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Schule des Bösen

Buch - Schule des Bösen © Bild: Getty Images/Corbis/In Pictures Ltd.

Dem Krimi hatte er schon abgeschworen. Nun kehrt Håkan Nesser mit einem finsteren Roman ins Genre zurück. Das Interview über die Zeit und ihre Literatur

Mehr als acht Millionen seiner Bücher hat Håkan Nesser nur im deutschen Sprachraum verkauft. Die Ermittlungserfolge der von ihm kreierten Ordnungshüter Van Veeteren und Gunnar Barbarotti sind in dreißig Sprachen beglaubigt. Zwei Jahrzehnte lang dominierte der 67-jährige Schwede mit seinem Landsmann Henning Mankell, dem Schöpfer des Kommissars Wallander, den einschlägigen Markt. Mankell verstarb vor zwei Jahren, und Nesser zog sich schon 2012 aus dem kriminalistischen Genre zurück. Im eben erschienenen Roman "Der Fall Kallmann" allerdings vollzieht er eine zumindest halbe Rückkehr: Vier Tote geben der fiktiven Kleinstadt K. Rätsel auf.

Im Zentrum steht der in die Jahre gekommene Schwedischlehrer Eugen Kallmann, der in einem verlassenen Haus auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen ist. Dann wird der Leichnam des Schülers Otto Hansson, Mitglied einer Neonazi-Gruppe, im städtischen Wald an einen Baum geknüpft. Da der örtliche Kommissar Marklund kapituliert, beginnen Lehrer und Schüler zu ermitteln.

Kein Krimi?

Die Rückkehr ins Genre will Nesser im Gespräch mit News nicht so einfach eingestehen: "Sind Sie sicher, dass mein neuer Roman ein Krimi ist? Ich würde ihn als Roman bezeichnen, der einen Hang zum Krimi hat", sagt er mit dem Tonfall eines Literaturprofessors, der seinen Studenten einer Fehlinterpretation überführen will. Damit stimmt er sich offenbar auf bevorstehende Ehren ein: Soeben hat ihn die Universität Tübingen in Baden-Württemberg zu zwei Poetikvorlesungen eingeladen. Titel der Reihe: "Poetics of Crime" - "Die Poesie des Verbrechens". Es geht darum, Kriminalromane auf ihren literarischen Wert zu überprüfen. Was meint Professor Nesser zum Thema? "Das Problem ist, dass es heute zu viele Krimis gibt. Nur die besten verdienen es, Literatur genannt zu werden. Das sind 25 Prozent, während die anderen 75 Prozent miserabel geschrieben sind." Wessen verschriftlichte Bluttaten er zur Minderheit der besten rechnet, verrät er ebenso wenig wie die verwerfenswerten.

"Die Welt" ist nicht die einzige renommierte Zeitung, in deren Feuilleton Nesser unter die "literarisch herausragenden" Kriminalautoren gerechnet wird. Mit der Herstellung eines herkömmlichen "Whodunnits" gibt sich Nesser längst nicht mehr zufrieden. "Man schreibt doch nur, was man selber lesen möchte. Und wenn ich diesen Roman nicht geschrieben hätte, würde ich ihn lesen. Es handelt sich nämlich um ein ziemlich gutes Buch, anders als alles, was ich bisher geschrieben habe." Recht hat er. In dem für ihn typisch eleganten, eloquenten und unsentimentalen Erzählton wirft Nesser einen Blick in die Seelenabgründe vom Schicksal getroffener Menschen unserer Zeit. Dafür kehrt er in die Welt der Schule zurück, die 24 Jahre lang die seine war. Bis zu seinem 48. Lebensjahr unterrichtete Nesser an Gymnasien Schwedisch und Englisch. Und so führt auch sein Roman in die fiktive Berguntaschula in der Kleinstadt K.

Mord als einzige Lösung

Kapitelweise lässt Nesser seine Figuren zu Wort kommen. Jede wurde vom Schicksal getroffen. Zum Beispiel der Schwedischlehrer Leon Berger, Mittvierziger und Witwer. Seine Tochter und seine Frau sind während eines Urlaubs umgekommen. Die ehemalige Studienkollegin Ludmilla hat Berger als Nachfolger des toten Pädagogen Kallmann an die Berguntaschule geholt. Die Recherchen im Fall Kallmann sind für Berger der Versuch, ins Leben zurückzufinden.

