Menschen von

Henning Mankell,
der politisch Engagierte

Ein News-Interview aus dem Jahr 2010 mit dem verstorbenen Autor und Philantropen

Henning Mankell © Bild: imago/Susanne Hübner

Henning Mankell ist tot. Der Autor erlag 67-jährig seinem Krebsleiden. Zeit seines Leben war der Schwede politisch sehr engagiert. Im Jahr 2010 nahm er etwa an einer Reise der "Gaza-Hilfsflotte" Richtung Palästina teil, die von israelischen Soldaten mit einem blutigen Einsatz gestoppt wurde. Neun türkische Mitreisende starben. Nach seiner mehrtägigen Internierung gab der Autor News damals ein exklusives Interview.

Sind Sie zornig, enttäuscht von Israel? Das Land wird hart kritisiert, wurde sogar schon als „Schurkenstaat" tituliert und gar mit Nazi-Deutschland verglichen.
Wir haben in der Geschichte schon oft erlebt, wie sich jemand in sein Gegenteil verwandelt. Aber ich muss die Israelis verteidigen: So schlecht sind sie nicht. Man kann nicht sagen, dass sie sich jetzt so verhalten wie die Nazis damals. Die Situation ist eher wie in Südafrika vor Aufhebung der Apartheid. Die Israelis benehmen sich wie die Weißen gegenüber den Schwarzen. Sie unterdrücken die Mehrheit der Bevölkerung, um die Macht zu haben. Das ist ein großer Unterschied zum Holocaust: Der war Genozid. Den gab es in Südafrika nicht. Man behandelte die Schwarzen wie Bürger zweiter Klasse. Es gibt Abstufungen der Hölle. Ich bin nicht gegen die Juden, denn ich habe sehr viele jüdische Freunde. Und die werde ich haben, solange ich lebe. Aber ich bin gegen die Politik Israels.

Hatten Sie Angst, als die Israelis auf Ihr Schiff kamen?
Ich hatte nur einen Gedanken: Was wird aus meiner Frau und meinen Kindern zuhause, wenn ich sterbe? Meiner Frau ist etwas wirklich Schreckliches passiert. Um 5.15 Uhr in der Früh hat eine Nachrichtenagentur angerufen und gefragt: „Können Sie bestätigen, dass Ihr Mann tot ist?" Sie war schockiert. Wenn ich nachhause komme, werde ich die belangen.

Werden Sie auch die Israelis verklagen?
Wir überlegen, Israel vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Was die gemacht haben, ist Piraterie und Kidnapping. Und sie filmten uns als Gefangene. Das ist gegen die Genfer Konvention. Jeder spricht von den tapferen israelischen Soldaten, aber das sind Diebe. Sie haben uns alles gestohlen. Mein Geld, meine Kreditkarte, meine Kleider, alles ist weg. Das muss bestraft werden. Die Soldaten waren genau auf uns vorbereitet. Die wussten, wer ich bin.

Hat man Sie anders behandelt als Ihre Mitreisenden?
Einer der Soldaten gab besonders Acht, dass mir nichts passiert. Die wussten alles über jeden.

Stimmt es, dass Sie Ihre Bücher nicht mehr ins Hebräische übersetzen lassen?
Ich dachte kurz daran, weil sich die israelischen Soldaten so schlecht benommen haben. Aber ich bin auch in Israel ein Bestsellerautor. Meine Leser sollen nicht bestraft werden. Vielleicht wird man darüber nachdenken, warum ich das alles mache, wenn man meine Bücher liest.

Ihr norwegischer Kollege Jostein Gaarder sprach Israel vor Jahren das Existenzrecht ab. Was sagen Sie dazu?
Ich bin ganz anderer Meinung als er.

Droht jetzt eine neue Welle von Antisemitismus?
Das Risiko ist sehr groß. Die Israelis haben dem Antisemitismus die Türen geöffnet. Aber ich werde dagegen kämpfen.

Und wenn Sie zur Frontfigur der Antisemiten werden?
Man geht immer ein Risiko ein, wenn man eine Meinung hat. Aber ich habe keine Angst davor. Ich werde weiter den Dialog suchen.

Peter Handke engagierte sich im Jugoslawienkrieg für Serbien und wurde dafür fast geächtet. Fürchten Sie, dass es Ihnen auch so gehen wird?
Mir ist das egal. Ich stehe, wofür ich stehe. In Deutschland waren mehr als tausend Leute bei meinen Lesungen. Sie reagierten total positiv. Warum sollte ich mir Sorgen machen? Aber ich verstehe nicht, weshalb ich der einzige Schriftsteller an Bord war. Natürlich kann ich von keinem Kollegen etwas verlangen. Aber als Intellektueller muss man Aktionen setzen, nicht nur Worte.

Daniel Barenboim versucht mit dem West-Eastern Divan Orchestra zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine wunderbare Sache. Ich würde ihn gern einmal treffen.

