Hubert von Goisern von

"Jetzt habe ich mich freigespielt"

Der Alpinrocker über Volksmusik, dumpfe Nebengeräusche und nationalistische Goisern-Fans

Hubert von Goisern - "Jetzt habe ich mich freigespielt" © Bild: NEWS/Herrgott

Mit fast 60 Jahren schrieb er "Brenna tuats guat". Die Hymne der Wutbürger wurde seine erste Nummer eins. Doch seine Suche nach unseren musikalischen Roots geht weiter. Schonungslos. Ein Grenzgang zwischen Hitlers Erbe und Hitparade. NEWS traf sich mit Hubert von Goisern zum großen Interview.

NEWS:  Herr Goisern, Herr von Goisern, Herr Achleitner, wie spricht man Sie richtig an?
Goisern:  Das kommt darauf an. Herr Goisern klingt komisch, Herr von Goisern noch komischer. Achleitner, das hat für mich eine Vertrautheit, eine Privatheit. Der Goisern ist ein Teil vom Hubert Achleitner, aber umgekehrt nicht, da besteht keine Schizophrenie­gefahr. Es ist gut für mich, dass es diese Unterscheidung gibt.

NEWS:  Um nicht an den Zynismen des Pop-Biz zu zerbrechen?
Goisern:  Ich bin nicht im Pop-Business, ich bin Musiker und sehe das als Berufung. Und – Musik, die ist nicht zynisch, sondern gut oder nicht gut.  

NEWS:  Alpenrocker, Volks­musik­rebell, Tom Waits in ­Lederhosen – die kursierenden Goisern-Klischees nerven Sie gar nicht?
Goisern:  Vor 15, 20 Jahren war ich für viele noch der Zünftige aus den Bergen, der halt mit der Ziehharmonika spielte. Aber das sind nicht meine Schub­laden, sondern die der anderen. Damals sind viele Leute in ­meine Konzerte gekommen, weil sie das „Hiatamadl“ im ­Radio gehört haben, und waren dann verstört, dass da auch was anderes abläuft. Viele sind nur gekommen, um eine Party zu feiern, ich, um ein ordentliches Konzert zu spielen. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, das habe ich ihnen beibringen müssen. Nach der zweiten, dritten Nummer habe ich gesagt: „Geht´s raus ins Auto, hörts Ö3, da wird vielleicht gerade das ,Hiatamadl‘ gespielt, hier wird es in genau 55 Minuten gespielt.“ Inzwischen habe ich mir aber doch einen anderen Stellenwert erarbeitet, mich von den Klischees freigespielt.

NEWS:  „Abend spat“ war eines von Hitlers Lieblingsliedern. Sie haben es neu interpretiert – ist Musik denn völlig unpolitisch?
Goisern:  Musik ist a priori unpolitisch und unschuldig. In dem Moment, in dem sie politisiert wird, verliert sie an Kraft und Zauber. Das ist eher ein Exorzismus, den ich da betreibe. Das ist ein schönes, lässiges Lied, und ich kann doch nicht sagen: Nur weil der Verbrecher das mögen hat, soll es für alle anderen tabu sein.

NEWS:  Auch Haider stammt aus Ihrem Heimatort Goisern, sein Vater und Ihr Großvater galten als gute Freunde. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von Haiders Tod erfahren haben?
Goisern:  Ich dachte: Jetzt werde ich ihn nie treffen. – Der verstorbene News-Journalist Peter Leopold hat mich einmal ­gefragt, ob ich zu einem Round Table mit ihm bereit wäre. Ich dachte, das brauche ich wirklich nicht. Dennoch sagte ich zu, weil ich nicht kneifen wollte. Doch dann hieß es: „Der Haider hat abgesagt. Wenn du dabei bist, dann kommt er nicht.“ Da dachte ich mir: Aha, der hat Angst, noch viel mehr Angst als ich. Und ich wusste, warum: Zu viele Leute, die seine Wähler waren, stehen auch auf meine Musik. Und wenn er sich mit mir anlegt, ist die Gefahr groß, dass er die verliert. Trotzdem, ich hätte ihn schon gern irgendwann einmal getroffen.

NEWS:  Damals, daheim in Goisern, was war Ihr erstes wirklich prägendes Musikerlebnis?
Goisern:  In meiner Kindheit ist Österreich Regional gelaufen, da sind operettenhafte Sachen hängengeblieben, Lehár-Melodien, Fritz Wunderlich. Mit zwölf Jahren dann ein ein rich­tiger Tuscher – Chuck Berrys „Rock ’n’ Roll Music“, gespielt von den Beatles! Da bin ich bei der Suppe gesessen, und auf einmal macht’s: da-da-da-da! Da ist mir der Löffel aus der Hand gefallen, ich war wie erstarrt! Mein Vater hat gesagt: „Hört sich an, wie wenn die Platt’n hängenblieben wär.“ Da wusste ich, das ist meines. Auch weil er nix damit anfangen konnte. Weil das meine Welt war.

NEWS:  Ursprünglich kommen Sie ja von der Blasmusik – lernt man dort was fürs Leben?
Goisern:  Meine Eltern hatten nicht das Geld, mir ein Instrument zu kaufen. Da bin ich mit zwölf zur Blasmusik und habe gesagt, ich würde gerne Trompete spielen. Das war ein Instrument, das hat mir getaugt, so strahlend und glänzend und laut. Die haben mir dann einen Lehrer zugeordnet, dem ich noch heute unglaublich dankbar bin. Der hat nichts gekostet, war einfach der erste Trompeter in der Kapelle. Ich war ein fauler Hund, ich wollte Musiker sein, nicht Musiker werden und habe nie geübt – doch er war mir nie böse. In der Kapelle gab es dann aber doch einige Zwistigkeiten. Da war immer das Gesudere, ich soll mir doch meine langen Federn abschneiden – was dann dazu geführt hat, dass ich zurückgesudert habe. Darüber, dass sie immer das­selbe spielen und aus Bequemlichkeit nie ein neues Stück ins ­Repertoire aufnehmen.

NEWS:  Wie ist Ihr aktueller Chartserfolg zu erklären?
Goisern:  Mit „Brenna tuats guat“ verkünde ich der Gesellschaft ja nichts Neues, spreche ihr aber dennoch aus der Seele. Das dürfte schon über Mundart und Sprache laufen. Beides ist unverkennbar österreichisch und hat einen guten Groove.

NEWS:  Abgesehen von der Vereinnahmung durch die Nazis – was hat der Volksmusik am meisten geschadet?
Goisern:  Der volkstümliche Schlager. Früher habe ich versucht, den Müll abzutragen, die verkrustete Scholle aufzureißen und zu pflügen. Ich glaube, der eine oder andere Samen ist dabei schon aufgegangen.

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