Hikmet Ersek von

Der Durchstarter

Unglaubliche Karriere vom Profi-Basketballer zum CEO von Western Union. Ein Interview

Hikmet Ersek - Der Durchstarter © Bild: Philipp Angert

Hikmet Ersek war mal Profi-Basketballer in Wien & Oberösterreich. Jetzt leitet er als einziger Österreicher einen amerikanischen Fortune-500-Konzern: Seit 2010 ist er Präsident und CEO von Western Union in den USA. Wie hat er das gemacht?

Die Fortune 500 sind ein exklusiver Club: Wer es an die Spitze eines der größten US-Unternehmen schaffen will, braucht normalerweise einen brillanten Abschluss einer Ivy-League-Universität, solide Netzwerke und die richtige Familie. Hikmet Ersek, 51, fällt aus dem Rahmen. Aufgewachsen ist er in der Türkei, sein Pass ist österreichisch, und studiert hat er nicht in Harvard, sondern an der Wirtschaftsuniversität in Wien. Trotzdem steht Ersek seit 1. 9. 2010 an der Spitze eines amerikanischen Fortune-500-Konzerns - als Präsident und CEO von Western Union, Weltmarktführer bei Geldtransfers.

Begonnen hat die außergewöhnliche Karriere auf dem Boden einer muffigen Sporthalle in einer österreichischen Provinzstadt. Ersek, Sohn einer Österreicherin und eines Türken, war zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal glücklos, seit er mit 19 als Basketballprofi nach Österreich gekommen war. Der Sponsor des Vereins UBSC Wien war gerade pleitegegangen, das Gehalt war nicht eingetroffen, und der Gegner spielte unfair. Ersek landete unsanft auf dem Boden und dachte: "Zeit für etwas anderes."

Mit 26 wechselte er den roten Ball gegen harte Zahlen, stieg bei Europay/MasterCard ein und dann zu General Electric Capital um. Seit elf Jahren ist er bei Western Union und hat den Standort Wien zur Zentrale für Europa, Asien und Afrika ausgebaut. 2010 übersiedelte er in die Zentrale in Denver, Colorado. Seit 18 Monaten ist er der Boss.

Ersek empfängt in seinem New Yorker Büro nahe der Wall Street: eine Eingangshalle mit Mies-van-der-Rohe-Möbeln, holzgetäfelte Wände und eine riesige Terrasse mit Blick auf die alte Bibliothek. Es ist eine der begehrtesten Adressen der Stadt. Ersek nützt sie selten: Eben war er noch in Costa Rica, als Nächstes ist er in Mexiko, eingeladen beim G-20-Gipfel. Dazwischen gibt er NEWS eines seiner seltenen Interviews.

NEWS: Schönes Büro. Wie bekommt man so etwas?
Hikmet Ersek:
Schöne Aussicht, nicht wahr? Hier saß bis zur Finanzkrise eine sehr große Finanzinstitution. Jetzt haben wir es uns gemietet – unser Geschäft ist vergleichsweise krisensicher. Wir spielen nicht mit Billionen, sondern setzen auf das kleine Geld und auf Länder, die anderen zu wenig lukrativ sind.

Kommen Sie dazu, die Aussicht zu genießen?
Ersek:
Na ja, manchmal. Ich reise sehr viel, und wenn ich in New York bin, komme ich unter 14 Stunden Arbeit nicht weg. Aber der Job macht großen Spaß – ich habe das Gefühl, einen Unterschied zu machen. Das ist den Stress wert. Diese Woche bin ich etwa eingeladen, auf dem G-20-Gipfel in Mexiko zu den Welt-Leadern zu sprechen. Ich hoffe, ich kann ihnen mitgeben, dass sie auf die Menschen achten müssen.

Wie bekommt man eine Einladung, zu den 20 mächtigsten Politikern der Welt zu sprechen?
Ersek:
Unser Unternehmen ist in sehr engem Kontakt zu den Menschen. Wir wissen, wer auswandert, wo Geld fehlt, wo Krisen stattfinden und was die Menschen brauchen. Ich war heuer auch auf dem World Economic Forum in Davos eingeladen, und die türkische Regierung hat mich zum Wirtschaftsberater gemacht. Mein Vorteil ist wohl: Ich stehe zugleich an der Spitze und an der Basis der Pyramide. Ich bin zwar CEO eines globalen Unternehmens, aber auch ein Migrant, der seinem Vater Geld in die Türkei schickt.

