"Hätte ich gewusst, dass Israel so auf Ent- führung reagiert, hätte sich es nicht getan"

Hisbollah-Chef Nasrallah gesteht erstmals Fehler ein

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah gesteht einen folgenschweren Fehler ein. "Hätte ich gewusst, dass Israel so auf die Entführung von zwei Soldaten reagiert, hätte ich sie nicht entführt." Sichtlich angeschlagen gab er sein erstes Interview seit Kriegsende dem unabhängigen libanesischen New-TV. "Wir werden auf die zionistischen Provokationen nicht reagieren. Es wird keine weitere Waffenrunde geben", sagte er der schwarz verhüllten Interviewerin.

Nasrallah, von seinen Anhängern als "herzensguter und liebenswürdiger Mann" beschrieben, von Israelis als "einziger arabischer Politiker, der sein Wort hält" geachtet und von Analytikern als "geschickter Taktiker, begnadeter Politiker und Stratege" eingestuft, muss sich gleichwohl für die Fehlentscheidung rechtfertigen. Zwischen 843 und 1300 tote Libanesen hat der Krieg gekostet, je nach Quelle. Mutmaßlich 500 von Israelis getötete Kämpfer der Hisbollah werden verschwiegen.

Beiderseits scheinen die Waffen ziemlich ineffektiv eingesetzt worden zu sein, wenn allein die Zahl der Toten Kriterium sind. Mit 3970 Raketen auf israelische Städte hat die Hisbollah "nur" 39 israelische Zivilisten getötet, fast 100 Raketen für einen Toten. Mit über 15.000 Luftangriffen tötete Israel "nur" etwa 1000 Libanesen, also 15 Luftangriffe mit Dutzenden Tonnen Sprengstoff für einen toten Libanesen.

Erhebliche Schäden bereitete die israelische Armee in den schiitischen Dörfern im Südlibanon. Da lieferten sich Hisbollah-Kämpfer "mit modernsten Waffen, bestens trainiert, höchst professionell und mit tödlicher Taktik" den nur noch wenig kriegsgeübten israelischen Soldaten "heldenhafte Kämpfe", erzählt ein von der Front zurückgekehrter Israeli mit spürbarer Hochachtung, "auch wenn wir am Ende mehr von ihnen getötet und die Schlacht gewonnen haben".

Nasrallah muss sich rechtfertigen, auch wenn die meisten Toten Schiiten waren und an den Märtyrertod glauben. "Immer wieder hörte ich von Müttern oder Vätern, die stolz auf ihre toten Söhne waren, weil sie doch Märtyrer geworden sind. Da gibt es offenbar eine für uns Europäer unnachvollziehbare Mentalität", meint ein Reporter, der gerade aus dem Libanon zurückgekehrt ist. Der Spruch: "Wie wir den Tod lieben, so lieben die Juden das Leben", ist nicht nur bei Palästinensern weiter verbreitet, als man sich in Europa vorstellen kann.

Nasrallah, gleichbedeutend mit "Sieger Allahs", wird in der arabischen Welt als neuer Nasser oder Saladin gefeiert, weil seine hochgerüstete Organisation der stärksten Militärmacht des Nahen Ostens einen Monat lang Widerstand leistete, ohne geschlagen zu werden. Doch der horrende Preis, den der Libanon wegen Nasrallahs Fehleinschätzung bezahlen musste, wird sich erst noch erweisen. Die Tourismusindustrie erhielt einen tödlichen Schlag und auch der Ruf des Zedernlandes, Investitionsparadies zu sein.

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert redet von einem "Wandel der politischen Verhältnisse". Vor zwei Monaten hätte niemand geträumt, dass die libanesische Armee nach dreißig Jahren wieder zur Grenze vorrücken würde. International wird eine Entwaffnung der Hisbollah diskutiert. Und während Nasrallah beklagt, die israelische Reaktion falsch eingeschätzt zu haben, gehen in Israel die Proteste gegen die Regierung weiter. Weiterhin glaubt die Mehrheit der Israelis, dass der Krieg "gerecht" war. Er sei nur viel zu lasch geführt worden. Statt die Hisbollah vernichtend zu schlagen, hätten Regierung und Militärführung gezögert, keine klare Linie gezeigt und mit "Zick-Zack-Kurs" ein "Unentschieden" herbeigeführt. Im Libanon mag Nasrallah in Erklärungsnot geraten sein, in Israel geraten führende Politiker und Militärs unter zunehmenden Beschuss unzufriedener Bürger und Reservisten.
(apa/red)