: 'Ich hole mir jetzt einen Hund als Partnerersatz', diese Beziehung entwickelt sich von selbst."

»14 Prozent der Haustierbesitzer kaufen regelmäßig rein biologische Nahrungsmittel für ihren vierbeinigen Freund.«

Wie unter Menschen gibt es aber auch dem Tier gegenüber ein Zuviel an Liebe. Das sei dann der Fall, wenn andere Beziehungen vernachlässigt würden, sagt Lackner. "Es ist in Ordnung, den Hund aus Rücksichtnahme auf sein Alter nicht zu Familienfeiern mit vielen Kindern mitzunehmen. Dem Hund zuliebe Familienfeiern überhaupt nicht mehr zu besuchen, wäre dagegen bedenklich. Aber in einer Partnerschaft ist es auch nicht gesund, sich nur auf einen einzigen Menschen zu fokussieren."

Wie Eltern von Kindern laufen auch Hundeeltern Gefahr, die Fähigkeiten ihrer Schützlinge zu überhöhen und ihren Nachwuchs auf einen Sockel zu stellen. Laut Kotrschal ist das bei Hunden sogar ausgeprägter als bei Kindern, da Hunde sehr oft als Teil des eigenen Ichs betrachtet werden. "Kinder erzieht man zur Selbständigkeit, Hunde hat man mitunter, weil sie so schön abhängig sind", zitiert Kotrschal aus einem kürzlich geführten Gespräch mit einer alten Dame. Und so wird eine abfällige Äußerung über den Vierbeiner des Freundes nicht selten mit Kontaktabbruch geahndet.

Was braucht das Tier?

Problematisch wird es auch, wenn Menschen beginnen, ihre Bedürfnisse auf das Tier zu projizieren. "Wenn ein Hund zu sehr vermenschlicht wird und keinen Freiraum mehr bekommt, dann ist das nicht mehr artgerecht", sagt Lackner. Und Verhaltensbiologe Kotrschal betont: "Nicht alles, was für den Menschen gut ist, ist auch für den Hund gut. Natürlich gibt es auch sozialen Missbrauch. Der Umgang mit dem Tier sollte durch Empathie bestimmt sein. Das bedeutet, zu erkennen, was der andere braucht und will, und darauf zu reagieren. Das wiederum setzt ein gewisses Maß an Wissen über den Hund voraus."

Wo hört das Bedürfnis des Hundes auf und wo beginnt das eigene? Diese Grenze zu ziehen ist - wie auch bei kleinen Kindern - nicht immer leicht. Die Leinwathers haben ihr Leben auf das ihres Hundes abgestimmt und umgekehrt. Jeden Morgen um vier Uhr - Pauli ist Frühaufsteherin und die Leinwathers auch - machen sie sich bei Wind und Wetter auf zum zweistündigen Spaziergang durch den Wienerwald. "Das ist unsere 'quality time' im Familienverbund", sagt Sylvia. Pauli ist immer mit von der Partie. Mehr als vier Stunden würde das Paar seinen vierbeinigen Liebling nicht alleine lassen. Daher haben die beiden auch ihr Berufsleben auf die Hündin abgestimmt. Seit sieben Jahren betreiben die Leinwathers in Wien-Döbling einen Laden, der - wie sollte es anders sein - Paulis Namen trägt. "Paulis Hundeausstatter" ist für Hunde, was die Wiener Boutique "Herr und Frau Klein" für Kleinkinder ist. In wunderschön dekoriertem Ambiente gibt es hier Schönes, Schickes, Buntes, Hochqualitatives, Handgemachtes - aber nichts Protziges. "Wir sind nicht bling-bling", stellt Günther klar. Neben diversen karierten, getupften oder gestreiften Halsbändern und Leinen - die limitierte Sommerkollektion trägt den Namen "Houseboat"- oder schick-bequemen Hundebettchen, die sich auch ohne Hund in jedem Wohnzimmer gut machen würden, kann man bei "Paulis" entzückend gestaltete Hunde-Cake-Pop-Lollies und Pralinen erwerben -bio, glutenfrei und gesund, versteht sich. Es gibt aber auch frisch zubereitetes Hundefutter der Marke "Frauli kocht" aus dem Kühlregal. Ganz billig ist das alles freilich nicht, aber mit gesundem Futter spart man sich viele Tierarztkosten, ist Günther überzeugt. Und hochwertige und hübsche Accessoires kaufen Hundehalter, ähnlich wie Eltern kleiner Kinder, ohnehin eher für sich selbst. Pauli selbst ist die Miley Cyrus unter ihren Artgenossen. Sie schmeißt Partys, hat einen Facebook-Fanclub und eine eigene, von Sylvia verfasste Kolumne in der ORF-Nachlese. Viele hundehaltende Wien-Touristen haben das "Paulis" mittlerweile als Programmpunkt auf ihrer Sightseeingtour eingeplant.