Sie waren in Österreich Einwanderer und sind es nun in den USA. Was war der Unterschied?
Ersek:
Die USA sind viel offener. Dieses Land wurde von Einwanderern aufgebaut. Hier fragt man nicht: "Woher kommst du?", sondern "Was kannst du?". Als ich in Denver ankam, bekam ich einen Anruf vom Gouverneur von Colorado, der mich herzlich begrüßte und sich sehr stolz zeigte, einen austrotürkischen Manager an der Spitze eines globalen Unternehmens im Staat zu haben. Inzwischen sind wir gute Freunde. In Österreich ist mir so etwas nie passiert – da wird man eher noch in Gastarbeiter-Deutsch angesprochen, wenn man schon ein internationales Unternehmen leitet (lacht). Man braucht ein Netzwerk, und wenn man etwa aus einem muslimischen oder afrikanischen Land kommt, hat man es extrem schwer. Man wird sofort in eine Schublade gesteckt.

Aber auch der Club der Global-500-CEOs in den USA ist recht einheitlich: amerikanische Absolventen von Ivy-League-Unis. Fühlen Sie sich gut aufgenommen?
Ersek:
Das stimmt. Ich glaube, ich bin der Einzige, der von außen dazukam. Aber die Dinge ändern sich. Der CEO von Coca-Cola - ein guter Freund - hat zwar in den USA studiert, ist aber Türke. Die Zukunft wird ohnehin den globalen CEOs gehören, weil es immer mehr echte globale Unternehmen wie unseres gibt. Nehmen Sie den neuen Chef der Deutschen Bank, einen Inder: Er kann nicht einmal Deutsch. Das ist die Zukunft. Österreich ist da hinten nach – es ist kaum vorstellbar, dass jemand auch nur mit einem türkischen Namen Chef einer großen österreichischen Bank wird.

Sie selbst sind jetzt allerdings Österreichs bestverdienender Manager – wenn auch im Ausland. Sie sind als Profibasketballer nach Österreich gekommen. Wie sind Sie zu einem globalen CEO geworden?
Ersek:
Ich bin 1979 nach Österreich gekommen und habe sieben Jahre lang professionell Basketball gespielt, bis der Sponsor meines Teams bankrottging und ich kein Gehalt mehr bekam. Da wusste ich: Ich muss was Ordentliches machen. Also beendete ich mein Studium an der WU und begann bei MasterCard als Vertreter. Die ersten Gewinne habe ich in den Rotlichtbezirken in Meidling gemacht: Ich habe die Bars überzeugt, Kreditkarten anzunehmen. Meine Zahlen waren super. So wurde ich Verkaufsleiter Wien, dann Österreich, schließlich Geschäftsführer.

Wurde in Gastarbeiterdeutsch angesprochen

Das hätten Sie bleiben können. Wo war der Punkt, an dem Ihre Karriere so abgehoben hat?
Ersek:
Nach MasterCard wechselte ich zur General Electric – zur GE Money Bank. Dort war ich High Potential und konnte mit den Besten des Unternehmens Projekte machen. Das hat mich sehr weitergebracht. Die Erfahrungen konnte ich bei Western Union nützen. Dort baute ich den Standort Wien aus, und seit 2010 bin ich CEO in der Zentrale in Denver.
NEWS: Für so ein wettbewerbsgetriebenes Umfeld wirken Sie fast zu freundlich. Zu austrotürkisch- gemütlich. Wie geht das in dieser Position?
Ersek: Mein Geheimnis ist wohl, dass ich keines habe: Ich bin sehr authentisch. Ich spiele niemanden, das spart sehr viel Energie. Zweitens bin ich extrem zielgerichtet: Ich kommuniziere genau die Zahlen, die ich erreichen will, und taktiere nicht. Das wissen alle. Ich habe beim Basketball gelernt, dass es immer ein paar Extrameter gibt, die man noch rausholen kann, um besser zu sein als die anderen. Drittens höre ich zu. Ich reise sehr viel und spreche mit unseren Leuten – in Costa Rica, in Dubai, in Vietnam. Ich lerne dabei enorm viel.