Sind Sie enttäuscht, dass sich Österreich im Konflikt so passiv verhält? Kreisky war schließlich Pionier der Anerkennung der Palästinenser.
Kreisky ist mir ein Begriff, aber zur aktuellen österreichischen Politik kann ich nichts sagen. Amerika verhält sich sehr gut. Obama will die Haltung zu Israel überdenken. Die Leute müssen jetzt beginnen, miteinander zu reden.

Wie reagierte Schweden?
Man war zornig, aber es gab keine antisemitischen Äußerungen. Der Außenminister ist ein Rechter. Aber er hat exzellent agiert. Er kontaktierte sofort den israelischen Botschafter und hat die Ersten von unseren Leuten, die freikamen, in Istanbul selbst empfangen.

Ist es nicht seltsam, wenn man in so einem Fall mit den Rechten kooperieren muss?
Nein, das ist okay. In bestimmten Situationen könnte ich mit jedem zusammenarbeiten. Daraus soll man kein Drama machen.

Die Israelis erschossen Leute auf dem Schiff der türkischen IHH. Diese umstrittene Organisation soll mit Terrorgruppen in Verbindung stehen. Welche Folgen könnte das haben?
Das wissen wir jetzt noch nicht. Unsere Basis war humanitäre Hilfe, nicht Gewalt. Sollte sich herausstellen, dass da etwas nicht gestimmt hat, werde ich sofort aktiv. Aber was die Israelis behaupten, ist lächerlich. Diese Leute sind doch nicht zu den Hubschraubern hinaufgeklettert. Man muss immer fragen, wer hat wen zuerst angegriffen. Hat man denn nicht das Recht, sich zu verteidigen? Es waren auch Schweden an Bord dieses Schiffes. Wir warten jetzt darauf, was die uns erzählen. Und das wird sicher nichts Nettes über Israel sein.

Was schlagen Sie als Lösung im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern vor?
Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder man macht es wie in Südafrika. Dort leben Schwarze und Weiße nebeneinander. Oder man macht zwei Staaten. Aber das macht mir Angst. Allerdings lebe ich nicht dort, daher kann ich nur versuchen zu helfen.

Früher fürchtete man den Kalten Krieg. Hat sich der heute in den Konflikt zwischen Westen und dem Nahen Osten verlagert?
Wir leben heute in einer ganz anderen Welt. Auf der einen Seite gibt es die Supermächte USA, China und Indien. Die werden immer stärker. Und Russland wird in zehn bis fünfzehn Jahren wieder sehr stark sein. Ich mache mir auch Sorgen darüber, wie es mit dem Iran weitergehen wird. Aber eines der Konfliktzentren ist im Nahen Osten. Wenn die Situation der Palästinenser nicht geklärt wird, dann wird alles noch sehr grausam werden. Ich stehe der Hamas sehr kritisch gegenüber. Die Situation ist gefährlich.

Und was sagen Sie zu den palästinensischen Selbstmordattentätern?
Das ist wieder etwas anderes. Das ist Verzweiflung. Die jungen Leute sind in einem Niemandsland eingesperrt. Sie haben keine Zukunft. In so einer Situation können Menschen ganz irrational reagieren.

Die Täter lassen sich dazu ausbilden. Wie kann man da noch von einer irrationalen Reaktion sprechen?
Die Kids hoffen, dass sie etwas verändern können. Aber glauben Sie wirklich, dass 90 Prozent dieser jungen Leute sterben wollen? Ich glaube das nicht. An dem Tag, an dem sich etwas verändert, werden auch die Selbstmordattentäter weg sein. Aber wenn einer in Tel Aviv sich und andere in die Luft sprengt, ist das jedenfalls Terrorismus. Das macht mich genauso traurig, wie wenn es auf der anderen Seite passiert.

Voriges Jahr haben Militärs Ihre Lesung bei einem palästinensischen Literaturfestival verhindert, weil Sie als Sicherheitsrisiko in Israel gelten. Was hatten Sie denn angestellt?
Ich weiß bis heute nicht, weshalb das geschah. Die Soldaten kamen und richteten ihre Gewehre auf mich. Sie sagten, ich sei ein Sicherheitsrisiko. Aber ich bin doch nicht gefährlich. Ich würde gerne einmal mit Netanjahu sprechen. Und ich habe viele jüdische und arabische Freunde in Jerusalem. Jetzt kann ich sie nicht besuchen, weil ich nicht einreisen darf, solange es diese Regierung gibt. Aber ich hoffe, dass ich das noch erlebe.

Wollen Sie wieder Hilfsgüter nach Gaza bringen?
Ja. Wollen Sie mitfahren?

Noch ein Wort zu Kommissar Wallander. Er endet als Alzheimer-Patient.
Er hat noch immer ein paar Jahre vor sich. Und er würde mich noch erkennen. Er ist noch nicht ganz tot und könnte 105 Jahre werden. Aber er wird in seine eigene Welt gehen.

Kommt ein nächster?
Vielleicht.

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