Heinz Faßmann: "Die Schulen werden offen bleiben"

Bildungsminister Heinz Faßmann hat nicht nur in Coronazeiten einen unmöglichen Job. Doch was hat Faßmann als Kind, als Vater als Uniprofessor selbst von der Schule erwartet? Was will er als Minister erreichen? Und warum bleiben Wissenschaftler in der Politik immer ein bisserl fremd?

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Heinz Faßmann © Bild: Ricardo Herrgott/News

Aufgeregt? Ja!" - So beschreibt Heinz Faßmann seinen ersten Schultag. Jenen vor 60 Jahren nämlich, als sein Schülerleben begann. Ein "Gefühl des Erwachsenwerdens" sei das gewesen, erzählt er, "am nächsten und übernächsten Tag war dann alles schon Routine. Und ich war froh, in der Schule gewesen zu sein." In den späteren Jahren, zugegeben: "Ich war ein guter Schüler mit Schwächen in Latein. Da hätte ich sehr viel mehr lernen müssen. Das war aber eine Zeit, da habe ich lieber Basketball gespielt, als Latein zu lernen." Aber: "Ich habe mich immer gefreut, dass die Sommerferien zu Ende gehen. Ich bin gerne in die Schule gegangen. Da habe ich meine Freunde getroffen."

Der erste Schultag 2021. Faßmann ist inzwischen Bildungsminister. Aufgeregt? "Ja, es gab eine gewisse innere Spannung und Respekt. Aber in dem Augenblick, wo man in wirklich erwartungsfrohe Kinderaugen blickt - so pathetisch das klingen mag -, hat man ein gutes Gefühl. Sie haben mit Stolz ihre Schultüte getragen, daneben nervöse Eltern. Und eine sehr gut organisierte Schule. Also bin ich letztlich zufrieden von dannen gegangen", beschreibt er den zu Schulanfang obligatorischen Ministerbesuch in einer Volksschule.

Schulbeginn Faßmann
© APA/Hans Punz Wie Faßmann als Vater die Schule gesehen hat? "Natürlich habe ich gesagt, manche Lehrer sind zu streng oder fordern die Kinder zu sehr"

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Kinder, die heuer die dritte Volksschulklasse besuchen, haben noch kein ganzes normales Schuljahr erlebt. Jene, die letztes Jahr an eine andere Schule gewechselt sind, hatten kaum Gelegenheit, die anderen in der Klasse richtig kennenzulernen und zu einer Gemeinschaft zusammenzuwachsen. Viele Kinder und Jugendliche leiden an den psychischen Folgen von Distance Learning und Lockdowns. Eltern, (selbst ernannten) Virologen und vielen Zwischenrufern sind die Regelungen, die heuer ein möglichst "normales" Schuljahr ermöglichen sollen, entweder zu streng oder viel zu lasch.

» Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen ist das Bildungssystem wirklich durchorganisiert«

"Wir haben eine interessante, wirklich polarisierte Stimmungslage", sagt der Minister. "Die einen, die eher rechts der Mitte angesiedelt sind, sagen: "Lassts das Virus ruhig durchrauschen." Die anderen sagen: "Ein PCR-Test pro Woche ist viel zu wenig." Da ist es die Aufgabe eines Politikers, die vernünftige Mitte zu finden. Wir stellen heuer erstmals durchgängige PCR-Tests für alle Schulen in Österreich, 1,1 Millionen Schüler und 120.000 Lehrer auf die Beine. Ein klein wenig Lob sei gestattet: Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen ist das Bildungssystem wirklich durchorganisiert."

"Da bin ich nicht mehr alleine"

Vor allem die "Unbestimmtheit und die Nichtplanbarkeit" haben Eltern und Schülern im vergangenen Jahr zugesetzt, gesteht Faßmann ein: "Da hoffe ich, nein, da weiß ich, dass das dieses Semester anders aussehen wird. Es gibt ein starkes Commitment der Bundesregierung, dass die Schulen diesmal offen bleiben. Da bin ich nicht mehr alleine. Der Kanzler, der Vizekanzler, der Gesundheitsminister gehen in dieselbe Richtung."

Im vorigen Schuljahr musste Faßmann beim Kampf um offene Schulen noch herbe Niederlagen einstecken, sogar ein Rücktritt soll im Raum gestanden sein. Warum das heuer anders ist? "Vielleicht: Steter Tropfen höhlt den Stein. Aber es hilft auch die Tatsache, dass Minister Mückstein selbst zwei Kinder hat und weiß, wie wichtig das ist." Der Rückhalt des Kanzlers hat letztes Jahr gefehlt? "Er sah manch mal andere Notwendigkeiten."

Nun sei dieser aber der Meinung, das Ärgste der Pandemie sei überwunden. Durch die Impfung werde Corona zur persönlichen Angelegenheit. Starke Eingriffe der Politik seien nicht mehr nötig. Faßmann teilt diese Einschätzung auf lange Sicht. Aber: "Wir haben jetzt noch eine zu große Bevölkerungsgruppe, die ungeimpft ist, die kann man nicht alleine lassen. Die würden sonst alle intensivmedizinischen Abteilungen füllen."

