Leben von

Houellebecq in Meidling

Susanne Zobl über Ali M. Abdullahs "Unterwerfung" im Werk X

Unterwerfung © Bild: Yasmina Haddad

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ war vor einem Jahr weltweites Gesprächsthema. Erzählt wird, wie Moslems nach einem bürgerkriegsähnlichen Wahlkampf Frankreich übernehmen und Europa zu einem Weltreich machen wollen. Regisseur Ali M. Abdullah zeigt das umstrittene Werk unkommentiert in drei Stunden.

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Über der Bühne prangt das Cover von „Charlie Hebdo“ mit der Karikatur von Michel Houellebecqs Konterfei in dreifacher Ausführung. „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan“, sagt die Houellebecq-Figur. Und anno 2022 spielt auch der Roman: In Paris herrscht Verwirrung: Radio- und Fernsehsender fallen aus, in den Straßen hört man Schüsse. Im Zentrum steht François, Literaturwissenschaftler an der Université Sorbonne Paris 3. Aus seiner Perspektive erzählt Houellebecq, wie die Linken den Führer der muslimischen Bruderschaft Muhammed Ben Abbés zum Präsidenten Frankreichs machen, linke Intellektuelle ihre Ideale aufgeben, sich dem Diktat der Moslems unterwerfen, jüdische Mitbürger emigrieren und Frauen zu Dienerinnen von Machos degradiert werden. Houellebecq hat damit eines seiner Paradethemen auf die Spitze getrieben.

Just am Tag des Erscheinens verübten Moslems ein Attentat auf die Pariser Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“, das den Roman am Cover bewarb. Am 13. November verübten Moslems mehrere Anschläge in Paris, bei denen 130 Menschen getötet wurden.

Szenischer Vortrag mit verteilten Rollen

Darauf aber nimmt Regisseur Ali M. Abdullah keine Rücksicht. Er erzählt unkommentiert in drei langwierigen Stunden, Pause inklusive, den Inhalt des Romans nach. In verteilten Rollen geben die Darsteller die Dialoge wieder, erschöpfen sich in literaturwissenschaftlichen Diskussionen über französische Literatur im selben Ton wie über die Vorkommnisse. Dass François eine jüdische Geliebte hat, die mit ihrer Familie emigriert, wird ebenso selbstverständlich, ohne Emotionen im ehemaligen Meidlinger Kabelwerk auf die Bühne gebracht, wie die Herabsetzung von Frauen, ein zentrales Thema im Houellebecq’schen Universum.

Provokation und Brisanz des Romans werden in Langwierigkeit erstickt. Da hilft es auch wenig, dass mit einer Anlehnung an Frank Castorfs Theaterpraktiken, wie Live-Kameraübertragungen, die gut agierenden Darsteller, Marc Fischer, Dennis Cubic, Hanna Binder, Christian Dolezal den szenischen Vortrag nonchalant bringen.

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