Heinz Sichrovsky über Künstler und Kanzler

Künstler – darüber sind sich zumindest die Künstler einig – haben die feinere Witterung für gesellschaftliche Erfordernisse. Wie aber konnte sich dann Alfred Gusenbauer stabiler Unterstützung aus Künstlerkreisen erfreuen, obwohl er die mangelnde Eignung bald und für jeden Hausverstand erkenntlich unter Beweis gestellt hatte? Als er dem vom Hochwasser heimgesuchten Vaterland aus der Toskana schriftliche Mutmaßungen über den jungen Beaujolais zukommen ließ; als er sich am Tag der Schließung des Semperit-Werks um die grundgesetzliche Verankerung des Nulldefizits sorgte: Da war er noch lang nicht Kanzler, aber das Debakel stand schon an die Wand geschrieben. Nun gibt es nachweislich nichts, was die Republik für André Heller tun könnte, und Neil Shicoff verdient an zwei Abenden mehr, als ihm das Amt des Operndirektors im Monat gebracht hätte.

Dennoch haben diese großen Künstler dem Kanzler die Entourage gemacht. Das hat mit dem nie erfüllten Traum vom gesellschaftsverändernden Einfluss der Kunst zu tun. Die einen wollen ihn auf gemeinsamen Wegstücken mit der Politik erzwingen. Andere in lebenslanger Opposition, wie Jelinek, Handke, Bernhard oder Deix: Auf dessen Bildern war Gusenbauer nie etwas anderes als ein dicker Bub mit roter Aktentasche, der jetzt die Party schmeißt, zu der er als Kind nicht eingeladen war.