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Hubertus von
Hohenlohe, der Adelsathlet

Hubertus von Hohenlohe © Bild: imago/SKATA

Mit seinen 60 Jahren startete Hubertus von Hohenlohe zum letzten Mal bei einer Ski-WM. Gewonnen hat er nie etwas - außer vielleicht die Erkenntnis, dass es in seinem Leben ohne Skisport ziemlich rasch bergab gegangen wäre

Irgendwo am Pistenrand von Aare traf Athlet Hubertus von Hohenlohe, 60, auf Zaungast Ingemar Stenmark, 62. Der österreichisch-mexikanisch-spanische Prinz und der schwedische Wintersportkönig waren in etwa gleich alt, als sie ihre Skikarrieren starteten. Stenmark gewann dreimal den Gesamtweltcup, ist zweimaliger Olympiasieger, fünfmaliger Weltmeister - und daher längst schon im wohlverdienten Ruhestand. Hohenlohe hingegen steuerte bei dieser Weltmeisterschaft dem Höhepunkt einer entschleunigten Karriere zu.

"Dafür hast noch immer dieses unschuldige Babyface", sagt Stenmark, der König. "Mir ist schon klar, dass das nicht so ganz ernst gemein ist", sagt Hohenlohe, der Prinz. "Dennoch zeigt es mir, dass ich im Rennoverall noch keine lächerliche Figur abgebe."

Der exhumierte Sportler

Als Hommage an den mexikanischen Skiverband, den er als gebürtiger Mexikaner in Eigenregie gegründet hatte und für den er seit 1983 startet, trägt Hohenlohe seinen selbst entworfenen Rennanzug im farbenfrohen Atzteken-Look. Für heuer hat er den Día de Muertos, den mexikanischen Tag der Toten, thematisiert, an dem auf den Friedhöfen ausgelassen getafelt, getanzt und gefeiert wird. Und so wie die Mexikaner ihre Toten hochleben lassen, so exhumiert auch Hohenlohe noch einmal, ein letztes Mal bei einem Großevent, den Leistungssportler in sich. "Ich sehe mich selbst als eine Art Kunstinstallation", sagt er.

Mit ihren 60 Jahren blickt die Kunstinstallation zwar auf keine einzige Medaille zurück, wohl aber auf Kreuzbandrisse in beiden Knien sowie einen Schien-und Wadenbeinbruch rechts. Immerhin 29-mal wurde er, meist als einziger Starter, mexikanischer Landesmeister, sein größter Achtungserfolg liegt allerdings bereits gut dreieinhalb Jahrzehnte zurück: In der Weltcup-Kombination von Aprica lag er nur neun Sekunden hinter Schwergewicht Werner Grissmann. Dieser hatte mit Hohenlohe im Vorfeld gewettet, dass es mindestens zehn Sekunden sein würden, und an den Adelsspross so fünf Flaschen Champagner verloren.

© APA/EXPA/JOHANN GRODER Hubertus von Hohenlohe während der WM in Aare mit Sarah Schleper de Gaxiola

Die Bouteillen sind längst schon geköpft, die Kohlensäure ist verraucht, doch in Hohenlohe sprudelt der Tatendrang noch immer wie Veuve Clicquot. Warum, ist man versucht zu fragen, schießt ein Mann in den goldenen Jahren noch immer so schnell als möglich die Pisten runter, um am Ende doch zu langsam zu sein?

Die Grenzen der Eitelkeit

"Heute geht es mir darum, die Grenzen, die mir das Alter setzt, möglichst weit nach hinten zu verschieben", sagt Hohenlohe. Und zwar nicht durch Haartönungen, Botox und Viagra, sondern eben durch echten Sport. "Als Vierzigjähriger hielt ich die Sechzigjährigen für hoffnungslos alte Knacker - aber so will ich selbst nicht gesehen werden, dafür fühle ich mich noch zu gut."

»Sechzigjährige hielt ich früher für alte Knacker - aber so will ich selbst nicht gesehen werden«

Doch das alles ist mehr als der programmierte Sieg der Eitelkeit über die Hinfälligkeit. Hohenlohes sentimentale Liebe für Skirennen hat ihren Ursprung bereits in den frühen Siebzigerjahren. Damals schnallte er erstmals die Rennski an, um einer Kindheitswelt aus Luxus und Leere zu entfliehen. "Meinen ersten Erfolgen als Skifahrer verdanke ich, dass ich heute ein eigenständiger Mensch bin - und die Gewissheit, dass ich auch selbst etwas bewirken kann und nicht einfach nur der Sohn von Alfonso zu Hohenlohe-Langenburg und Ira von Fürstenberg bin."

Wer begreifen will, wie bedeutungsvoll Skirennen für Hohenlohe sind, der muss die verschneiten Berge von Aare kurz hinter sich lassen und zurückblicken ins Marbella des frühen Jetsets. Hubertus wächst im mondänen Beachclub seines Vaters auf, die Mutter ist nach erbittertem Scheidungskrieg weit weg, urlaubende Stars wie Audrey Hepburn oder Gina Lolllobrigida sind seine mütterlichen Bezugsfiguren, wohlmeinend, aber oberflächlich.

Das Goldkind muss nur mit dem Finger schnippen, und schon ist diensteifriges Personal zur Stelle - als Vater Alfonso plötzlich die Reißleine zieht und den Buben in ein strenges Vorarlberger Internat schickt. "Die dunklen Täler, die hohen Berge, das war für mich alles absolut ungewohnt", erzählt Hohenlohe.

Und um nicht zu verzweifeln, habe er zur Ablenkung mit dem Skifahren begonnen, sein Talent entdeckt und es mit 19 Jahren immerhin zum österreichischen Studentenmeister gebracht. Hubertus gewann durch den Skisport an Selbstbewusstsein, sein Bruder Christoph hingegen geriet früh mit harten Drogen in Kontakt, emanzipierte sich nie von der elterlichen Scheinwelt und verstarb unter mysteriösen Umständen in einem thailändischen Gefängnis. Hubertus hingegen zog es nach Mexiko, wo er gelangweilte Sportfunktionäre so lange löcherte, bis sie ihn seinen eigenen Skiverband gründen ließen.

Schnell ist nur der Bentley

Nun sitzt er da also irgendwo am Rande von Aare, standesgemäß in einem kleinen Chalet mit Kellersauna, und denkt nach über die durchaus erträgliche Langsamkeit des Seins. "Hier hat man das unwiderstehliche Gefühl, dass wirklich Winter ist, diese Schneelandschaft ist das Gegenstück zu all diesen Weltcupdestinationen, wo sich inmitten der Pampa gerade einmal ein dünner Kunstschneestreifen findet."

Am Sonntag, im Slalom, wollte er nur durchkommen. Richtig rasant wurde es erst tags darauf: Denn da startete Hubertus von Hohenlohe seinen 640 PS starken Bentley Bentayga, um möglichst rasch wieder heimzukommen. Das Geschoß beschleunigt in vier Sekunden von null auf 100.

Das Fernseh-Comeback
Ab sofort läuft auf Servus TV die neue Staffel von "Hubertusjagd": Jeden Samstag ab 19.40 Uhr durchforstet Fotograf Hohenlohe wieder mit seiner Handkamera (und einem Kamerateam) angesagte Metropolen und trifft die Stars der lokalen Kunst-und Promiszene. Für die neuen Folgen hat der weltläufige Prinz etwa Tel Aviv, Tiflis oder Ho-Chi- Minh-Stadt bereist.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 7/19