Humanitäre Situation spitzt sich weiter zu:
Keine reibungslose Versorgung möglich

Hilfsorganisationen geraten zuweilen selbst ins Visier Auch gebunkerten Vorräte gehen rasch zur Neige

Humanitäre Situation spitzt sich weiter zu:
Keine reibungslose Versorgung möglich © Bild: APA/EPA/Ali

Viele Hürden verhindern, dass den notleidenden Zivilisten im Gazastreifen effizient geholfen werden kann. Zum einen ist das Gebiet mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern so gut wie vollständig abgeriegelt - es gibt nur einen Grenzübergang nach Israel und einen Richtung Ägypten. Die im Gazastreifen selbst gebunkerten Vorräte aber gehen rasch zur Neige, die Nachlieferung von außen ist unzuverlässig. Zum anderen müssen die Helfer auch noch damit rechnen, dass sie und ihre Einrichtungen selbst ins Visier genommen werden. So wurde in der vergangenen Woche der Fahrer eines Lastwagens des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) tödlich von einer Panzergranate getroffen - woraufhin die Organisation ihre Arbeit aussetzte.

Die Hiobsbotschaften kommen in dichter Abfolge: Die Caritas teilte mit, dass eine Klinik im Stadtviertel Al Maghazi von Gaza vollständig zerstört wurde. Die Palestinian Medical Relief Society (PMRS), die von medico international unterstützt wird, beklagte ein paar Tage zuvor, in ihren Kliniken seien durch die israelischen Bombardements sämtliche Festerscheiben geborsten. Die Christoffel-Blindenmission (CBM) teilte in der vergangenen Woche mit, dass das Atfaluna-Zentrum für Gehörlose in Gaza in Mitleidenschaft gezogen wurde, in dem "in guten Zeiten" 15.000 Patienten pro Jahr behandelt und geschult würden.

Vorräte gehen rasch zur Neige
"Die Menschen haben Hunger und frieren, es gibt keinen Strom, keine Heizung, kein fließendes Wasser" - so fasst der Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Jerusalem, Robin Lodge, die Lage der Bewohner des Gazastreifens lakonisch zusammen. Schon vor dem Beginn der israelischen Offensive am 27. Dezember lebte die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die Planungen des Welternährungsprogramms für diese Tage sahen vor, 360.000 Mahlzeiten an Zivilisten auszugeben. Doch wurde aufgrund der vielen Widrigkeiten bislang nur der Stand von 96.000 erreicht. Die Vorräte, die noch im Gazastreifen liegen, dürften nach Einschätzung der WFP-Verantwortlichen für drei Wochen reichen.

Hilfsgüterlieferungen mit Verzögerung
Die Lage an den Grenzübergängen ist unübersichtlich. Vor dem Übergang Kerem Schalom stehen auf israelischer Seite mehrere tausend Tonnen Hilfsgüter bereit. Es gelingt jedoch nicht, sie schnell zu den Bedürftigen zu bringen. Die Organisation "Save the Children" beklagt, dass die Öffnungszeiten des Terminals unregelmäßig sind. Darüber hinaus gibt es logistische Probleme. "Die Hilfslieferung kommt in einem israelischen Lastwagen an der Grenze an", erläutert WFP-Sprecher Lodge. "Dann müssen 30 Tonnen von Hand heruntergetragen werden, um sie in einen palästinensischen Laster zu verladen - das kostet viel Zeit."

Die größten Hoffnungen setzen die eingeschlossenen Menschen im Gazastreifen zweifellos auf den Grenzübergang Rafah. Das ägyptische Gesundheitsministerium hält sich in einer aktuellen Aufstellung zu Gute, seit dem Beginn der israelischen Offensive über Rafah die Lieferung von 568 Tonnen medizinischen Hilfsgütern abgewickelt zu haben. Dennoch gibt es auch auf dieser Seite keine Zuverlässigkeit, keine Gewähr. "Wir versuchen seit dem 27. Dezember, sechs Anästhesisten und Chirurgen aus dem Ausland nach Gaza hineinzubringen", klagt Marc van der Mullen, der die Arbeit der Ärzte der Welt (MDM) koordiniert. Die dafür erforderlichen Sicherheitsgarantien beider Seiten lägen aber noch immer nicht vor. Andere Ärzte sind indes längst drüben - allein 43 ägyptische Ärzte sind seit dem Beginn der Luftangriffe in den Gazastreifen gegangen. (apa/red)