Ludmilla wiederum hadert mit ihrem Leben als ungeliebte Ehefrau und Mutter. Und die Schülerin Andrea muss nicht nur damit fertig werden, dass der Gatte ihrer Mutter nicht ihr leiblicher Vater ist, sondern sieht sich auch mit Abgründigem in der nächsten Verwandtschaft konfrontiert. Man erfährt im Roman, dass jeder, auch ein noch so harmloser Bürger, zum Mörder werden kann. Wie aber ist es zu verstehen, dass der Tod im Roman als "Wanderer" auftaucht, der seine Opfer holt?"Schreiben ist oft so etwas Mysteriöses, man weiß nicht, weshalb man etwas aufgreift und warum man diesen Satz schreibt oder jenen Gedanken fasst. Das kann mit etwas zu tun haben, das man einmal gesehen oder auch gelesen hat", sagt Nesser. Was das Morden anlangt, hat er eine patente Erklärung zur Hand: Für einen Schriftsteller ist es immer interessanter, einen normalen Menschen morden zu lassen, kein Scheusal, keinen Serienkiller. "Aber", fügt er hinzu, "es gibt Situationen, in denen auch ein guter Mensch erkennen muss, dass Mord die einzige Lösung ist. Ich war noch nie in einer solchen Lage, aber wenn jemand meine Tochter bedroht, würde ich ihn töten."

Nessers Berguntaschule mutet wie ein Kleinmodell der heutigen Gesellschaft an. Neonazis überfallen Migrantenkinder und Lehrer, die Polizei ist machtlos. So war es in den Neunzigerjahren, erklärt Nesser. "Damals waren die Rechten noch Skinheads, junge Leute mit rasierten Schädeln und Stiefeln, die sich Nazis nannten und Hakenkreuze an die Wände malten. Aber die waren nur dumm. Diese Typen gibt es in Schweden nicht mehr." Dafür haben die Rechten bei den vergangenen Wahlen in Schweden 20 Prozent der Wählerstimmen kassiert. Das sei natürlich beunruhigend, sagt Nesser, blickt aber unmittelbar bevorstehenden Wahlen hoffnungsvoll entgegen. "Jetzt scheinen sie wieder zu verlieren." Die Ursache sieht er in der Verlagerung der medialen Aufmerksamkeit. Bis vor wenigen Monaten galt die Hauptsorge im Land der Bedrohung durch Migranten. "Viele bangten um ihre Jobs. Aber in den vergangenen Monaten hat sich das öffentliche Interesse auf ein anderes Thema verlagert, nämlich die #Metoo-Kampagne. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Fall sexueller Belästigung aufgedeckt wird. Das halte ich für sehr wichtig. Denn Männer haben sich jahrelang viel zu schlecht benommen, und es wurde ständig verschwiegen. Damit ist jetzt Schluss."

Die Welt ist düster

Ist die Welt am Ende gar nicht so finster, wie Nesser sie in seinem Roman beschreibt? "Die Welt ist heute düsterer, als ich mich je erinnern konnte: Donald Trump als Präsident der USA ist ein gefährlicher Idiot. Ihm steht der nicht weniger gefährliche Typ aus Nordkorea gegenüber. Und was soll aus Europa werden? Denken Sie an Brexit! Katalonien will sich von Spanien trennen, in Polen und Ungarn regieren die Rechten. Man kann beobachten, wie sich alles in die falsche Richtung entwickelt." Wie man diese Probleme lösen soll, kann auch Literatur nicht beantworten, fügt er hinzu.

Aber der ehemalige Lehrer Nesser kennt eine Methode: lesen. "Lesen ist für die Entwicklung des Menschen wichtig. Man bekommt ein Verständnis dafür, wie andere Menschen in anderen Ländern und zu anderen Zeiten gedacht haben. Leser beginnen keine Kriege. Sie sind toleranter, weil sie andere Menschen besser verstehen. Daran glaube ich fest."

Deshalb vereinen sich in seinem nächsten Roman die Erfolgskommissare Van Veeteren und Barbarotti zum Wunderteam, dem kaum ein Leser widerstehen wird. Zuvor bringt er noch die Memoiren seines kürzlich verstorben Hundes Norton heraus: Der Mann arbeitet mit allen Mitteln, und das ist gut so.

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Håkan Nesser
Der Fall Kallmann
Der titelgebende Gymnasialprofessor ist tot, und in der Kleinstadt tut sich die Büche der Pandora auf
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