Heimkinder von

Tatort Kinderheim

Autor Hans Weiss hat ein Buch über die schrecklichen Zustände in Heimen vorgelegt

Heimkinder - Tatort Kinderheim © Bild: © Corbis

100.000 Kinder waren in Österreich in Heimen untergebracht. Ihre Geschichten erzählen von Gewalt, Folter, Missbrauch und Vergewaltigungen. Der bekannte Autor und Journalist Hans Weiss - bekannt unter anderem durch die Bücher "Bittere Pillen" und "Schwarzbuch Markenfirmen" - hat ihre Geschichte aufgeschrieben. Sein Buch erhebt schwere Vorwürfe gegen Koryphäen der Psychologie und Medizin - am bekanntesten wohl Erwin Ringel - und gegen den Gründer der SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiner.

Häufig wird die strukturelle und permanente Gewalt, die über ein halbes Jahrhundert von 1945 bis Mitte der 1990er in vielen Kinderheimen Österreichs herrschte, damit entschuldigt, dass die Erziehung damals eben eine andere war. Schläge und die berühmt-berüchtigte "gesunde Watsche" waren ja übliche Erziehungsmittel. Es geht aber nicht um vereinzelte Übergriffe: "Es geht um Folter, um Massenvergewaltigungen, um schwerste körperliche und psychische Misshandlung", stellte Weiss bei der Buchpräsentation in der Wiener Hauptbücherei klar.

100.000 Opfer der Heime

100.000 Kinder mussten diese Hölle auf Erden durchleiden, für Weiss das "größte Verbrechen der Zweiten Republik". Nur 2,5 Prozent von ihnen - etwa 2.500 Personen - haben bislang Entschädigungen erhalten. Heute werden sie von Kommission zu Kommission weitergereicht, immer noch will niemand für sie zuständig sein. "Einmal Heimkind - immer Heimkind", nennt das ein Betroffener.

Bis heute gibt es keine zentrale Anlaufstelle. "Viele der Heimkinder sind inzwischen verstorben. Zahlreiche haben sich umgebracht oder verstarben früh, weil sie ein Leben am Rande der Gesellschaft verbringen mussten. Die Heime haben sie psychisch und physisch gebrochen. Viele, die noch leben, haben keinen Zugang zu Medien und erfahren nicht, dass sie zumindest moralisch einen Anspruch auf Entschädigung haben", stellte Weiss bei der Buchpräsentation klar.

Wegschauen über Jahrzehnte

Weiss führte mit 45 ehemaligen Heimkindern lange Gespräche und besuchte die 135 "Tatorte", ehemalige und noch aktive Kinderheime. "Erst ab den 1970er und 80er Jahren besserte sich die Lage langsam. Einerseits weil die Gesellschaft sich veränderte, andererseits weil es in Folge der Antibabypille und der Straffreistellung des Schwangerschaftsabbruchs weniger unerwünschte Kinder auf die Welt kamen."

Weiss kam durch persönliche Umstände dazu, dieses Buch zu schreiben. Zum einen weil seine Ziehtochter selbst einige Monate in einem solchen Heim verbrachte, zum anderen weil er im Rahmen eines Praktikums während seines Studiums selbst die schrecklichen Zustände im Tiroler Heim "Kleinvolderberg" kennenlernte.

Das Buch zeigt auf, dass über Jahrzehnte hinweg geschaut wurde. Gemeldeten Vorfällen wurde nicht nachgegangen. Die Polizei ignorierte Anzeigen, in kirchlichen Institutionen wurden Täter, deren Grausamkeit allzu sehr auffiel, immer weiter versetzt, um an anderen Orten ihr Schreckenswerk fortzuführen. Dort kamen sie mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt, die zu Hause häufig extremer Gewalt ausgesetzt waren, um in den Heimen dann gleich Schlimmes oder Schlimmeres zu erleben.

Das ehemalige Heimkind Josef Stangl, das selbst Bücher über die Heim-Zeit geschrieben hatte und bei der Buchpräsentation anwesend war, brachte das folgendermaßen auf den Punkt: "Wir haben oft gesagt, im Gefängnis muss es doch besser sein, und dann auch versucht dort hinzukommen. Das haben wir geschafft, aber dem Heim sind wir trotzdem nicht entkommen." "Jugendbehörden, Justiz, Polizei, die Medizin und die Kirche, sie alle waren im Grunde der Meinung, dass das in Ordnung sei, was da mit den Kindern geschehe", argumentierte Weiss.

Gewaltexzesse

Gewalterfahrungen haben so gut wie alle Heimkinder gemacht und doch gibt es Unterschiede. 66 Prozent aller Opfer kirchlicher Heime berichten von sexuellem Missbrauch. Zum Vergleich in den Wiener Heimen waren das "nur" 44 Prozent. Frauen waren genauso brutal zu Kindern wie Männer, Buben wurden gleich häufig sexuell missbraucht wie Mädchen. Die meisten Gewaltopfer gab es in Vorarlberg, gefolgt von Wien. Die meisten Opfer kirchlicher Gewalt in Tirol, mit großem Abstand gefolgt von Salzburg.

