Heinz Sichrovsky über Villazóns Opern-Absage

Gefordert: Disziplin, Solidarität, Fairness PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Heinz Sichrovsky über Villazóns Opern-Absage © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Als er kurz davor in München eine „Liebestrank“-Aufführung absagte, standen die Wetten für seinen Salzburger Liederabend miserabel. Doch Rolando Villazón bestand am 15. 8. im Stil eines Kämpfers: Im ungeeigneten Großen Festspielhaus bezwang er Schumanns tückenreiche „Dichterliebe“ und blieb am Ende Sieger über seine unleugbaren Probleme.

Die Kritik aber, die ihn nach einer „Traviata“ am nämlichen Ort zum Superstar hochgeschrieben hatte, reagierte fünf Jahre und zwei Krisen später mit wohlfeilem Hohn. Nun hätte Villazón am 6. und 9. September, in der Eröffnungswoche der neuen Direktion, an der Staatsoper in „La Bohème“ singen sollen: aus heutiger Sicht eine riskante Planung, doch sind Risken bei den ­aktuellen Vorlaufzeiten unvermeidlich. Zudem hätte ihn Franz Welser-Möst, der sensibelste Begleiter unter den ganz Großen, über vieles hinweggetragen. Direktion und Sänger aber einigten sich vernünftigerweise, den Auftritt zu verschieben. Wir warten gern: Auch die Koloratursopranistin Natalie Dessay wurde schon abgeschrieben und kehrte nach diszipliniert durchlittenem Wiederaufbauprogramm strahlend zurück. Disziplin ist es auch, was der Ausnahme­künstler Villazón jetzt braucht. Aber ebenso nötig sind die Solidarität des ­Publikums und ein Feuilleton, das seine Verantwortung wahrnimmt.

Heinz Sichrovsky

sichrovsky.heinz@news.at