»29 Prozent machen ihrem Haustier zu besonderen Anlässen wie zu seinem Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk.«

Alle sechs Wochen geben die Leinwathers für ihre Kundschaft Hundefeiern. Zuletzt war es die Gelati-Party, bei der die Vierbeiner nach Herzenslust Bioeis - Geschmacksrichtung Geflügelleber oder Banane- Apfel - schlabbern konnten. Im August organisieren Sylvia und Günther eine Art Hundetaufe im kleineren Kreis. Dabei werden Pauli und ihre Artgenossen von einer Reiki-Meisterin gesegnet. Zum Andenken gibt es eigens entworfene Halsbänder mit einer Blume des Lebens für Hund und Mensch. Auch wenn das Fest schon restlos ausgebucht ist, kann sich Sylvia vor Anfragen kaum retten.

Das "Paulis" ist auch Fixpunkt in der Wiener Bobo-Hundeszene. So wie diverse Mütterrunden über Pekip-,Baby-Yoga-oder Zwergerlmusik-Kurse zusammenfinden, formieren sich bei den Feiern im "Paulis" Hundeund Elternfreundschaften.

Nur noch im Doppelpack

Eine der Jüngsten in diesem Kreis ist Emma, ein neun Monate altes Cockerspaniel- Mädchen. Ihr Frauchen, Julia Riegler, ist Alleinerzieherin, sie lebt mit der Hündin in ihrer Wohnung in Wien-Meidling. Seit Emma in das Leben der 27-Jährigen kam, regiert sie die Welt der freien Journalistin. Ihre Freizeit richtet Julia so aus, dass sie auch für Emma lustig ist. In Lokale und zu Freunden nimmt Julia die Hündin mit, an Orten, an denen Hunde nicht willkommen sind, fühlt auch sie sich nicht mehr wohl. Ein Urlaub ohne Emma käme nicht infrage. Zum ersten Geburtstag wird die Journalistin dem Hundekind ein Fotobuch mit den schönsten gemeinsamen Momenten schenken. Julia und Emma gibt es nur noch im Doppelpack. Wer in Zukunft Julias Herz erobern will, der muss auch Emma lieben, so viel ist klar.

Die Grande Dame der Vierbeinerrunden, die "Paulis Hundeausstatter" aufgrund ihres Alters aber nur noch selten aufsucht, ist Minni. Sie ist eine 13-jährige Golden- Retriever-Hündin aus der Wiener Innenstadt und "eine typische Erste-Bezirk-Tussi. Wenn sie auf einer Wiese ohne Autos stünde, wüsste sie vermutlich gar nicht, wo sie ihr Geschäft verrichten sollte", lacht ihr Frauli, die Maßschneiderin Karin Agh, die am Franziskanerplatz das "Stoffwerk" betreibt. Minni und Karin leben mit dem Dirigenten David Holzinger in einer Patchworkfamilie. "David hat uns vor fünf Jahren adoptiert", sagt Karin und David bestätigt: "Es war Liebe auf den ersten Blick." Zu beiden. Auch Minni gibt im Leben des Paares den Ton an. Ähnlich wie Pauli bleibt sie nur selten allein. Und wenn Karin ihrem Partner doch hin und wieder zu internationalen Konzerten nachreist, wird eigens die Cousine aus Deutschland als Babysitterin eingeflogen - schließlich bleibt die betagte Dame nicht bei jedem. Regelmäßig geht Minni zur Osteopathie, zur Kraniosakralund zur Unterwassertherapie, Dinge, die ihr den oft schon beschwerlichen Alltag erleichtern sollen.

