Im Hotelfriedhof Abano

NEWS.AT im President Terme Abano: ein skurill-schöner Aufenthalt in Italiens Fango-Dorado.

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  • Bild 1 von 6 © Bild: Hotel President Terme

    Das Hotel President Terme von außen - nur die Dornröschen-Hecke fehlt.

  • Bild 2 von 6 © Bild: Hotel President Terme

    Ein eindruckvolles Pressefoto des Nassbereichs, das mit der Realität nicht ganz mithalten kann.

Die arthrösen Halswirbel der Hausgäste knacken, als sie sich nach der Dame des Hauses umdrehen. Mit den grazilen Bewegungen einer alten Diva schwebt Signora Elisa Sabbion in den opulenten Buffetraum "ihres" Hotels. Die Arme zu einer einladenden Geste ausgestreckt, begrüßt sie auserwählte Gäste und hält einen kleinen Tratsch mit geschmeichelten ehemaligen Dottores und Socialites. Sehr zum Missfallen von Sohn Massimo. Der strenge Hotelchef des President Terme sieht die öffentlichen Auftritte seiner Mutter gar nicht gerne.

Doch wie das kleine, vergilbte Bild der jungen Elisa im Entrée des Hauses gehört auch Signora Sabbion mittlerweile zum klassisch-altmodischen Interieur. Man könnte fast schon behaupten, sie wäre mit ihrem Hotel verwachsen - schon seit Jahren soll die Pensionistin nur noch zum Einkaufen das Haus verlassen.

Gefangen im Zeitloch
"Sie muss eine sehr schöne Frau gewesen sein", tönt ein Flüstern vom Nachbartisch. Mit einem von Schönheits-OPs gezeichneten Gesicht präsentiert Signora Sabbion den Gästen tagtäglich ihre Sammlung an farbenprächtigen Turbanen, Animal-Print-Leggings und dunklen Star-Sonnenbrillen. Die alteingesessenen Kellner schwirren um die divenhafte Erscheinung und schenken den Gästen Sekt statt wie einst Champagner in die Gläser. Man gewinnt zusehends den Eindruck, das gesamte Hotel samt Belegschaft wäre in einem Zeitloch gefangen: Das President, einst glamourös und voller Esprit, scheint zugewachsen wie Dornröschens Schloss und wartet vergeblich auf den erlösenden Kuss des Prinzen - oder vielmehr auf die nächste Generation zahlender Gäste.

Das Thermenhotel präsentiert sich als Überrest einer glanzvollen Ära, beharrlich und irgendwie tragisch; vor allem im Kontext der vielen verfallenden, leer stehenden Luxushäuser des kleinen Kurortes. Die letzten "Überlebenden" von Abano und Montegrotto werden scheinbar nur noch von Fango zusammen gehalten - dem heilkräftigen Mineralschlamm, für den die beiden Orte bekannt sind.

Im Fango-Wickel
Die Melange aus Ton, Thermalwasser und Mikroalgen wird immer und immer wieder von 25 bis 30 Jahre altem Thermalwasser umspült und so mit Mineralien angereichert. Auf diese Weise erhält der unansehnliche Matsch angeblich eine ähnliche Wirksamkeit wie Cortison. Der 40 Grad heiße Fango wird bei der Behandlung (zwangsjacken)eng um den Körper gewickelt. Nach einer fünfzehn Minuten langen Einwirkzeit spritzt ihn dann endlich ein alter Italiener ohne Gesichtsausdruck mit einem Gartenschlauch ab und setzt den Kurgast in ein Thermalwasserbecken. Die Behandlungsräume haben eher den Flair einer Anstalt als den einer Wohlfühloase - kein Wunder, dass man heute lieber zum "Wellnessen" als auf "Kur" geht.

Im President Terme wird auf billigen "neumodischen Schnickschnack" verzichtet, redet es sich Massimo Sabbion schön, dafür würden Gäste hochwertige Heilbehandlungen erwarten. Das verstaubte Image der wochenlangen Kurbesuche auf Krankenkassenkosten will der Hotelchef abgeschüttelt haben - "kürzere Aufenthalte sind nun gefragt".

Hausen wie im Museum
Im Gegensatz zum "Gast von Heute" dürfte sich die Einrichtung des Hotels bereits seit Jahrzehnten im President Terme aufhalten. Mit den minimalistisch-modernen Spas hat das Fünf-Sterne-Haus nichts gemeinsam - hier dominiert dunkles, massives Holz mit sorgfältig arrangierten Sitzgruppen, die vom Stil her auch den guten alten Kaiser Franz Joseph erfreut hätten. Die nostalgische Idee vom Luxus mit vielen Borten, Goldverzierungen und Stuck zieht sich bis in die Hotelzimmer durch. Nur den Ständer zum Aufwärmen des Bademantels möchte man mit nach Hause mitnehmen, wenn auch vielleicht nicht unbedingt in Gold.

Im Beautycenter stellt sich der Fluxkompensator des Reise-"Delorean" unerwartet wieder aufs 21. Jahrhundert ein. Mit einer sanften Landung wird man auf die gepolsterte Massageliege katapultiert und mit Hilfe modernster Technologien nach allen Regeln der Kunst aufgetunt. Überraschenderweise tragen die topmodernen Räume die Handschrift von Signora Elisa Sabbion höchstpersönlich, und man stellt sich die Frage, ob die ganze Zeitloch-Atmosphäre vielleicht nicht doch ein bisschen gewollt ist.

Fazit: Sollten Sie selbst unter Sechzig sein, werden Sie sich im Hotel President Terme***** nur dann nicht fehl am Platz fühlen, wenn Sie ein Freund der alten Schule sind. Begeistern Sie des weiteren Skurrilitäten und die Idee der Fango-Behandlungen, werden Sie Ihren Freunden nach ihrem Aufenthalt in Abano viel zu erzählen haben. Für die Reise in die Vergangenheit sollten Sie allerdings unbedingt eine Kamera einpacken. Sonst glaubt Ihnen das hinterher niemand.

NEWS.AT Wertung:
Ambiente: *****
Lage: ****
Service: ****
Zimmer: ***
Küche: ****
Freizeitangebot: ***
(Maximale Sternchen-Anzahl: 6)

Weiterführende Infos:
Preisbeispiel: Eine Woche Thermalkur mit Anwendungen, ärztlicher Kontrolle und Weindegustation kosten in der Hochsaison 1.650 Euro.
Anreise: Mit dem Taxi von den Flughäfen von Verona (80 km), Treviso (70 km) oder Venedig (60 km) oder sich mit der Bahn zum Zielbahnhof Padua und sich vom Hotelbus chauffieren lassen. Mit dem Auto fahren Sie über die Autobahn Milano-Venezia (A4), nehmen dann die Ausfahrt (Uscita) Padova Ovest. Weiter geht's über die Staatsstraße 250 bis zur Abano Terme. Fahrzeit von Wien/Zentrum: an die sieben Stunden.

Hotel President Terme
Via Montirone 31
Tel. + 39 049 866.82.88
www.presidentterme.it