Heinz Faßmann
© Ricardo Herrgott/News (K)EIN EINZEL-KÄMPFER. Im letzten Schuljahr kämpfte Faßmann vergeblich um offene Schulen, heute glaubt er den Kanzler, den Vizekanzler und den Gesundheitsminister hinter sich

Kein Freund der Schulbürokratie

Seit bald vier Jahren ist der studierte Geograf und ehemalige Vizerektor der Universität Wien Bildungsminister. Als Experte für Migration hat der gebürtige Deutsche Sebastian Kurz seit dessen Zeit als Integrationsstaatssekretär beraten und wurde von diesem daraufhin als parteifreier

Experte in die Regierung geholt. Vor ihm sind etliche Bildungsminister(innen) an der Schwerfälligkeit des Systems Schule und am Beharrungsvermögen der Lehrergewerkschaften zerschellt. Bei Faßmann hat man den Eindruck, ihm kommt es bei Reformen nicht auf öffentlichkeitswirksames Tempo an. Als Reibebaum für Gewerkschafter muss er seltener her halten als seine Vorgängerinnen.

Welche Erwartungen hatte Faßmann, der mit einer Lehrerin verheiratet ist ("sie weiß ganz genau, dass ich kein Freund überbordender Bürokratie bin, die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer schätze, und wenn sie mir Tipps gibt, was ich machen sollte, dass ich mich bemühe, diese zu befolgen") und zwei Kinder hat, als Vater an die Schule? "Ich war sehr zufrieden mit dem Schulsystem. Natürlich habe ich gesagt: ,Manche Lehrer sind zu streng oder fordern die Kinder zu sehr.' Aber unterm Strich haben sie wirklich viel gelernt. Wir waren eine Zeit lang in den USA, und in der High School sind die Kinder sehr bewundert worden, was sie alles wissen. Man hat dort gesagt: ,Das ist eben das europäische Schulsystem. Dort weiß man noch etwas.'"

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Eine Zufriedenheit, die jene Eltern nicht verspüren, die sich Förderung individueller Talente wünschen und damit hadern, dass das Schulsystem in Österreich das nicht bieten kann. Vielleicht, lässt Faßmann durchklingen, sind viele Erwartungen ja zu hoch. "Die Entfaltung von Talenten soll ja auch von den Kindern selbst ausgehen. Wofür investieren sie mehr Zeit und Energie? Sie sollen nicht immer darauf warten, bis die Lehrerin, der Lehrer sie abholt. Ich habe da nicht so hohe Anforderungen an die Lehrer und an die Kinder gestellt. Die müssen auch ihre Chance haben, sich zu entwickeln, wie sie wollen."

»Jede Generation hat ihre ganz spezifischen Qualifikationen«

Und das Lamento seiner (ehemaligen) Kollegen an den Universitäten, Jugendlichen fehlten grundlegende Kompetenzen, wenn sie von der Schule kommen? "Diese Klage ist so alt wie das Bildungssystem. Immer heißt es, die Jungen können weniger als die Generation vorher. Da habe ich nie eingestimmt. Vielleicht haben sie weniger Allgemeinbildung und historischen Tiefgang. Dafür sind sie unglaublich schnell im Beschaffen von neuen Informationen. Jede Generation hat ihre ganz spezifischen Qualifikationen. Mir war als Hochschullehrer eines wichtig: Bringe die Studierenden zur Selbstständigkeit und dazu, eigene Ideen zu entwickeln und diese im Hörsaal zu diskutieren und zu verteidigen. Das ist sehr viel wichtiger als reinkognitive Lehrinhalte. Ich habe auch immer gerne mit den Studierenden Exkursionen gemacht, um das zu machen, was die Universität in ihrer Gründungsidee immer verfolgte: eine Gemeinschaft der Lehrenden mit den Lernenden. Das ist ein Erfolgsrezept guter Universitäten. In einer Forschungsfrage gemeinsam etwas machen und Studierende schnell in Forschungsprojekte zu integrieren. Eine Form des Voneinanderlernens, die im traditionellen Handwerk noch üblich ist."

Im Zweifel Wissenschaftler

Wenn es Wissenschaftler wie Faßmann, seinen Amtsvorgänger Karlheinz Töchterle oder Alexander Van der Bellen in die Politik verschlägt, kann man beobachten, das ssie in diesem Metier immer ein bisserl fremd bleiben. Sie sind es gewohnt, evidenzbasiert zu arbeiten, mit Fakten zu Die Politik hingegen setzt auf Emotionen und oft auf Halbwahrheiten. Was sind Sie, Herr Faßmann, Politiker oder Wissenschaftler? "Na ja, man kommt schon in eine politische Rolle hinein. Das kann man gar nicht negieren. Aber von der Art des Denkens und dem Zugang zu Problemen bin ich weiterhin Wissenschaftler. Dinge zuerst analysieren, klare Begrifflichkeiten haben, Zusammenhänge zu erklären versuchen und bei politischen Maßnahmen nicht aus den Augen verlieren, ob man deren Ertrag auch messen, belegen und nicht nur versprechen kann."

