Haiti versinkt in Gewalt und Anarchie: Auf
die Katastrophe folgen unvorstellbare Taten

Lynchmorde und Schüsse auf plündernde Menschen Suche nach den vermissten Österreichern geht weiter

Haiti versinkt in Gewalt und Anarchie: Auf
die Katastrophe folgen unvorstellbare Taten © Bild: APA/EPA/Thew

In Haiti gerät die Situation wegen der chaotischen Zustände nach den schweren Erdbeben Jänner zusehends außer Kontrolle. Korrespondenten berichteten von mehreren Lynchmorden in der Hauptstadt Port-au-Prince. In einem Fall setzten Anwohner einen mutmaßlichen Dieb in Brand. Andernorts eröffnete die Polizei das Feuer auf eine Gruppe von Plünderern und tötete mindestens einen.

Der etwa 30 Jahre alte Mann wurde durch Schüsse in den Kopf getötet, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Hunderte Menschen hatten zuvor einen Supermarkt in der haitianischen Hauptstadt gestürmt. Die Zusammenstöße mit der Polizei dauerten an, während bewaffnete Verstärkung für die Sicherheitskräfte anrückte.

Um die schlechte Sicherheitslage in den Straßen der Hauptstadt zu verbessern, würden nun 3.500 US-Soldaten die UN-Friedenstruppe sowie die örtliche Polizei verstärken, erklärte Haitis Präsident Rene Preval. "Wir haben 2.000 Polizisten in Port-au-Prince, die nur begrenzt einsatzbereit sind. Und aus dem Gefängnis sind während des Erdbebens 3000 Verbrecher geflohen", erklärte Preval vor Journalisten.

Suche nach Österreichern geht weiter
Der für Haiti zuständige österreichische Botschafter aus Venezuela ist indes persönlich auf der Suche nach acht noch vermissten Österreichern. Gemeinsam mit zwei ortskundigen EU-Kollegen sei er nun unterwegs, um jene Adressen zu überprüfen, an denen sich die Österreicher während des Bebens aufgehalten haben könnten. Da viele Straßen ohne Namen seien, gestalte sich die Suche nicht einfach, so Launsky.

Bei der Erdbebenkatastrophe ist auch die EU-Gesandte in Haiti ums Leben gekommen. Sie habe die Bestätigung für den Tod von Pilar Juarez erhalten, sagte die EU-Außenpolitikchefin Catherine Ashton.

Chaotische Situation
Caritas-Auslandshilfechef Petrik-Schweifer beschrieb die chaotische Situation: "Es gibt kein Trinkwasser und keine Lebensmittel in Port-au-Prince, die Menschen müssen auf der Straße schlafen und stehen unter Schock", erklärte er. "Die Situation ist unhaltbar. Die Toten liegen auf der Straße und ein Verwesungsgeruch hängt über der Stadt."

"Helft uns, helft uns", bittet die 69-jährige Mari-Ange Levee in einem Altersheim. Sie liegt mit Bein- und Rippenbrüchen auf der Erde, Fliegen schwirren um ihre offenen Wunden. Ein Bewohner ist bereits gestorben, weitere werden unweigerlich folgen, wenn nicht unverzüglich Wasser und Nahrungsmittel in dem Heim nur gut einen Kilometer vom Flughafen entfernt eintreffen, wie Leiter Jean Emmanuel sagt.

In der Erdbebenregion in Haiti fehlt es an medizinischem Equipment. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" musste ungeachtet dessen ein Landeverbot für ihre Flugzeuge mit dringend benötigtem Material hinnehmen. Eine Maschine mit Hunderten Tonnen Ladung, darunter ein aufblasbares Spital, sei am Samstag in Port-au-Prince abgeweisen und nach Samana in die Dominikanische Republik zurückgeschickt worden. Das gesamte Material müsse nun von dort per Lkw weitertransportiert werden und käme 24 Stunden später an. Dabei würden tausende Verwundete auf wichtige chirurgische Eingriffe warten.
(apa/red)