Die durchschnittliche Verweildauer in Positionen wie der Ihren ist 18 Monate. Angst?
Ersek:
Nein, ich habe ja nichts zu verlieren. Im Grund meines Herzens bin ich selbst ein Migrant, der seinem Vater Geld nachhause schickt. Das gibt mir enorm viel Freiheit. Deshalb vertraue ich und kann meinen Leute viel Verantwortung übertragen. Das ist ohnehin der beste Weg, zu führen: Man wundert sich, wie viel in den Leuten steckt. Die Menschen zu ermächtigen nimmt von der eigenen Macht nichts weg, im Gegenteil.

Ihr Gehalt ist öffentlich - im vergangenen Jahr haben Sie fast acht Millionen Dollar verdient. Was machen Sie mit so viel Geld?
Ersek:
Ja, das kommt daher, weil das Gehalt erfolgsbezogen ist und ich die Ziele erreicht habe – auch für unsere Shareholder. Aber ich mache das nicht wegen des Geldes. Verstehen Sie mich nicht falsch - es ist toll, Geld zu haben. Aber ich lebe jetzt nicht in einer Villa wie in „Denver Clan“: Wir haben ein kleines Haus in Wien und in Denver eine Wohnung. Meine Frau ist sehr bodenständig. Sollte ich Gefahr laufen, abzuheben, holt sie mich sofort auf den Boden zurück. Außerdem geben wir viel zurück: Wir unterstützen Communities in Asien und Afrika.

Zu Ihrem Job: Western Union kommt im Vergleich zum Rest des Finanzsektors gut durch die Krise. Warum?
Ersek:
Wir spielen nicht mit großem Geld, sondern helfen den Millionen Kleinen. Jenen, die bei Banken nicht einmal ein Konto aufmachen könnten, bieten wir die finanziellen Dienstleistungen, die gebraucht werden, zu einem fairen Preis.

Ihre Gebühren werden als zu hoch kritisiert.
Ersek:
Wenn sie das wären, würden wir kein Geschäft machen – wir sind bedeutend billiger als Banken. Außerdem sind unsere Partner überall: In jedem Dorf in Afrika oder Asien können Sie das Geld, das Ihr Verwandter einzahlt, in derselben Minute abholen. Diesen modernen Helden, die auswandern und ihre Familien unterstützen, bieten wir die Infrastruktur. Und wir setzen stark auf den Süd-Süd-Handel: Es ist nicht leicht, Geld für einen Container T-Shirts von Brasilien nach Bangladesch zu überweisen. Diese Lücke schließen wir. Damit sind wir in den echten Wachstumsregionen aktiv.

Welche sind das?
Ersek:
Natürlich Asien – Indien, China. Aber wir sehen in den kleineren Schwellenländern derzeit noch mehr Potenzial: lateinamerikanische Länder, Indonesien, Malaysia. Sie sind flexibler und nicht so abhängig davon, dass die USA und Europa ihnen ihre Waren abkaufen. Ich hatte eben ein Treffen mit dem brasilianischen Wirtschaftsminister – sehr vielversprechend.

Und Europa?
Ersek:
Schwierig. Sehr schwierig. Ein Beispiel: Spanien und Griechenland waren für uns bis vor kurzem Senderländer, aus denen viel Geld nach Lateinamerika oder Osteuropa geschickt wurde. Heute sind das klare Empfängerländer. Die Leute gehen weg, und die Jugendarbeitslosigkeit zerstört eine ganze Generation. Das Gute an Europa: Die Infrastruktur ist da. Das Schlechte: das politische Patt, die fehlende Einigkeit – und die Demografie eines alternden Kontinents, der Einwanderung ablehnt. Wenn Europa nicht aus dem Patt kommt und außerdem die Grenzen für Einwanderung und damit Innovation öffnet, sehe ich eher schwarz.

Vermissen Sie auch etwas an Wien?
Ersek:
Absolut: die Gemütlichkeit, ein Glas Wein am Naschmarkt und Gespräche über das Leben statt über das Geschäft. Hier in den USA sind selbst private Gespräche sehr business- zentriert. Zum Glück komme ich mit meiner Familie diesen Sommer öfters nach Wien.