Weiss erstellte auf Grundlage seiner Gespräche eine Liste der subjektiv zehn schlimmsten Heime Österreichs. Diese waren in absteigender Reihenfolge: Martinsbühel (Tirol), St. Martin (Tirol), Bubenburg in Fügen (Tirol), Wimmersdorf (Niederösterreich), Rohrbach (Niederösterreich), Gleink (Oberösterreich), Wilhelminenberg (Wien), Kaiser-Ebersdorf (Wien), Kinder-Beobachtungsstelle Dr. Nowak-Vogl (Tirol), Carita Kinderheim St. Antoin (Salzburg).

Menschenversuche an Heimkindern

Auch gegen Mediziner und Psychologen erhebt der Autor schwere Vorwürfe. Heimkinder dienten vielfach als Versuchskaninchen, wurden niedergespritzt und schwerstens geschädigt. Besonders schrecklich muss es in der Kinder-Beobachtungsstation der Psychiaterin Dr. Nowak-Vogl in Innsbruck gewesen sein. Dort gab es Schläge und Niederspritzen, aber auch Stromstöße an den Hoden und einem Kind wurden Fingerglieder amputiert, um es an der Masturbation zu hindern. Es gab schreckliche Menschenversuche mit Röntgenstrahlen und Hormontests. "Geforscht" wurde auch an der Psychiatrie in Wien. Auch dort gab es zahlreiche Medikamentenversuche, Kinder wurden unter anderem absichtlich mit Malaria infiziert. Weiss nennt es die "Wiener Schule der medizinischen Grausamkeit."

Vorwürfe gegen Ringel und Gmeiner

Gegen den später berühmt gewordenen Dr. Erwin Ringel erhebt der Auto schwere Vorwürfe. Dieser war als beratender Psychiater im Heim in Wiener Neudorf tätig. Als solcher war er auch Teil der Heimkontrollkommission und hätte diese kontrollieren müssen. In seinem Bericht schreibt er von "wundervoller, liebevoller Arbeit". Doch Weiss meint, er hätte sich dafür "Ohren und Augen zuhalten müssen", denn die Berichte der Heimkinder zeigen ein ganz anderes, viel schrecklicheres Bild. Ringel publizierte aber auch zum Thema Elektroschocks. In seiner Publikation behauptete er, dass die Furcht vor Elektroschocks krankhaft sei und deshalb Betroffene speziell geschockt werden müssten.

Auch das makellose Denkmal des SOS-Kinderdorfgründers Hermann Gmeiner bekommt Risse. Neben persönlichen Verfehlungen in der Kinderbetreuung erhebt Weiss den Vorwurf, dass die SOS-Kinderdörfer Kinder selektierten. Wer beispielsweise einen verkürzten Fuß oder ein anderes körperliches Makel hatte, wurde ausgesondert und durfte nicht in den Kinderdörfern bleiben. Häufig kamen diese Kinder dann in die Fänge von Dr. Vogl und wurden seinen grausamen Experimenten ausgesetzt, um im Anschluss im Heimsystem zu verschwinden. Das SOS-Kinderdorf weist diese Darstellungen jedoch zurück.

Bundeskommission gefordert

Das Buch ist eine Schilderung von Grausamkeiten, die für den Leser kaum erträglich sind. Als zeithistorisches Dokument und um dieses Kapitel der österreichischen Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten, ist es jedoch unerlässlich. Zwar hätte sich die Lage inzwischen deutlich gebessert, aber für Weiss liegt immer noch vieles im Argen. Die Verschickung von Kindern in andere Bundesländer und ins Ausland durch die Jugendamtsbehörden kritisiert er vehement, da auf diese Weise wieder Orte entstehen, die kaum oder gar nicht kontrolliert werden.

Für die Betroffenen wünscht sich der Autor eine Bundeskommission, die als zentrale Anlaufstelle tätig werden sollte. Es sollte eine staatliche Untersuchungskommission geben und auch den Kindern der Bundesheime Entschädigung zuerkannt werden. Die Entschädigungen seien generell viel zu niedrig und sollten einheitlich einen bestimmten Satz pro im Heim verbrachten Tag umfassen.

Die zu Zwangsarbeiten eingeteilten Heimkinder sollten für diese Zeit Pensionsversicherungsanspruch erhalten. Entscheidend sei auch, dass die Verjährungsfristen für körperliche und psychische Gewalt an Kindern angehoben werden. Denn bis heute sei kein einziges Verfahren abgeschlossen worden, alle wurden mit Hinweis auf die Verjährung eingestellt. Die grausame Praxis, Entschädigungszahlungen mit anderen Sozialleistungen, wie beispielsweise der Mindestsicherung, gegenzurechnen und solcherart den Betroffenen wieder wegzunehmen, sollte ebenfalls eingestellt werden.

Optimistisch stimmt den Autor die Stärke und Bereitschaft der Betroffenen, über ihr Leiden zun sprechen und dass solcherart "immer etwas nachkommt". Nach jeder Welle der Enthüllungen folgte bislang eine neue. Es bleibt zu hoffen, dass es nie wieder passiert, dass Orte entstehen, an denen Kinder und Jugendliche ohne jede Kontrolle der Grausamkeit und Willkür ihrer Peiniger ausgesetzt sind.

Das Buch "Tatort Kinderheim – Ein Untersuchungsbericht" ist im Deuticke Verlag erschienen und ab 24. September im Buchhandel.

Kommentare

Wieso verjähren die Verfahren für zur Zwangsarbeit verpflichtete Heimkinder, während NS-Zwangsarbeit nicht verjährt?

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