Heinz Sichrovsky über die "Konferenz der Tiere" als Film

Menschheitsvisionen werden verzwergt PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Heinz Sichrovsky über die "Konferenz der Tiere" als Film © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 12 Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer schrieb Erich Kästner, dessen Werke im Nazi-Reich verbrannt worden waren, „Die Konferenz der Tiere“: ein radikales, sarkastisches und liebevolles Märchen vom Aufstand der Tiere gegen Bürokraten und Militärkreaturen.

Aus Erbarmen mit den Kindern, deren Zukunft das Pack abermals zu verzocken im Begriff ist, zernagen Mäuse und Ratten die Aktenberge bilateraler Konferenzen, und Motten fressen den Generälen die Uniformen von den Leibern. Am Ende entziehen die Tiere den Erwachsenen das Sorgerecht und nehmen ihnen die Kinder,
bis die Grenzen fallen und ein Utopia des Friedens und der Bildung realisiert wird. Am Wochenende habe ich mit meiner Tochter die Verfilmung gesehen und fand Kästners Menschheitsvision bis zur Unkenntlichkeit verzwergt: Die Tiere bekämpfen jetzt mit korrektem Disney-Instrumentarium ein umweltbelastendes Hotel in der Serengeti. Kästner wollte eine bewusste, couragierte Generation heranziehen.
Das ist bekanntlich nicht gelungen. Das Bildungsziel heute aber lautet offenbar: ehrenamtliche DinkelkeksbäckerInnen (mit Binnen-I) für Grätzelfeste in Wien-Neubau. Und das, so steht zu befürchten, könnte sogar aufgehen.

Heinz Sichrovsky

sichrovsky.heinz@news.at