Böses Blut von

HIV: Wie leben
Österreicher mit dem Virus?

HIV © Bild: Shutterstock.com

Conchita Wurst macht ihre HIV-Infektion öffentlich. Das wirft nicht nur neue Fragen um das Virus auf, sondern auch um die Tabuisierung von HIV in der Gesellschaft.

Melancholisch blickt Conchita Wurst auf dem schwarz-weißen Porträt durch ihre vollen Wimpern. Das über das soziale Netzwerk Instagram veröffentlichte Foto zeigt an sich nichts Besonderes - würde es nicht ein Text begleiten, der in den vergangenen Tagen für Aufsehen, Klatsch und große Fragezeichen sorgte:

"Ich bin seit vielen Jahren HIV-positiv", schreibt die Travestiekünstlerin darunter, ein Ex-Freund wolle ihr drohen, ihren Status publik zu machen. Und weiter: "Das ist für die Öffentlichkeit eigentlich irrelevant." Doch damit hat die Song-Contest- Gewinnerin Unrecht.

Tabuthema HIV

"HIV und Aids sind ein wunderbarer Aufhänger für alle Moralapostel und erigierten Zeigefinger", sagt Psychotherapeut Christian Michelides, der seit über 20 Jahren mit HIV-positiven Menschen arbeitet. "Wer böse ist, oder wer als Mann einen Mann liebt, wird bestraft, heißt es. Und es ist ein wunderbares Spielfeld für Schuldzuweisungen: 'Du hast eine gebrauchte Spritze verwendet, du hast ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt, du bist selber Schuld'", erklärt Michelides.

Das alles trägt zu dem Bild bei, das seit den 80er-und 90er-Jahren noch immer vorherrscht: Das Acquired Immunodeficiency Syndrome (kurz Aids) ist eine unheilbare, tödliche, hoch ansteckende Krankheit, die Drogensüchtige, Schwule oder Prostituierte bekommen. Und Freddie Mercury. "Dabei ist spätestens seit 1997, als sogenannte Proteasehemmer auf den Markt kamen, klar, dass eine HIV-Infektion auf eine chronische Krankheit heruntergebrochen werden kann, mit der sich lange und weitgehend uneingeschränkt leben lässt", sagt Karl Heinz Pichler, Allgemeinmediziner und HIV-Experte. Mit neuen Medikamenten wäre nicht nur eine Postexpositionsprophylaxe (PEP) zur Behandlung nach einem Risikokontakt möglich, sondern auch eine vorbeugende Präexpositionsprophylaxe (PrEP).

Laut Christian Michelides ist sogar das Kinderkriegen über Kaiserschnitt und eine Begleittherapie möglich. Und zwar auch dann, wenn nur einer der beiden Eltern positiv ist, "wir haben da exzellente Mediziner in Österreich."

Und dennoch: "Krankheiten, die irgendwie in Zusammenhang mit Sexualität stehen, sind Tabuzonen, die sich bestens für eine Art Verdrängung und Mythenbildung eignen, aber auch von Exzessen verbaler Gewalt oder tiefen Hassausbrüchen", sagt Psychotherapeut Michelides. Noch dazu gehe es bei Drogensüchtigen und Homosexuellen um Minderheiten, und solche haben wenig Wählerstimmen.

Das Leben mit dem Virus

Philipp Spiegel ist ein Pseudonym. Der charmante, junge Fotograf aus Wien heißt eigentlich anders. Doch er hat sich dazu entschieden, seine wahre Identität geheimzuhalten. Warum er nicht öffentlich macht, dass er sich vor ein paar Jahren beim Geschlechtsverkehr mit einer Frau mit dem HI-Virus angesteckt hat? "Es ist eine heikle Thematik. Und sie betrifft nicht nur mich, sondern auch Leute in meinem Umfeld", sagt Spiegel. Er möchte - wie so viele andere -nicht "als hilflos, krank und giftig" gelten.