Baby mit Fell
© Julia Stix Patchworkfamilienidyll aus der Wiener Innenstadt. Nobelschneiderin Karin Agh und Dirigent David Holzinger gehen mit Minni regelmäßig zur Unterwassertherapie.

Die Veterinärmedizin ist heute auf einem vergleichbar hohen Standard wie die Humanmedizin, sagt die Tierärztin Tanja Sander, die in Wiener Neustadt eine große Tierklinik betreibt. Heutzutage erhalten auch Hunde Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke, Zahnspangen und Linsenimplantate oder kommen an die Dialyse. In Sanders Tierarztpraxis können Hunde und Katzen ihren Artgenossen Blut spenden. Kosmetische Eingriffe lehnt die Veterinärmedizinerin ab - mit Ausnahme von Hodenimplantaten. Die werden den Tieren im Zuge der Kastration verpasst, es ist also keine weitere Narkose vonnöten. Vor allem den Herrchen von Kurzhaarhunden bereitet der augenscheinliche Männlichkeitsverlust ihrer Rüden Probleme. Die Lösung sind maßgeschneiderte Silikonimplantate namens Neuticles, die mit dem Slogan beworben werden: "It's like nothing ever changed."

Grundsätzlich sind veterinärmedizinische Eingriffe sinnvoll und gut, "solange die Lebensqualität des Tieres gesteigert und Schmerz und Leid vermindert werden", sagt Sander. Schluss ist für sie dann, wenn das Tier nur noch leidet und nicht verstehen kann, warum. Etwa bei der Chemotherapie. Viele Tierhalter wollen und können ihren vierbeinigen Liebling nicht gehen lassen und bestehen auch in den aussichtslosesten Fällen auf lebensverlängernden Maßnahmen. "Das geht für mich einfach zu weit. Da muss Schluss sein", sagt die Tierärztin.

Der schwerste Schritt

Was dann kommt, ist der Moment, vor dem sich jedes Frauli und jedes Herrli fürchtet. Wenn Tanja Sander sagt: "Wir können ihrem Hund nicht mehr helfen. Ich rate ihnen, ihn gehen zu lassen, bevor er leiden muss." Auch wenn die meisten einsehen, dass sie im Sinne des Tieres handeln, ist es wohl der schwerste Schritt in der Beziehung zwischen Mensch und Hund, die Einwilligung zum Einschläfern zu geben.

Für viele endet die Liebe zum Tier nicht einfach mit dem Tod. Immer mehr Menschen wünschen sich, später einmal ihr Grab mit ihrem Haustier zu teilen, erzählt Hermann Hahner, Leiter des ersten Wiener Tierfriedhofs in Wien-Simmering. In Deutschland haben unlängst zwei entsprechende Urnenfriedhöfe eröffnet. "Bei uns ist das nicht möglich", sagt Hahner. "Manche Menschen kommen aber jeden Tag an das Grab ihres verstorbenen Tieres", erzählt der Friedhofsleiter und berichtet von einem Herrn, der die letzte Ruhestätte seines Hundes seit eineinhalb Jahren mehrere Stunden täglich aufsucht. Viele Gräber sind liebevoll mit Blumen und Bildern geschmückt. Auf Gedenktafeln stehen Worte wie "Ewig im Herzen", "Danke für Deine Liebe" und "Jeder Tag mit Dir war ein Geschenk".

Die Trauer um einen Vierbeiner kann mitunter genauso heftig ausfallen wie die um einen geliebten Menschen. Zahlreiche Bücher wollen helfen, über diesen Verlust hinwegzukommen. "Lassen Sie Ihrer Trauer freien Lauf. Schämen Sie sich nicht. Weinen Sie", rät etwa Claudia Pilatus in ihrem Ratgeber "Es ist doch nur ein Hund ... Trauern um Tiere". Auch wenn die Liebe zu jedem Tier unterschiedlich ist und keines das verstorbene ersetzt, kann ein neuer Hund Trost spenden. Denn grundsätzlich gilt: Wer einmal einen Hund hatte, wird wieder einen wollen. Mit Tieren oder ohne ist eine Frage des Lebensstils.

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