Heinz Sichrovsky zum Tod Brigitte Schwaigers

Zur Sensation erklärt und dann alleingelassen PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Heinz Sichrovsky zum Tod Brigitte Schwaigers © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Welch ein Tod war das, nach so langem Sterben: angeschwemmt zwischen zwei Donaubrücken und auf der gelesensten Online-Seite des Landes zunächst als Ab­lebensfall in der Kategorie „Leute“ geführt. Nach einigem Zögern erst wurde die Nachricht vom Selbstmord der österreichischen Schriftstellerin Brigitte Schwaiger im Großraum „Kultur“ verortet.

Ihr Verhängnis war, leider, kein ungewöhnliches in der Literaturgeschichte: Wie Franz Innerhofer, der sich 2002 erhängte, wollte sie sich von ihrer Biografie befreien. Das 1977 erschienene Resultat hieß „Wie kommt das Salz in das Meer?“ und war ein be­wegendes, weil authentisches Buch, in dem sich vor allem Frauen wiederfanden und es massenhaft erwarben. Dann war die Biografie ausgebeutet, und für den nächsten Schritt – den der Erschaffung eigener Welten – reichte die Kraft nicht. 29 Jahre lang musste sie neue Lebensverheerungen sammeln, bis der Psychiatrie-Report „Fallen lassen“ erscheinen konnte. Als 28-Jährige erklärte man die oberösterreichische Arzttochter zur Sensation, die sie nicht war. Die aber von Literaturpäpsten alles andere als ­uneigennützig beglaubigt und von der Branche hirnlos repetiert wurde. Dann ließ man sie allein. Als 61-Jährige ging sie, einem trivialliterarischen Stereotyp aus versunkener Zeit folgend, in die ­Donau.

Heinz Sichrovsky

sichrovsky.heinz@news.at