Fragt man ihn, ob ihm Halbwahrheiten seiner Regierungskollegen in tagespolitischen Debatten Unbehagen bereiten, schaltet Faßmann dann doch auf Politiker: "Man hat seinen Aufgabenbereich, den muss man pflegen. Und man hat gelernt, die anderen Dinge außen vor zu lassen. Ich würde es ja auch nicht gerne sehen, wenn sich die anderen plötzlich in hochschulpolitische Angelegenheiten einmischen."

Gelernt hat der Politiker Faßmann aber auch etwas anderes: Man könnte es taktisches Verhalten nennen. In seinen ersten Monaten im Amt gaben ihm zeitweise die türkisen Strategen die Themen und den Zeitpunkt gewisser Maßnahmen vor. Heute sagt er: "Das waren die Lehrjahre eines Ministers. Ganz offen: Mit einer gewissen Ministerroutine kann man tatsächlich das aufgreifen, was man möchte, und die anderen Dinge abwehren."

Türkiser Gast

Faßmann ist parteifrei. Immer noch. Wurde er gedrängt, der ÖVP beizutreten? "Nein, man hat mich nicht gefragt." Am türkisen Parteitag war er dennoch. "Kurz hat dort eine programmatische Rede gehalten. Mich hat interessiert, was er als Schwerpunkte für die nächsten Jahre ankündigt." Der weitaus größere Teil dieser Rede hat allerdings auf Emotionen gesetzt. "Es gab interessante persönliche Passagen", sagt Faßmann, "etwa zur Frage: Ist man schon politisch müde oder nicht?"

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), Bildungsminister Heinz Faßmann
© APA/HANS PUNZ Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Heinz Faßmann
»Man muss ein bestimmtes Sendungsbewusstsein haben, sonst kann man das nicht durchstehen«

Wie er diese Frage selbst beantworten würde? "Man muss ein bestimmtes Sendungsbewusstsein haben, sonst kann man das nicht durchstehen. Mein Sendungsbewusstsein ist jetzt, die Schulen durch die Pandemie zu tragen und die Dinge, die man verändern kann, zu tun: die Digitalisierung der Schule, die Sommerschule, die Schülern helfen soll, Defizite auszugleichen, die Lehrplanreform. Die Beherrschung von grundlegenden Kompetenzen sicherstellen, wenn die Schule absolviert wurde. Und im Hochschulbereich beizutragen, dass diese an der europäischen Spitze sein können."

Ein Minister als Gärtner

Faßmann ist in seiner Heimatgemeinde Perchtoldsdorf aktives Mitglied der evangelischen Kirche. Auf seine Funktion, die Linie der ÖVP, etwa in Flüchtlingsfragen, werde er da nicht angesprochen, erzählter: "Das Amt, die Funktion bleibt außerhalb der Kirchentore. Da ist man nur Gläubiger und ohne Rechtfertigungszwang, was sehr angenehm ist." Als Wissenschaftler und Migrationsexperte kann er die Idee der Hilfe vor Ort ohnehin mittragen und als Christ den Gedanken, dass Nächstenliebe "wirklich den Nächsten und nicht den Übernächsten meint". Hinter der Forderung, zu helfen und die Migration von einigen wenigen zu ermöglichen, steht für ihn "eine relativ diffuse Motivation. Wir müssten jenen 35 Millionen Menschen helfen, die in Afghanistan leben. Wie kann man einen politischen Prozess aufsetzen, dass das neue Regime auch dafür sorgt, dass die Menschen zu Hause eine menschenwürdige Existenz finden? Da genügt es nicht, zu sagen: Wir nehmen einige auf und der Rest interessiert uns nicht."

Warum es ihm wichtig ist, in der Kirche zu sein? "Wenn alle Menschen nach einer christlichen Ethik leben würden das Verzeihen ist wichtig, auf den Nächsten zugehen, Barmherzigkeit pflegen und in der Gesellschaft Gutes tun , das sind normative Prinzipien, die eine Gesellschaft auf ein gutes Fundament stellen." Die Politik allerdings, gibt er zu, "ist ein anderes Geschäft".

Um von dieser abzuschalten, hat Faßmann ganz profane Mittel: "Gartenarbeit, Rasen mähen, Baum schneiden, Humus aufbereiten, Blumenzwiebeln setzen und sich freuen, wenn im Frühjahr die Blumen wachsen." Und am Sonntag das geerntete Gemüse höchst selbst verkochen: "Ich bin der Familienkoch am Wochenende. Und ich koche gerne und gut. Alle sind zufrieden. Und was besonders wichtig ist: Nachher wird die Küche auch wieder aufgeräumt. Etwas anderes würde meine Frau nicht zulassen."