Hektische Lösungssuche in der Finanzkrise:
Die letzte Rettung vor dem Weltuntergang?

Verstaatlichung des US-Bankensektors steht im Raum IWF-Chef will Superbehörde gegen Krisen schaffen

Hektische Lösungssuche in der Finanzkrise:
Die letzte Rettung vor dem Weltuntergang? © Bild: EPA

Die Negativ-Spirale dreht sich weiter, und bisher konnte nichts den Abwärtstrend stoppen: Weder das 700-Milliarden-Dollar Rettungspaket, das trotz Intensivwahlkampf mit gemeinsamer Anstrengung von Republikanern und Demokraten den US-Kongress dann doch passierte, noch die Milliarden-Geldspritzen der Notenbanken rund um den Globus oder die koordinierten Zinssenkungen. Die Kurse stürzen weiter ab, die Börsenindizes fallen, der Geldmarkt ist ausgetrocknet: Das weltweite Finanzsystem steckt tief in der Krise, die schmerzhaften Folgen für die Realwirtschaft bleiben nicht aus. In den Prognosen für 2009 wird ein massiver Wachstumsrückgang bis auf Null erwartet.

Die Investitions- und Expansionspläne vieler Unternehmen werden auf Eis gelegt, die Arbeitslosigkeit werde steigen, so die jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Weltwirtschaft, die schon beginnen einzutreffen. Das wichtigste Börsenbarometer, der Dow Jones, hat innerhalb eines Jahres bereits mehr als 30 Prozent verloren. Die Arbeitslosenrate in den USA wird 2009 fast auf 7 Prozent steigen, Millionen Hausbesitzer sind von Zwangsversteigerungen ihrer Häuser bedroht. Bei jedem sechsten Hypothekarkredit liegt die Kreditsumme über dem Wert des finanzierten Hauses.

"Crash auf Raten"
Zwischen den Banken untereinander herrscht weiterhin kein Vertrauen, kein Wunder: Das Loch in den Bankbilanzen durch "faule Kredite" beläuft sich nach IWF-Schätzungen bereits auf 1,4 Billionen Dollar (1,023 Billionen Euro) . Noch erschreckender die Höhe der ausstehenden Credit Default Swaps: Auf 46 Billionen Dollar wird der Markt geschätzt - das sind jene Derivative, die der Investor Warren Buffet schon vor fünf Jahren als "Zeitbombe" bezeichnet hatte. Täglich gehen durch die Folgen der Finanzkrise Milliardenvermögen verloren - ein "Crash auf Raten", so die Experten. Angesichts solcher Zahlen herrscht in den USA bei vielen "Weltuntergangsstimmung". Am Rande des Abgrunds stehe die Wirtschaft, eine zweite Weltwirtschaftskrise wie in den 30-er Jahren sei realistisch, meinen Finanzexperten.

Doch mit flexiblem und schnellem Handeln versucht das Ursprungsland der Krise, die USA nun gegenzusteuern. Dabei werden alte Dogmen des Kapitalismus schnell über Bord geworfen. Der Staat soll einspringen und den angeschlagenen Banken Kapital verschaffen, da die privaten Kapitalgeber nicht mehr dazu bereit sind. Mit frischem Kapital vom Staat müssten die Banken ausgestattet werden, um die Vertrauenskrise im System zu beenden. Dabei gehe es nicht nur um punktuelle Beteiligungen, sondern der ganze amerikanische Bankensektor könnte verstaatlicht oder teilverstaatlicht werden, heißt es in Washington.

IWF als Regulator
Bei den globalen Finanzorganisationen Weltbank und IWF fallen die Antworten auf die Herausforderung sehr unterschiedlich aus: Während IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn die Ursachen bekämpfen will und gegen Deregulierung und mangelnde Aufsicht der Märkte nun den IWF als "Regulator der Regulatoren" einsetzen will, hält der Chef der Weltbank, Robert Zoellick, gar nichts von einer stärkeren Rolle der internationalen Finanzorganisationen.

Der Franzose Strauss-Kahn plädiert für eine starke Superbehörde, die ein neues Regelwerk für das Finanzsystem und tragfähigere Bilanzierungsregeln entwerfen soll - um der Finanzwirtschaft künftig solche Krisen wie die jetzige zu ersparen. Denn die mangelnde Aufsicht über den Hypothekarkreditmarkt und der ungeregelte Weiterverkauf der faulen Kredite habe die Krise erst ermöglicht, so der Konsens der Experten. Der US-Amerikaner Zoellick hingegen will die Souveränität der Staaten nicht antasten und setzt voll auf das Krisenmanagement der G-7 bzw. einer um einige große Länder erweiterten Staatengruppe. Die Weltbank könnte dann als Sekretariat den größeren Mitgliedstaaten bei Beratungen über die Wirtschaft beiseite stehen. Eklatante Widersprüche an der Spitze von IWF und Weltbank, die für die Bewältigung der Krise sicher nicht hilfreich sind.
(Edith Grünwald/APA)