Theater an der Wien von

Inzest in der Geisterwelt

Heinrich Marschners „Hans Heiling“ als Versuch einer Wiederentdeckung

Hans Heilig © Bild: Theater an der Wien

Der Komponist Heinrich Marschner war eine bedeutende Gestalt der deutschen Hochromantik. Richard Wagner hat ihn geschätzt und dann bis zur Unauffindbarkeit übertroffen. Im Theater an der Wien versucht man, seinem Hauptwerk „Hans Heiling“ Ehre widerfahren zu lassen – und offenbart dabei die Gründe für sein Verschwinden.

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Das jammervolle Libretto von Eduard Devrient gewinnt immerhin durch den interessanten emanzipatorischen Ansatz. Hans Heiling ist eine Art männliche Undine – ein Prinz der Unterwelt, der gegen die Beschwörungen seiner Mutter das Reich der Erdgeister um einer Sterblichen willen verlässt, enttäuscht wird und am Ende heimkehrt. Der regieführende Intendant Roland Geyer deutet das Geschehen psychoanalytisch um: Er konzentriert sich auf die umklammernde Mutterliebe der Geisterkönigin und entwirft eine Inzest-Geschichte mit den Zügen eines Psychothrillers. Schon durch die weltformatige Besetzung rückt Geyer diese Fürstin der Finsternis ins Zentrum der Aufführung: Angela Denoke überwältigt gleichermaßen durch Stimmschönheit, Ausdruck und erotische Hochpräsenz. Insgesamt verkörpert die Aufführung hohen sängerischen Standard: Michael Nagy hat für die Titelpartie einen Qualitätsbariton und schauspielerisches Karat vorrätig. Katerina Tretyakova führt einen hübschen Sopran, Michael Sonn einen ebensolchen Tenor, Stephanie Houtzeel ergänzt gut.

Hans Heilig
© Theater an der Wien

Das RSO unter Constantin Trinks lässt der Partitur alles angedeihen, was sie erlaubt. Das ist einerseits nicht wenig: Marschner war ein interessanter Instrumentator, der vor allem in den dunklen Regionen der Fagotte und der Kontrabässe etwas zu bestellen hatte. Andererseits hält sich der musikalische Erfindungsreichtum in Grenzen. Die Ereignisse sind äußerst vorhersehbar illustriert, das Grauen wirkt normiert, und die Dorfszenen machen in ihrer Einfalt erröten. In beiden Belangen wird „Hans Heiling“ durch den „Freischütz“ weit übertroffen. Carl Maria von Weber – oder auch der grandiose Musiksatiriker Gustav Albert Lortzing – wären jedenfalls dringlicher wiederzuentdecken als Marschner.

Hans Heilig
© Theater an der Wien

Geyer inszeniert auf Herbert Murauers stilisierter Szene konventionell und präzise. In der kürzenswerten Kirtagsszene vertraut er einem rustikalen Hyperrealismus, den man (unter anderer Bezeichnung) sonst vor allem in Operettenaufführungen begegnet. Ansonsten pflegt er einen attraktiven psychologischen Symbolismus, erfindet stumme Szenen und vertritt sein Konzept durchgehend tadellos, bis es sich am Schluss mit den Ereignissen des Stücks nicht mehr zur Deckung bringen lässt.

Kommentare

Domenica Emanuel

Also der Name des Tenors der den Konrad singt heißt Peter Sonn, nicht Michael Sonn!!

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