Auch die zwei weiteren Betroffenen, mit denen News im Zuge der Recherche spricht, wollen unerkannt bleiben. Weder Foto noch Namen oder Beruf wollen sie angeben.

Wir nennen sie also Alex und Björn, zwei junge Männer Anfang 30, denen man weder eine Krankheit noch ihr Alter ankennt. "Pumperlgsund" sehen sie aus. Doch es ist Mittagszeit, und für Björn bedeutet das die tägliche Erinnerung an das Virus: "Jeden Tag eine Tablette", sagt Björn, "das schränkt mich eigentlich überhaupt nicht ein."

Dass heutige Behandlungsmethoden, nicht nur die Lebenserwartung von Infizierten dramatisch erhöhen, sondern vor allem auch Infektionsrisiken auf fast null Prozent gesenkt werden können, ist wenig bekannt. "Ich bin seit vielen Jahren unterbrechungsfrei unter der Nachweisgrenze", schreibt Conchita Wurst in ihrem Posting,und die Gesellschaft ist plötzlich ratlos. Was bedeutet das denn nun? Nachweisgrenze?"Das bedeutet, dass das Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist, weil es durch die Medikamente so sehr unterdrückt wird", sagt Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl. Nachsatz: "Und die Messgeräte sind äußerst sensibel." Das Virus ist also nur mehr latent vorhanden, es findet keine oder kaum Vermehrung statt. Die Patienten sind also nicht ansteckend." Das ist auch deshalb so, weil eine Übertragung auch immer mit der Virenkonzentration zusammenhängt, und diese sei durch die Behandlung zu gering.

Trotzdem war die Diagnose "HIV-positiv" für alle Befragten zunächst ein Schock. "Überwältigend", sagt Alex und formt mit beiden Armen eine Wolke über sich, "da ging in mir plötzlich ein Rad los." Alex weiß erst seit drei Jahren Bescheid, erzählt hat er es noch immer sehr wenigen, obwohl er sagt: "Es gibt nichts Wichtigeres, als darüber zu reden."

Diskriminierung ist Alltag

Dass das Reden aber nicht immer leichtfällt, hat vor allem mit den Reaktionen zu tun, die den Betroffenen im Alltag begegnen. Die Erfahrung mit der ersten Bekanntschaft nach der Diagnose prägt Björn bis heute -acht Jahre später. "Ich war damals schon nicht mehr ansteckend und dachte, es wäre gut, Klartext zu reden", sagt er, "doch die Person hat total geschockt reagiert, hatte Panik und schrie, ob ich verrückt sei, wir hätten doch vom selben Eis gegessen."

Alex ist vor allem von den Leuten enttäuscht, die es besser wissen müssten: Apotheker und Mediziner hätten ihn bereits abwertend behandelt, Termine bekommt er nur abends, wenn sonst niemand da ist. "Ich fühle mich ohnmächtig, dem System ausgeliefert", sagt er.

Die Gesellschaft hat sehr wohl ein Interesse an Conchitas Status. Denn das Outing macht eines klar: Gerade weil so viele Halbwahrheiten über HIV kursieren, halten viele Infizierte ihren Status geheim, haben viele Betroffene Angst, darüber zu sprechen, und hat die Drohung besagten Ex-Freundes überhaupt funktioniert -für die Öffentlichkeit also ein Weckruf, um die immense Tabuisierungswolke, die über diesem Virus schwebt, zu lockern und weniger böses Blut zu verbreiten.


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neue Infektionen mit HIV wurden im vergangenen Jahr in Österreich diagnostiziert. Die Tendenz ist leicht steigend - im Jahr 2016 waren es 447 Personen

Hilfe und Beratung rund um HIV und Aids:

Die österreichischen Aids-Hilfen bieten Informationen und Beratungsgespräche sowie Gratis-HIV-Tests an. Mehr dazu unter: www.aidshilfen.at

Im Verein Positiver Dialog gibt es die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Termine unter: www.positiverdialog.at

Das Lighthouse Wien bietet obdachlosen, HIV-positiven Menschen ein Zuhause, Tel.: 01 315 55 55